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BARBARA

12.03.2012 | FILM/TV

Ab 16. März 2012 in den österreichischen Kinos
BARBARA
Deutschland  /  2012 
Regie und Drehbuch: Christian Petzold
Mit: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Rainer Bock, Mark Waschke, Jasna Fritzi Bauer u.a.

Deutsche Vergangenheitsbewältigung betrifft nicht nur Nazideutschland. Dass die DDR ein Unrechtsstaat war, der  in vieler Hinsicht nahtlos auf dem Weg des Verbrechens gegen die Bürger weiter gegangen ist, wird selten zum Thema. Regisseur Christian Petzold zeigt es nun in einem Film auf, der keine Sekunde lang in anklagendes Pathos verfällt, sondern mit schier endloser Ruhe den damaligen Alltag zeigt. 

Brutale körperliche Gewalt kommt da nur am Rande vor (schlimm genug, wenn eine Verdächtige sich wöchentlich ausziehen und von einer Polizistin im Hintern herumstochern lassen muss) – der Psychoterror, der die Atmosphäre vergiftet, ist beinahe noch schlimmer.

Man ist im Norden, irgendeine Kleinstadt am Meer. Ein Krankenhaus. Eine Ärztin kommt aus Berlin, aus der Charité – da würde man überall in der Provinz (nicht nur in der DDR) misstrauisch auf die „Neue“, die wahrscheinlich „Großkopferte“ schauen. Aber jeder weiß, dass eine Ärztin nicht ohne Grund von der Hauptstadt ins Nirgendwo verbannt wird – politisch unzuverlässig. Sie hat, wie wir später erfahren, es gewagt, ganz klipp und klar die Ausreise zu beantragen. Kurz: Man hat ein Auge auf sie. Der örtliche führende Parteigenosse (schrecklich ideal besetzt mit Rainer Bock) – und alle anderen auch.

Denn das zeichnet der Film von Christian Petzold beklemmend: Jeder bespitzelt jeden. Jeder hat Angst, will sich selbst schützen, versagt dem Nächsten Anteilnahme oder gar Hilfe. Misstrauen und Missgunst kennzeichnen nahezu ausnahmslos die Atmosphäre. Und die Ärztin Barbara will nichts anderes, als sich aus allem heraus halten. Möglichst mit niemandem kommunizieren. Gelegentlich aus der Rundum-Beobachtung ausbrechen und sich irgendwo einen Mini-Freiraum schaffen, um für eine Stunde im Wald ihren Freund aus dem Westen zu treffen. Das Geld, das er ihr gibt, vergräbt sie unter den Steinen einer Gedenkstätte. Irgendwann wird sie in einem Boot, das er ihr schickt, fliehen. Und genau deshalb, weil man solches vermutet, steht jede Woche der Stasi-Mann vor ihrer Wohnung und lässt diese (und Barbara selbst) millimeterweise untersuchen… Und der Einzelne ist komplett  hilflos gegen die Staatsmacht und ihre bösartige Willkür.

Aber als Ärztin in einem Krankenhaus kann man, wenn man ein Mensch ist, nicht Dienst nach Vorschrift machen: Und so verhalten-abweisend Nina Hoss (in einer ganz besonderen Meisterleistung) diese Barbara auch spielt, ihren Beruf versteht sie. Das anerkennt auch der Kollege (so sympathisch, wie Ronald Zehrfeld ihn spielt, kriecht da fast ein Stück konventionelles Romanzen-Gefühl in diesen sonst so kalten, klaren Film) – und als die halbwüchsige Stella (typisch unangepasst: Jasna Fritzi Bauer) wieder einmal im Krankenhaus landet, ist Barbara die einzige, die eine wirkliche Krankheit erkennt. Während die anderen doch nur glauben, dass dieses „schwer erziehbare“ Geschöpf wie üblich aus dem Heim (sprich: Gefängnis) ausgebrochen ist.

Mark Waschke hat in den „Buddenbrooks“ und „Habermann“ Hauptrollen gespielt, hier ist er nur am Rande vertreten. Aber seine blonde, gut aussehende Präsenz hat eine wichtige Funktion, die gewissermaßen als Symbol zu werten ist: Er stellt die Verlockung des Westens dar, die Hoffnung auf ein anderes, ein besseres Leben. Dass Barbara dieses am Ende verschmäht und Stella ihren Platz im Boot gibt, ist heikel, weil jene Edelmut-Dramaturgie, die vieles verkitschen könnte. Aber der Film hat ganz langsam, ganz logisch entwickelt, dass Barbara mittlerweile in diesem Krankenhaus (und wohl auch bei diesem Arztkollegen) einen Platz und eine Funktion gefunden hat, die ihr als anständigen Menschen eine Flucht in den Westen unmöglich gemacht hätten…

Das ist kein Hetzfilm gegen die „gute, alte DDR“. Da wird ganz unaufgeregt gezeigt, wie der Alltag damals war. Aber so gezeigt, dass man weiß: Es ist gut, dass es das – zumindest dort, in Deutschland – so nicht mehr gibt. Bei den Filmfestspielen in Berlin gab es für den Regisseur den Silbernen Bären für die Beste Regie. Kein Ideologie-Preis fürs Gutmeinen. Nein, verdient für einen starken Film.

Renate Wagner

 

 

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