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BADEN / ZENTRUM DER MACHT 1917-1918

14.06.2018 | buch

BADEN
ZENTRUM DER MACHT 1917-1918
Kaiser Karl I. und das Armeeoberkommando
mit 160 Abbildungen
160 Seiten, Amalthea Verlag, 2018

Seit das „Kaiserhaus“ in Baden als Museum fungiert, hat man schon einige sehr interessante Ausstellungen über die Habsburger (wen sonst?) geboten. Die derzeitige, die noch bis zum 4. November 2018 zu sehen ist, widmet sich – dem Hundert-Jahr-Gedenken folgend – jenen beiden letzten Jahren des Ersten Weltkriegs, als sich in Baden tatsächlich das Armeeoberkommando befand und Kaiser Karl und seine Familie in der Kurstadt lebten.

Ausstellung und Buch haben reichlich Material zu bieten – von der Beschönigung und Verniedlichung des Krieges bis zu seinen gnadenlosen Auswirkungen. Da schmückte man einrückende Soldaten mit Blumensträußchen, an denen Bildchen von Kaiserin Zita oder dem kleinen Kronprinzen Otto angeheftet waren – aber man sieht auch die Trauerkleidung der Witwen.

Überhaupt die kaiserliche Familie – nachdem die Monarchie in Kaiser Franz Joseph 1916 ihre Integrationsfigur verloren hatte, musste alle propagandistische Wucht auf das Kaiserpaar und seinen Nachwuchs gelegt werden. Man malte Vater, Mutter und vier Kinder auch im ungarischen Krönungsornat, man pinselte das Kaiserpaar auf Kaffeetassen – nicht anders als heute Klimts „Kuss“. Daneben machte sich die Ausrüstung der Soldaten weniger hübsch aus, und es gibt schaurige Ausstellungsstücke live und im Buch zu sehen, etwa einen durch einen Schuß völlig verkrüppelten Oberschenkel oder eine Handprothese für die bedauernswerten Opfer, die solcherart beschädigt wurden. Was nützt daneben die Präsentation von farbenprächtigen Orden?

Krieg ist auch Propaganda – Plakate versuchten, das Volk zu motivieren und bei der Stange zu halten. Krieg ist Organisation – ungezählte Dokumente ordneten und ordneten an, was zu geschehen hatte. Es gibt Briefe, Telegramme, gedrucktes Material. Und man sieht auch die Gerätschaften, mit deren Hilfe das Fernmeldewesen betrieben wurde – aus unserer Sicht „museal“, damit harte Realität.

Baden selbst als Schauplatz zahlloser „öffentlicher“ Stellen ist in der Ausstellung digital zu sehen, einst und heute in vergleichbaren Bildern, auch das Buch hat den Stadtplan und in Fotos die Gebäude zu bieten, wie sie damals aussehen…

Mehr noch als die Ausstellung, die von ihren Objekten lebt (und das geradezu vorzüglich), kann das Katalog-Buch die damalige Situation schildern und auch hinterfragen.

Wobei man mit Kaiser Karl nicht zu harsch ins Gericht gehen sollte – der junge Mann hatte einen Krieg „geerbt“, den er nicht wollte, er ist mit seinem ehrenvollen Versuch, ihn durch Geheimverhandlungen zu beenden, gescheitert, und die Gegenpropaganda hat dafür gesorgt, ihn als Mann darzustellen, der der Situation nicht gewachsen war. Was sogar stimmen mag – aber wer hätte 1917, 1918 noch etwas für die Monarchie „retten“ können?

Baden hat überlebt. Österreich auch. Wir sehen uns die Vergangenheit in Büchern und Ausstellungen an.

Renate Wagner

 

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