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BADEN / Stadttheater: SWEET CHARITY

15.01.2012 | Oper

BADEN / Stadttheater:
SWEET CHARITY von Cy Coleman
Premiere: 14. Jänner 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 15. Jänner

                                                                                                                                               Ideale Hauptdarstellerin: Nina Weiß
Foto: Christian Husar

In allen Belangen des Lebens gibt es die A-Klasse, die selten und kostbar genug ist – aber auch die C-Movies werden gedreht und bringen Geld. In der Welt des Musicals rangiert „Sweet Charity“, obwohl eine Zusammenarbeit von immerhin Autor Neil Simon (besser geht es kaum) und Komponist Cy Coleman, qualitativ bestenfalls in der dritten Reihe. Und wäre auf das Broadway-Musical von 1966 nicht drei Jahre später der Film mit Weltstar Shirley MacLaine gefolgt, würde man das Werk vermutlich gar nicht mehr kennen.

Wo liegt die Schwäche? Dass Neil Simon sich doch nach dem wunderbaren Fellini-Film „Die Nächte der Cabiria“ ausrichten musste, den dieser seiner unvergleichlichen Gattin Giulietta Masina und ihren großen, gläubigen Augen auf den Leib geschneidert hatte. Aber ein Film gibt nicht unbedingt genügend Background für ein Musical ab, auch wenn man die Geschichte nach New York verlegt hat und auf Lokalkolorit setzte.

Was erlebt man? Einmal die zu „Charity“ (=Mitleid) mutierte Cabiria, Taxigirl (=Animierdame) in einem schäbigen New Yorker Club. Ein Geschöpf von schier unglaublicher Gutmütigkeit und Leichtgläubigkeit, bei dem die Naivität nahtlos in Dummheit übergeht. Rührend. Ihre Liebe ist nicht käuflich, sie verschenkt sie großzügig immer an die Falschen. Gleich zu Beginn stößt einer ihrer Liebhaber sie in den Hudson (oder es ist der Teich im Central Park?) und macht sich mit ihrer Handtasche samt Ersparnissen davon.

Wovon kann der Dramatiker Simon als Librettist noch zehren? Ein paar Szenen, in denen Charitys nüchterne „Arbeitskolleginnen“ im Club ihr die Unschuld des Gemüts nehmen wollen – vergeblich. Ein paar Szenen (von der Komik her die gelungensten), wo ein italienischer Filmstar, von seiner zickigen Begleiterin sitzen gelassen, mit Charity loszieht, was ein bisschen pointiertes Geplaudere ergibt – hübsch. Dann trifft sie schon Oscar, den Neurotiker, mit dem sie im Aufzug eingesperrt ist. Da sie sich leicht verliebt und er angesichts ihrer Reize auch nicht abgeneigt ist, kommt es bis zur Hochzeitsparty im Club – bis er den Rückwärtsgang einschaltet. Ein Taxigirl, das erträgt ein braver christlicher Junge ja doch nicht. Charity landet, wie es sich dramaturgisch gehört, wie zu Beginn im Wasser. Und kriecht wieder heraus. Nein, sie lässt sich die Hoffnung auf Liebe und Glück nicht nehmen…

Daraus kann ein Genie wie Fellini einen Film machen, für ein Musical ist es ausgesprochen dürftig, die Gelegenheit für Showszenen werden an den Haaren herbeigezogen, es wird viel gespielt und nur gewissermaßen mit Gewalt immer wieder gesungen – kurz, dementsprechend  schwächelt die ganze Angelegenheit. Zumal dem Komponisten nicht viel mehr einfiel als allerlei rhythmischer Lärm und zwei „Schlager“ – der vom „Big Spender“ (der sogar sprichwörtlich geworden ist) und Charitys „If My Friends Could See Me Now“, als kurz der Glanz des Filmstars auf sie fällt. Basta. Das alles tönt unter der Leitung von Oliver Ostermann aus dem Orchestergraben, wo sich auch Saxophone oder ein Schlagwerk, wie man sie sonst nur in Clubs findet, zu den Musikern drängen…

Man kennt und schätzt die Entschlossenheit des Stadttheaters Baden, nicht immer nur die ausgetretenen Pfade weiter zu trampeln. Ja, für interessierte Zuschauer macht es Sinn, ein wenig bekanntes Werk auszuprobieren – zumal, wenn man die Hauptdarstellerin hat. Sie heißt Nina Weiß und ist schon in den Kammerspielen bei „Singing in the Rain“ äußerst positiv aufgefallen. Mit Streisand-Nase und Minnelli-Frisur (nicht schlecht für einen Musical-Star) stürmt sie auf die Bühne und kann alles: Sie hat eine exzellent klingende und ebenso geschulte Stimme – und sie singt alle Songs nicht nur in prachtvollem Englisch, sondern auch noch mit New Yorker Tonfall. (Für die Musik ist es natürlich die beste Lösung, hier die Originalsprache zu wahren. Dass ein Teil des Publikums gänzlich ahnungslos darüber bleibt, was da gesungen wird, ist allerdings der weniger erfreuliche Nebeneffekt…). Außerdem ist sie mit schlanker Figur eine biegsame Tänzerin, und als Schauspielerin holt sie auf ihre persönliche Art alles aus der Rolle, wenn sie auch nicht die Verträumtheit einer Masina oder den schelmischen Zauber einer MacLaine hat. Der Nina Weiß-Zuschnitt der Rolle rechtfertigt den Abend.

Dazu sind Peter Lesiak als neurotischer Liebhaber Oscar und vor allem Ramin Dustdar mit italienischem Zungenschlag als durch und durch liebenswerter Star die passende Umrahmung der Titelheldin, die übrigen Herrschaften – eine Handvoll vielfältiger Damen (Dagmar Bernhard, Ariane Swoboda, Barbara Wanasek, Julia Tiecher) und ein paar wandelbare Herren (darunter Martin Niedermair und Florian Claus) – machen ihre Sache gut. Ballett und Chor sind reichlich eingesetzt.

Allerdings kennt man die Potenz gerade der Tänzer des Hauses, und ohne jetzt an Bob Fosse zu denken, der vermutlich viel zum Broadway-Erfolg des Werks beigetragen hat, ist man in Baden mehr Schwung gewöhnt, als Ricarda R. Ludigkeit, die für Inszenierung und Choreographie engagiert wurde, mitbrachte. Sam Madwar schuf ein praktisches Bühnenbild (die meisten Elemente werden von den Darstellern selbst herumgeschoben), das allerdings vor einer New Yorker Skyline nicht den üblichen einfallsreichen Badener Glitzerglanz verbreitet. Die Kostüme von Friederike Friedrich bieten hausbackene Nostalgie der sechziger Jahre, der Entstehungszeit des Werks.

Alles in allem ließ vom Stück angefangen manches zu wünschen übrig – Hauptdarstellerin und das Ensemble des Hauses nimmt man von diesem Urteil gerne aus.   

Renate Wagner

 

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