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BADEN / Stadttheater: EINSAME MENSCHEN

07.03.2012 | Theater

 Christian Nickel, Pauline Knof

BADEN / Stadttheater: 
EINSAME MENSCHEN von Gerhart Hauptmann
Eine Aufführung des Landestheaters Niederösterreich
Gastspiel in Baden, 6. März 2012  

2012 ist auch ein Hauptmann-Jahr, er ist, wie Arthur Schnitzler, 1862 geboren, es jährt sich dieser Geburtstag auch für ihn zum 150.Mal. Die Wiener Bühnen interessiert das gar nicht, wie Hauptmann – der deutsche Parade-Dramatiker seiner Zeit und Träger des Literatur-Nobelpreises – hierzulande überhaupt nicht sonderlich reüssiert. Uns „zu deutsch“ wie Schnitzler den Deutschen „zu österreichisch“? Im Endeffekt reduzieren sich die Differenzen auf sprachliche Floskeln. Ein interessantes Stück aber bleibt ein interessantes Stück…

Denn glücklicherweise ist zumindest das Landestheater Niederösterreich eingesprungen, um einen Hauptmann zu präsentieren, und ebenso glücklicherweise nicht immer dieselben „Ratten“, sondern ein Werk, das man seit Menschengedenken nicht  (also die meisten Theaterfreunde hierzulande überhaupt noch nie) gesehen hat: „Einsame Menschen“. Der noch junge Hauptmann schrieb es 1890, und wenn das Problem des Mannes zwischen den zwei Frauen biographisch in der Familie damals nur den (auch schriftstellernden) Bruder Carl traf, so war Hauptmann selbst im Laufe seines Lebens mehrfach persönlich damit belastet. Ein für ihn prophetisches Stück also.

Abgesehen davon eines, das zwar in den Anfängen der weiblichen Emanzipation geschrieben wurde und solcherart vielfach überholt ist, aber dennoch Menschen und Konstellationen zeigt, die man wieder erkennen kann. Die Menschen vor allem! Regisseur Janusz Kica zeigt das Stück auf einer ziemlich leeren Fünfziger Jahre Bühne (Karin Fritz,  Kostüme Aleksandra Kica) zwar in keinerlei muffigem Realismus, neigt zur einen oder anderen symbolhaften Konstellation, lässt aber Menschen und die Geschichte völlig unangetastet. In zwei pausenlosen Stunden rollt eine Tragödie ab, die das Publikum in Baden (bei dem Abstecher der in St. Pölten beheimateten Aufführung) mucksmäuschenstill sein ließ – ungemein gespannt angesichts dessen, was man auf der Bühne sah.

Voran Christian Nickel in der Rolle des Johannes Vockerat. Dass das Burgtheater meint, dass man auf diesen Schauspieler (Peter Steins bemerkenswerten Faust) verzichten kann, zählt zu den Besetzungsrätseln der derzeitigen Direktion. Hauptmann hat in Vockerat einen gewissermaßen „unschuldsvollen“ männlichen Egoismus sehr weit getrieben. Muttersöhnchen, belästigter Ehemann (die Gattin ist ihm einfach nicht gescheit genug), ungern Vater (die Verantwortung gefällt ihm nicht so sehr), erfolgloser, aber höchst eingebildeter Intellektueller, krallt er sich – begreiflich – an die Frau, die des Weges kommt, weil sie im Gegensatz zur Gattin geistig etwas zu bieten hat. Mit einer Rücksichtslosigkeit, die schwer mit anzusehen ist, lebt er diese Begeisterung an der anderen aus und demütigt die Ehefrau mit exzessiver seelischer Grausamkeit, flippt auch immer wieder in trotzige Anfälle schlechter Laune aus. Dass er sich angesichts der gegebenen Situation entscheiden muss, sieht er nicht ein – warum kann man sie nicht alle haben? hat Arthur Schnitzler einmal in seinem Tagebuch geklagt. Nein, das sehen die Männer nicht ein (schon Goethe in „Stella“ wollte beide Frauen haben, basta). Nickel spielt diese Studie des „großen Jungen“ faszinierend, weil ohne Verharmlosung. Er mag sich selbst unschuldig, ja sogar missverstanden und verfolgt fühlen – aber er ist ein Täter. Was der Regisseur vielleicht nicht ihm, aber dem Publikum erspart: Dass Vockerat bei Hauptmann ins Wasser geht und mittels Selbstmord flieht (das letzte Zeichen seiner Unreife), erlebt man nicht, wenn er starr auf der Bühne sitzt und das Licht verlöscht…

Das Stück ist ebenso die Tragödie seiner Frau Käthe, und das ist gewiss eine der überzeugendsten Leistungen, die man von Antje Hochholdinger je erlebt hat. Denn diese Frauen mit dem geringen Selbstvertrauen (von früh an gebrochen, in ihrer „Wertlosigkeit“ bestätigt) gibt es. Sie wollen nur gefallen, also lassen sie sich viel zu viel gefallen. Alle sind für sie wichtiger als sie selbst – berührend Käthes Postulate, „nachdenken“ zu müssen: Sie kommt zu keiner Lösung. Im letzten Akt ist sie zerbrochen: Wie Antje Hochholdinger das spielt, raubt kurzfristig den Atem.

Das Faszinosum, das die intellektuelle Anna Mahr für Vockerat bedeutet, ist bei Hauptmann mehr Behauptung als Darstellung, darum hat es Pauline Knof schwer. Sie darf zwar mit langen Locken prunken und in hässlichen Gewändern doch andeutungsweise Erotik mitbringen, aber man muss ihr die Klugheit glauben. Was sie zeigt, ist eine Mischung aus Rücksichtslosigkeit und Berechnung – sie will nicht nur Vockerat, sondern auch die Frauen einfangen, seine Frau, seine Mutter. Die sind zwar freundlich, wie man es unter wohl erzogenen Bürgern eben ist, aber sie haben den guten Instinkt zu fühlen, dass hier Unglück, Zerstörung, ja das Ende winkt.

Und noch eine vierte Figur steht ganz stark im Mittelpunkt: Vockerats Mutter. Die fromme Bürgerin, die alles am besten weiß, man muss sie nur fragen. Die scheinbar Milde und Verständnis verströmt, aber nur sture Doktrin über das Leben legt: Wie schön, dass die im Burgtheater wenn überhaupt, dann mit Mini-Rollen abgespeiste Brigitta Furgler hier mit dieser starken, aber nie überzeichneten Studie zeigen kann, wie das menschliche Mittelmaß schaudern machen kann.

Stark auch die übrigen: Oliver Rosskopf als ein Bohemien, dem Hauptmann zu wenig Raum im Stück gegeben hat, Helmut Wiesinger als beschwörender Vater und Spießbürger, Klaus Haberl als ein Pastor am Rande. Mit Christine Jirku schiebt sich das Proletariat kurz ins Bürgerzimmer, mit dem stummen Dienstmädchen von Ulrike Sophie Rindermann ist es immer präsent.

Wie gesagt: ein vor Spannung mucksmäuschenstilles Publikum – und am Ende weit begeisterter, als es anspruchsvollen Stücken sonst geschieht. Gute Aufführungen sind als solche erfühlbar und erkennbar.

Renate Wagner

 

 

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