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BADEN / Stadttheater: DER KÖNIG UND ICH

Patricia Nesy (Anna), Anna Mandrella /Lady Thiang) und Darius Merstein-MacLeod. Foto:  Christian Husar

Baden / Stadttheater: DER KÖNIG UND ICH von Rodgers & Hammerstein

5. Aufführung in dieser Inszenierung

6. März 2020

Von Manfred A. Schmid

Nach der von Publikum und Kritik begeistert aufgenommenen Produktion des Musicals Der Kuss der Spinnenfrau, aus den politisch interessierten 90er Jahren stammend, wendet sich die Bühne Baden mit Der König und ich einem Sensationserfolg aus der Nachkriegszeit zu. Der attraktivste Glatzkopf Hollywoods stand damals in der Rolle des allmächtigen, traditionsbewussten Königs von Siam, der sich von einer englischen Lehrerin unwillig, letztlich aber doch belehren lässt und einsieht, dass sich die Welt verändert hat und neue Formen des Umgangs miteinander einfordert, erstaunliche 4631 Mal auf der Bühne.  Als das Musical 1956 verfilmt wurde, erhielt Yul Brynner für seine Leistung den Oscar als bester Darsteller.

Die erste Verfilmung des Stoffes, auf der Grundlage des Romans „Anna and The King Of Siam“ von Margaret Landon, mit Rex Harrison in der männlichen Titelrolle, gab es schon 1946. Ein Remake – mit Jodie Foster als Erzieherin – kam auch noch 1999 in die Kinos. Dieser Produktion – wie auch einem im selben Jahr erschienen Animations- und Zeichentrickfilm – war allerdings kein nennenswerter Erfolg mehr beschieden. Die exotische Geschichte rund um das heikle, von erotischen Spannungen gekennzeichnete Verhältnis zwischen dem despotischen Herrscher mit Macho- und Pascha-Allüren und der ihm unerschrocken gegenübertretenden Frau aus dem Westen schien niemanden mehr zu interessieren. Alarmiert zeigte sich nur die thailändische Zensurbehörde, die die beiden Filme, wie zuvor auch schon das Musical, umgehend verboten hatte und keine Aufführungen zuließ. Man befürchtete, dass der thailändische Herrscher lächerlich gemacht werden könnte. Und darauf steht dort bekanntlich die Todesstrafe. – Nicht verboten, aber immerhin lange Zeit ignoriert wurde in Österreich übrigens der größte Erfolg des Duos Richard Rodgers & Oscar Hammerstein II. Ihr Musical The Sound of Music, das in den USA jeder kennt und das das Österreichbild der Amerikaner entscheidend und durchaus positiv, wenn auch ziemlich verkitscht geprägt hat, ist erst in den letzten Jahren hierzulande auf Respekt und Wohlwollen gestoßen und steht nun seit einiger Zeit im Repertoire der Volksoper, die jüngst auch deren bezauberndes schottisches Musical Brigadoon halbszenisch auf die Bühne gebracht hat.

Das in die Jahre gekommene Musical Der König und ich hat es in Zeiten von me-too alles andere als leicht. Der mit Macho- und Pascha-Allüren ausgestatteten Königs, der seine vielen Frauen als persönlichen Besitz betrachtet, ist einerseits ein Scheusal, andererseits aber auch ein Mann, dem die Bürde seines Amtes zuweilen zu schwer wird und hinter dessen zur Schau gestellter Selbstherrlichkeit sich Verletzlichkeit und Verunsicherung verbergen. Darius Merstein-MacLeod aber wirkt – auch wenn er poltert und schreit – viel zu sympathisch, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Überaus berührend ist er dafür in der Tanzszene „Shall We Dance“ mit Anna sowie im Finale auf dem Totenbett, wenn er es nicht mehr nötig hat, die Pose des autokratischen Herrschers einzunehmen, sondern die nötigen Anpassung an die neue Zeit akzeptiert und seinen reformwilligen Thronfolger, Prinz Chulalongkorn (etwas blass Melvin Hirschmann) dazu ermuntert, die anstehende Reformen anzugehen. Die aufklärerische Tätigkeit der Lehrerin hat also doch Früchte getragen. Etwas mehr Wortdeutlichkeit beim Singen hätte ihm freilich nicht geschadet.

Tanzszene zur Geschichte von „Onkel Toms Hütte“. Foto: Bühne Baden / Christian Husar

Patricia Nessy als Anna Leonowens weiß ihre vielfältige Musicalerfahrung – sie war u.a. Elisabeth im gleichnamigen Musical am Theater an der Wien und Aldonza in Der Mann von La Mancha an der Wiener Volksoper – gut auszuspielen und gibt eine selbstbewusste, taktisch kluge und mit viel Empathie ans Werk gehende Erzieherin, die dem verborgenen Charme des Königs nicht unempfänglich gegenübersteht. Ein erotisches Knistern, bei dem die Funken sprühen, wie einst zwischen Yul Brynner und Deborah Kerr, ist hier aber nicht zu konstatieren. Die Rolle ihres Sohnes Louis ist bei Jonas Zeiler in den besten Händen.

Es gibt als Nebenhandlung noch eine weitere, allerdings zum Scheitern verurteile Liebesgeschichte zwischen der blutjungen Prinzessin Tuptim aus Burma, die dem König als Geschenk übereignet worden ist, und dem am Hofe angestellten Lun Tha. Valerie Luksch hinterlässt als unglücklich Liebende einen starken Eindruck und singt herzergreifend, was von ihrem Geliebten (Beppo Binder), leider nicht behauptet werden kann. Auch er erregt Mitleid, allerdings ob seiner darstellerischen und gesanglichen Unbeholfenheit. Eine bezwingende Gestaltung gelingt hingegen Ann Mandrella, die als Lady Thiang der Hauptfrau des Königs Würde und Noblesse verleiht.

In der von sparsamen asiatischen Akzenten geprägten Ausstattung von Monika Biegler und in der sich etwas zu behäbig dahinschleppenden Inszenierung von Leonard Prinsloo verdient die vielköpfige Schar der kindlichen bis jugendlichen Prinzen und Prinzessinnen lobende Erwähnung. Der König nennt zwar 67 sein Eigen, gibt aber entschuldigend zu verstehen, dass er erst sehr späte angefangen habe. Gezeigt werden ohnehin nur die zum inneren Kreis seiner wichtigsten Frauen gehörenden Sprößlinge, insgesamt dreizehn an der Zahl. Und das ist für ein so kleines Haus ohnehin schon recht viel. Gespart wird dafür bei der Besetzung der britischen Diplomaten, die überraschend am Hofe eintreffen und zu einem Empfang mit Ball eingeladen werden. Denn übrig bleibt letztlich nur noch ein einziger Gesandter namens Sir Edward Ramsay. Thomas Weissengruber ist freilich kein überkorrekter, trockener englischer Beamter, sondern ein wienerischer Charmeur, der vor den argwöhnisch bis eifersüchtig blinkenden Augen des Königs mit Anna schäkert, als wäre er als Graf Danilo dabei, im Auftrag der Regierung der lustigen Witwe seine Zuneigung zu schenken. Ein Agent mit der Lizenz zum Lieben.

Die im Retro-Look daherkommende Aufführung der Bühne Baden kommt beim Publikum gut an. Es wird viel gelacht, der Schlussbeifall ist beachtlich. Die Frage, ob dieses Stück heute noch etwas zu sagen hat, bleibt dennoch in der Schwebe.

 

 

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