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BADEN / Sommerarena: GRÄFIN MARIZA

13.07.2012 | Oper

Theaterfest NÖ / Sommerarena Baden:
GRÄFIN MARIZA von Emmerich Kálmán
Premiere: 13. Juli 2012  

Natürlich schätzt man an Baden besonders, dass in der Werkwahl nicht stets der Weg des geringsten Widerstandes genommen wird und man immer wieder Werke zu sehen bekommt, die wenig oder kaum bekannt sind. Doch hält man sich an das Populäre, hat das natürlich auch seine Vorteile: Emmerich Kalmans „Gräfin Mariza“ ist schlicht und einfach ein Meisterwerk des Genres, in dem ein echter Hit den anderen jagt und Operette auf höchstem musikalischen Niveau geboten wird: Es gibt Komponisten, die ihr Leben davon bestreiten, was Kalman hier in einer halben Stunde eingefallen ist.

Geht man dergleichen in der Sommerarena Baden an, dann weiß hier im Haus jeder, dass dieses Genre als theatralisches Schmähführen gemeint ist („Denn meine Leidenschaft brennt heißer noch als Gulaschsaft“ darf nicht ernst genommen werden). Wer einen ganzen Mistwagen von Problemen über ein Werk dieser Art ausschüttet, macht sich vielleicht wichtig, tut aber niemandem etwas Gutes – man erinnert sich an Vera Nemirovas Zigeunerproletariat in Marizas Wellblech-Scheune damals vor zehn Jahren an der Volksoper… Dergleichen kann in Baden nicht passieren, auch wenn Chef Robert Herzl gerade nicht greifbar war, weil er in St. Margarethen fremdging: Isabella Fritdum kann dergleichen auch sehr gut auf die Bühne stellen (allerdings kommt sie auf drei Stunden Spieldauer, und das ist entschieden zu viel), und wenn man die Ausstattung von Susanne Thomasberger mit der Mörbischer „Fledermaus“ vom Tag zuvor vergleicht, siegt Baden haushoch. Das ist vielleicht nicht der ultimative Einfallsreichtum, aber an Geschmack fehlt es den Bühnenbildern und Kostümen aus den zwanziger Jahren hier nie. Ballett hat man hier schon eine Spur einfallsreicher gesehen, aber jedenfalls hält die Choreografie von Guido Markowitz gutes Operettenniveau.

Niemand möge dies für eine fremdenfeindliche Bemerkung halten, aber es ist doch seltsam, dass Operettensänger nicht (oder doch nur sehr rar) auf heimischen Bäumen wachsen. Die Norwegerin Hege Gustava Tjønn (die nebenbei gesagt exzellent Deutsch spricht) ist eine elegante Blondine, die sich so weit um Paprika-Temperament bemüht, dass sie sich die Rolle der Mariza auf ihre damenhafte Persönlichkeit zuschneidet. Letztendlich ist sie, stimmlich auf der Höhe ihrer Aufgabe, die romantische Operettenheldin, was gleicherweise für ihr männliches Pendant gilt: Thomas Sigwald macht als Graf Tassilo, der vom Libretto her meist beleidigt und missverstanden sein muss, gute Figur und bringt die Höhen der Rollen. Es geht, wie dieses Paar zeigt, auch sehr gut ohne ausuferndes Schmalz.


Hege Gustava Tjønn mit Publikumsliebling Heinz Zuber (Foto: Christian Husar, Bühne Baden)

Der Rest sind komische Rollen, und da passiert manches Hübsche – voran wohl der kugelrunde und so unwiderstehliche Heinz Zuber als alter Diener Tschekko, der das Ruder an sich reißt, sobald er nur den Mund aufmacht. Aber auch Thomas Markus als Baron Koloman Zsupán ist eine schwergewichtige Wucht, weil ein wirklich liebenswerter Komiker, der seine Erwählte Kerstin Grotrian (als Lisa) gewaltig herumwirbeln darf. Mit seinem originalen ungarischen Zungenschlag spielend, ist Tibor Szolnoki als Fürst Populescu höchst präsent, und Franz Josef Koepp macht als Freund des Helden gute Figur.

Die Dritte-Akt-Komiker, die Fürstin Bozena und ihr Kammerdiener Penizek, stellen immer ein Problem dar, weil sie gar so spät am Abend auftreten und man dann schon mit einiger Ungeduld dem Happyend zustrebt: Ulli Fessl kann diese Schwierigkeit auch nicht ganz zufrieden stellend aufheben, aber ihr Penizek lässt (wenn auch immer gar zu ausführlich) aufhorchen, weil da eben kein alter, nuschelnder Hans-Moser-Typ auf der Bühne steht, sondern ein riesiger, schlaksiger Groteskkomiker, der nicht verhehlen kann, dass er ein Kabarettist ist: Florian Stanek.

Da schließlich das „Milieu“ – ungarisch, zigeunerisch – in der Musik so unwiderstehlich beschworen wird, braucht es auch eine Zigeunerin (Elvira Soukop) und einen Primas (Florian Konyai). Und als Draufgabe ist auch noch der Dirigent Ungar: László Gyükér. Mehr kann man nicht verlangen. Das Publikum blieb bis zum Ende bei der Stange und feierte einen Abend, der es ihm leicht machte – so, wie es gemeint ist.

Renate Wagner

 

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