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BADEN / Sommerarena: DIE DREI MUSKETIERE

23.06.2012 | Oper

BADEN / Sommerarena: 
DIE DREI MUSKETIERE von Ralph Benatzky
Premiere: 22. Juni 2012  

Die erste Operettenszene gab es schon, lange bevor das Spiel in der Sommerarena Baden anhob. Da hielt vor dem Haus niemand anderer als ein tiefbraun gebrannter Ioan Holender Hof und ließ sich von Intendant Robert Herzl umschwärmen. (Normalerweise ist es ja umgekehrt, da kreist alles um den Intendanten, aber in Österreich schafft man es ja auch noch als „Ex“, sich eine Aura der Wichtigkeit zu geben.) Freilich, als der Ex dann mit Gattin in der Loge neben jener des Intendanten thronte (und auf seinen ehemaligen Angestellten herabblickte, der im Auftrag der Kronen Zeitung als Kritiker anwesend war), hatte er nicht einmal den Anstand, die Aufführung durchzustehen: Nach der Pause war er samt Ehegespons verschwunden, was man als ziemlich schlechtes Benehmen erachten muss – zuerst aller Welt zu zeigen: Ich bin da! und dann klar zu machen: Ich bin weg!, das kann ja nur den Eindruck erwecken, wie schrecklich er das Gebotene  fand…

Da hatte ein anderer Herr, mir persönlich unbekannt, aber offenbar ein hoher kirchlicher Würdenträger, immerhin prominent in der Loge daneben, mehr Haltung: Zwar erstarrte er zu Eis, als ein leicht geschürztes Nonnenballett über die Bühne hopste, aber er blieb jedenfalls bis zum Ende, sah sich zusätzlich einen intriganten Kardinal und einen albernen Priester auf der Bühne an – und klatschte sogar amüsiert. Ja, es gibt bei den auch bei uns im Forum so attackierten Angehörigen der Kirche zweifellos Herrn von mehr Format als Ex-Direktoren…

Eine Kleinigkeit noch, die beweist, dass man nie auslernt. Der Badener Bürgermeister hat die ultimative Definition für Ludwig van Beethoven gefunden. Er nannte ihn bei seiner einleitenden Rede den „Komponisten der Europa-Hymne“…

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Dass von einem Künstler – ob Dramatiker, ob Komponist, ob Autor, ob Maler –  nicht alles „überlebt“, was er geschaffen hat, ist eine logische Tatsache: Nie kann alles Geschaffene gleich gut sein, nie kann es die Nagelprobe durch die Nachwelt in gleicher Weise bestehen. Wer „Benatzky“ sagt, sagt „Weißes Rössl“ und sonst gar nichts, denn wer hätte je den legendären „Axel an der Himmelstür“ wieder hervorgeholt? Und auch die Zeiten, als man noch altmodisch genug war, die „musikalischen Lustspiele“ der dreißiger Jahre wie „Meine Schwester und ich“ oder „Bezauberndes Fräulein“ zu revitalisieren, sind lange vorbei. Nein, nur die Rössl-Wirtin hat einigermaßen überlebt – und dass es von Benatzky „Drei Musketiere“ gibt, haben wohl nur die wenigsten von uns gewusst.

In der Badener Sommerarena eröffnet man nun damit den alljährlichen Operettensommer (der Mut von Robert Herzl zu Raritäten muss immer wieder gelobt werden, denn dergleichen könnte auch sehr schief gehen) – und fährt den üblichen Erfolg damit ein. Obwohl dieses „Spiel aus romantischer Zeit mit Musik von gestern und heute“ (so schon die originale Bezeichnung von 1929) eine nur bedingt gelungene Angelegenheit ist.

Die Handlung hat mit den originalen „Musketieren“ von Alexandre Dumas, dem „Vater“, wenig zu tun – bei ihm sind es ja bekanntlich vier Musketiere, da sich zu Athos, Porthos und Aramis dort das Landei d’Artagnan dazu gesellt, hier hat man Athos gleich weggelassen, also sind es gleich nur drei. Königin Anna spielt zwar noch mit, aber nicht als junge Frau, die mit dem Herzog von Buckingham flirtet und deren Halsband es von den Musketieren zu „retten“ gilt, sondern als Regentin / Mama des jungen Ludwig XIV. Der Kardinal ist von Richelieu zu Mazarin geworden, und weit und breit keine Lady de Winter. Nur eine sich mühsam fortschleppende Handlung, die kaum eine ist, sondern nur eine Unzahl (und davon viele nutzlose) Figuren bedient. Am Ende übergibt die Königin ihrem Sohn die Regierung und sich selbst ihrem jungen Liebhaber hin – es ist, erraten, d’Artagnan, und dieser strahlt, obwohl die Dame, die ihn erwählt hat, mindestens seine Mama sein könnte. Auch Porthos und Aramis kommen, mehr nolens als volens, unter die Haube.

Was die Musik betrifft, so ist der Hinweis auf „Musik von gestern und heute“ durchaus gerechtfertigt, denn nicht alles, was als Benatzky gilt (den die Zeitgenossen übrigens „Benutzky“ nannten), ist auch von ihm, das war schon im „Weißen Rössl“ so und hier offenbar auch: Die Ouvertüre, die da erklingt, ist eindeutig von Johann Strauß (die Hietzinger Remasuri aus „Wiener Blut“), und auch im Werk selbst horcht man mehrfach auf, weil man die Töne doch eindeutig von woanders her kennt – und das gilt nicht nur für das vermutlich hineingestoppelte Opern-Quodlibet. So genau muss man dies alles allerdings nicht erforschen, denn es ist nicht der Mühe wert. Tatsächlich – das ist gekonnte, gefällige Gebrauchsmusik ohne Hit-Verdächtigkeit, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Also: Auf die Machart kommt es an, und da ist Baden ja ziemlich unschlagbar. Weil Robert Herzl sich einfach traut, Operette zu spielen, wie es sich nach der Meinung vieler einfach gehört. Gekonnt, schwungvoll, mit Humor, Schmäh, Buntheit und viel Gesang und Tanz vom Besten. Vor allem letzteres: Michael Kropf stellte sich als Leiter des Badener Balletts vor (eine junge Akquisition, es gibt ihn in dieser Eigenschaft seit Mai 2012), und eine bessere Visitenkarte hätte er nicht abgeben können. Das ist sicherlich einer der Schwerpunkte des Abends – dass nicht nur mit Schwung und Präzision getanzt wird, das war eigentlich immer so und immer ausgezeichnet. Aber hier kommt noch ein oft verblüffender Einfallsreichtum dazu, eine Kombination aus Witz und Frechheit, die einfach bestrickt. Und da werden auch die Darsteller in eine brillante Bewegungschoreographie einbezogen, die gewissermaßen den ganzen Abend durchpulst. Ein Glücksgriff. (Christian Zmeck, der auch den Kommandeur der Musketiere spielen durfte, sorgte dafür, dass die Fechtszenen nicht dilettantisch ausfielen.)

Baden ist auch immer Ausstattung – und selbst wenn Pantelis Dessyllas es einmal relativ bescheiden gibt, ist er doch (nach dem Tod von Rolf Langenfass) der letzte Ästhet. Vor einer angenehmen Heckenlandschaft braucht es nur ein paar weiße Bänke oder ein paar Wirtshaustische, und man ist, wo man sein soll, zumal man im Hintergrund diskret einen Hinweis auf den jeweiligen Schauplatz liest. Die Kostüme sind so schön, wie es hier nötig ist, und jetzt müssen die Herrschaften, die auf der Bühne stehen, nur noch können, was Robert Herzl ihnen abverlangt.

Reinhard Alessandri sieht aus wie ein Filmheld aus den sechziger Jahren, könnte durchaus im „Wirtshaus im Spessart“ dabei gewesen sein, ficht und schmachtet wahlweise gleich romantisch und krönt seinen Bariton mit tenoralen Höhen. Daniel Ohlenschläger ist der robuste Porthos und Darius Merstein-MacLeod der komische Aramis, und der Abend sorgt dafür, dass beide nicht neben d’Artagnan untergehen: Merstein-MacLeod bekommt sogar zusammen mit Miriam Sharoni – die als Zigeunerin Leona ohnedies die interessanteste Dame des Abends ist – ein Opern-Quodlibet, in dem sie sich ironisch quer durchs große Repertoire singen, sehr zum Ergötzen des Publikums.

Es gibt, wie gesagt, viel zu viele Figuren an diesem Abend, so kommt jede nur zu ein bisschen Wirkung, am ehesten noch Frauke Schäfer, weil sie die Königin ist, Jasmina Sakr, Elisabeth Fruhmann und Kateryna Pacher (die als gebürtige Ukrainerin eine Russin spielt) machen ihre Sache gut, und Edith Leyrer mag zwar hergerichtet sein wie eine alte Hexe, als Komikerin beherrscht sie die Szene, wann immer sie auftritt.

Die Herren der Kirche haben ihre Rollen – Artur Ortens amüsant als intriganter Kardinal, Robert Sadil, ein genuiner Komiker, als Pater. Beppo Binder versucht darüber hinweg zu spielen, dass seine Zuckerbäcker-Rolle als sinnlos durchhängt, Stefan Bischoff ist der künftige Ludwig XIV. Freilich, so genau nimmt es die Regie nicht – das Ganze spielt ja wohl 1661, aber trotzdem wetterleuchten da Revolution, Marseillaise, ja sogar der CanCan. Was soll’s, wer wird es hier genau nehmen. Das Publikum jubelte hingerissener, als es dem Werk selbst zukam, aber ein verdienter und veritabler Badener Erfolg setzt sich ja aus vielen Komponenten zusammen.

Renate Wagner

 

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