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BADEN-BADEN/ Festspielhaus: „MAZEPPA“ von Peter Iljitsch Tschaikowsky

11.11.2021 | Oper international

Baden-Baden: „MAZEPPA“ – 10.11.2021

olga peretyatko (maria) vladimir sulimsky (mazeppa) kirill petrenko (dirigat) (c) monika rittershaus
Olga Peretyatko (Maria), Vladimir Sulimsky (Mazeppa), Kirill Petrenko. Foto: Monika Rittershaus

Die Oper „Mazeppa“ komponierte Peter Iljitsch Tschaikowsky zwischen seinen großen populären Meisterwerken „Eugen Onegin“ und „Pique Dame“, sie erlebte 1884 in Moskau ihre UA. Dem Werk liegt eine Novelle von Alexander Puschkin zugrunde, eine leicht verworrene Handlung um den Kosakenhetmann Mazeppa in der Ukraine als Freiheitskämpfer verehrt, in Russland als Staatsverräter geächtet hat er von Voltaire über Lord Byron bis Brecht literarische Spuren hinterlassen. Schwer glaubwürdig zu inszenieren, im Jahre 2002 erlebte die Oper hier im Festspielhaus ihre letzte Aufführung während eines Gastspiels des Mariinsky-Theaters St. Petersburg, mir kam daran jegliche Erinnerung abhanden. Weshalb wurde mir heute während der konzertanten Aufführung umso mehr bewusst. Der Marinismus des Stückes, die russische Seele zu verstehen obliegt uns Mitteleuropäern weniger, beim Mitlesen der Textur dachte ich oft an Frickas Worte mir schaudert das Herz. Die banale Story um den Helden, ein junges Mädchen verliebt sich in ihren Patenonkel, in unserer Zeit kein nichts ungewöhnliches, der Sexappeal eines alten Mannes erhöht sich mit dem Umfang seines Scheckbuches. Aber Spaß beiseite, die martialisch durchwebte Handlung fand auch zu Lebzeiten des Komponisten wenig Gegenliebe und galt in keiner Weise als Highlight in Tschaikowskys Schaffen. Im Verlaufe des Abends fragte ich mich öfters was hatte wohl Kirill Petrenko bewogen sich ausgerechnet diesem Werk anzunehmen?

Von Akt zu Akt empfand ich die Partitur als „Opern-Symphonie“, versuchte Sänger trotz vortrefflicher Leistungen im Gehör zu eliminieren um der Musik mit ihren folkloristischen, marcialen Elementen zu lauschen. Atemberaubend mit welcher unerbittlichen Stringenz Kirill Petrenko seine Berliner Philharmoniker zu musikalischer Intensität animierte, die teils blutleere Partitur dennoch dramaturgisch nuanciert auszuloten und dabei jegliche Trivial- Douceurs vermeidend. Bestens akzentuierend, dynamisch und dennoch emotional begleitend hatte Petrenko stets wachsam die Solisten im Blick. Dieses wohl weltbeste Orchester in allen seinen exzellent musizierenden Facetten und elitären Instrumentalgruppen noch mehr gebührend zu loben, hieße Eulen nach Athen tragen! Besser geht´s nicht!

Vokal souverän entfaltete Vladimir Sulimsky sein heldenhaft-intensives Bassbariton-Potenzial, wirkte gestalterisch sehr eindimensional, mehr seinem Notenmaterial als seiner bezaubernden jungen Geliebten zugetan. Olga Peretyatko war nicht nur optisch auch vokal mit glockenhellem Sopran die ideale Maria, schenkte dem Duett mit der verzweifelten Mutter (Oksana Volkova) unterschwellig dramatische Züge und betörte mit innigem Wiegenlied zum Finale.

Voluminös, mit leuchtender Strahlkraft avancierte Dmitry Ulyanow als Marias Papa Kotschubei mit prächtigem schönstimmigem Bass zum gefeierten Vokal-Solisten. Andrei, Marias Jugendfreund sang mit hell strahlendem Tenor Dmitry Golovnin, war lediglich mit der hohen Tessitur der Partie zuweilen überfordert.

Mit absolut großartigen Stimmen waren die Nebenrollen besetzt, so glänzte mit herrlichen Basstönen Dimitry Ivashchenko als Orlik, dem Vertrauten Mazeppas. Ein tenorales Kabinett-Stückchen steuerte Alexander Kravets als betrunkener Kosak bei. Anton Rositskiy portraitierte vortrefflich den Iskra. Prächtig, homogen fügte sich der Rundfunkchor Berlin ins Geschehen. Absolute „Stars“ des Abends und frenetisch gefeiert waren jedoch Kirill Petrenko und seine Berliner Philharmoniker.

Gerhard Hoffmann

 

 

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