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BADEN-BADEN: MARIA JOAO PIRES – LONDON SO. – DANIEL HARDING” Konzert

14.12.2015 | Konzert/Liederabende

Baden-Baden: „MARIA JOAO PIRES – LONDON SO. – DANIEL HARDING” Konzert am 13.12.2015

Maria Joao Pires-Daniel Harding (c) Andrea Kremper
Copyright: Andrea Kremper

Die portugiesische Grande Dame des Klaviers Maria Joao Pires gastierte erstmals im Festspielhaus an der Oos, gestaltete ihr Programm kurzfristig um und tauschte  Chopins „Erstes“  gegen das „Dritte Klavierkonzert“ von Ludwig van Beethoven.

Die erfahrene Pianistin begegnet bereits dem Allegro con brio mit beherztem Anschlag, vereint gekonnt die „männlich“ wirkenden charakterlichen  Hauptgedanken mit den gegensätzlichen „weiblichen“ innigen Gesangsthemen des ersten Satzes. Voluminös, klar im Klang, in virtuoser Fingerfertigkeit wirkt die durchstrukturierte Interpretation von Senhora Pires.

Feinste Schattierungen, zarteste Empfindungen, nuancierte Phrasierungen schenkte die kapriziöse Pianistin dem Largo in solistischer Raffinesse. Dem Hörer erschloss sich ein Kaleidoskop aus Spiegelungen und Affekten, in Töne umgesetzt.

Im lebhaften Rondo, in dem die Geister übermütiger Freude und gutartigen Humors entfesselt werden, entzückt das geistvolle Wechselspiel zwischen Solistin und Orchester. Ohne Frage stand das Musizieren aller Beteiligten auf sehr hohem Niveau: das London Symphony Orchestra  unter der Stabführung von Daniel Harding ist in jeder Hinsicht von überlegener Routine und engagierter Solidarität geprägt. Pires spielte dazu hochkonzentriert, beherrscht bis in die Fingersätze zu verfolgen, musikantisch auf Ebenmaß in pointierter Akzentuierung.

Für das begeisterte Publikum hatte Maria Joao Pires noch ein nachträgliches, besonderes, traumhaft interpretiertes  Amuse Bouche  bereit „Bagatelle Nr. 5 op. 126“ (Beethoven).

Widerfuhr mir im Laufe der beiden letzten Konzertsaisons wiederholt das Glück, einem meiner Komponisten-Favoriten Anton Bruckner zu begegnen, war ich nun sehr auf die Interpretation mit dem englischen Eliteorchester gespannt und wurde angenehm überrascht..

Daniel Harding servierte nach der Pause mit dem London S.O.  eindrucksvoll seine Version der „Vierten-Romantischen Symphonie“. Straffe viermalige Hornsignale über den zarten Streichern eröffneten die Morgenweckrufe, so schrieb Bruckner gar selbst in seiner Erläuterung, welche sich liest wie eine Regieanweisung zu Wagners „Lohengrin“.

Sah sich der Komponist als Übersetzer der Ideenwelt des Kollegen ins Reich der Symphonie, welche der Bayreuther Meister nach weniger geglückten Versuchen aufgab. Den ersten großen orchestralen Aufschwung zur Klangwelt des Gesamtinstrumentariums lässt Bruckner verhallen und führt ins Andante, einem Geflecht von Melodien.

Gedämpft, rhythmisch, gleich einem Trauermarsch „schreiten“ die Streicher, verheißungsvoll wie im Nachhall klingen die Holzbläser über den klagenden Cellithemen. Schwer zu beschreiben sind die instrumental geformten Schönheiten, die dynamischen Schwankungen dieses Satzes, die Wechselspiele vom Pianissimo ins Mezzoforte, wieder zurück in gemächliche Gefilde und wieder das Aufbäumen in gewaltige Klangeruptionen. Harding wählte moderate Tempi, setzte sie in differenzierten Relationen zueinander und erlaubte so den Klangformationen angenehme Spannungsbögen, die bestens disponierten Londoner Musiker, folgten dem Maestro im lebhaften thematischen Figurenspiel mit Akkuratesse.

Im leisen Tremolo der Violinen und Celli eröffnet sich das Scherzo, die Hörner formieren sich zum Jagdmotiv, die Trompeten antworten keck, lärmend hält die Jagd Einzug in den lichten Wald, romantischer lässt sich diese märchenhafte Stimmung kaum interpretieren. Mit kräftigen orchestralen Pinselstrichen, malten die englischen Gäste instrumentale Harmonik pur. Bliebe letztlich mein einziger Einspruch: Harding beendete Themen sehr befremdlich abrupt endgültig, gleich einem Satzfinale und ließ zuweilen die Übergänge vermissen.

In gemächlichen Tempi leiteten die Streicher, die leisen Hörnerrufe das Finale ein. In Unruhe gesellen sich die exzellenten Bläsersegmente zu den heftig ausgestoßenen Themen, gespenstige Jagdsignale erfassen in gewaltiger Formation alle Instrumente, das unverkennbare Hauptmotiv des ersten Symphoniesatzes, braust wie ein Sturm dahin.  Gezupfte Bässe, innige Violinen und Celli ersticken in den Holzbläser-Rufen, wechseln wild, schroff zum vorüber brausenden Orkan. Ruhige Gedanken, Versuche harmonischen Einklangs vereinen sich im Streichertremolo, in Umkehrungen der Oboe und Klarinette, weit aufschwingend zur Hornmelodie formiert Daniel Harding den hervorragend musizierenden Orchesterapparat, im kurzen Anstieg zum strahlenden Es-Dur-Ausklang.

Mit Bravochorälen und langem Beifall verabschiedete man die britischen Gäste.

Gerhard Hoffmann

 

 

 

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