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BADEN-BADEN: LISA BATIASHVILI – CHAMBER ORCH. OF EUROPE – YANNIK NÉZET-SÉGUIN

19.07.2015 | Konzert/Liederabende

Baden-Baden: „LISA BATIASHVILI – CHAMBER ORCH. OF EUROPE – YANNIK NÉZET-SÉGUIN“  18.07.2015

 Glanzvoll präsentierte das Festspielhaus seinen saisonalen Konzert-Abschluß mit Lisa Batiashvili sowie dem Chamber Orchestra of Europe unter der Stabführung von Yannick Nézet-Séguin. Vor der Pause erklangen zwei Werke der russischen Avantgarde des Komponisten  Sergej Prokofjew.

Als Solistin des Abends wurde die renommierte, mit Preisen überhäufte Violinistin, in Georgien geborene Lisa Batiashvili gewonnen. Die herausragende, exzellente Künstlerin spielte Prokofjews „Violinkonzert Nr. 1“, dieses Exponat mit Batiashvili zu erleben, war der reine, absolute Genuss, wird der Solopart in dieser Form, so virtuos interpretiert. Die Künstlerin entlockt ihrer Violine hörbar die „Seele“, die herrlich lyrischen Momente ohne jegliche Spur von Sentimentalität. Spielerisch anmutig erklingt die Kantilene in optimaler Synthese aus flüssiger Deklamation, expressiver Detailgestaltung und weiträumiger Phrasierung. Besonders einprägsam, hinreißend, gespielt die Kadenz im Scherzo, das waren Sphärenklänge aus einer anderen Welt. In bester Verknüpfung aller bereits genannten Eigenschaften, fügt Batiashvili Farben, Harmonik, technisch versierte Vokalise zum betörenden Ganzen.

 Ausgezeichnet nutzt Yannick Nézet-Séguin am Pult des bestechend musizierenden Chamber Orchestra, die teils extremen Kontraste zwischen den komprimierten Klängen, zum Ausleuchten des reichhaltigen Spektrums der Partitur. Angesichts der orchestralen Transparenz dieses qualitativen Klangkörpers, gewann man des Öfteren den Eindruck: hier fanden sich Instrumental-Solisten zum gemeinsamen orchestralen Musizieren.

 Die grenzenlose Begeisterung des Publikums wurde von Frau Batiashvili mit einer Zugabe der besonderen Art belohnt. Erstmals gespielt und wie sie selbst versicherte, übernahm die Gefeierte den Part des Englischhorns im Largo, dem Lied der Prärie aus Antonin Dvoraks „Symphonie aus der Neuen Welt“. Noch einmal durfte man den wunderbar nuancierten Violinton genießen, formvollendet begleitet in phänomentaler Gestaltungskraft des exzellenten Chamber Orchestra.

 Als Programmauftakt erklang die „Symphonie Classique „ jener heiteren, graziösen, liebevollen Reihenfolge einer „haydnschen“ Suite. Schwungvoll, in delikatem Musizierstil lässt Yannick Nézet-Séguin mit dem prächtig disponierten Chamber Orchestra aufspielen, rhythmisch erklang das Allegro und in ungeheuren Tempi huschte das Finale – Molto vivace vorüber.  Dem Larghetto wurden ruhige, sangliche Linien gewidmet mit herrlich ausschwingenden Kantilenen. Als kecke Gegenwartsmusik entpuppte sich in dieser ausmusizierten Form, die frivole Gavotte.

 Das  Konzertfinale krönte sodann konträr ein echter Klassiker, die „Zweite Symphonie“ von Ludwig van Beethoven, bereits mit den Dimensionen und Strukturen der folgenden großen Werke des Meister-Komponisten ausgestattet. Nézet-Séguin überraschte die Ohren der Zuhörer mit einem völlig frischen, eleganten, entschlackten Beethoven-Sound von betörender Klangschönheit und unglaublicher Transparenz.

 Großausschwingend leitet der Dirigent mit dem rasant aufspielenden Orchester das Adagio molto ein, gibt den Blick frei in freundliche Welten zur sanglichen Eröffnungsmelodie. Den schwelgend innigen Klängen folgen bald die düsteren Motive, alle vereinen sich zum gewaltigen Unisonoanstieg aller Tonstufen. Wie in neuen Perspektiven anmutend, bekommt es der strukturellen Transparenz, dass die hereinplatzenden Sforzati der Hörner und Oboen den Beginn, auf humorvolle Weise stören. Von einer innigen Melodie wird das Larghetto beherrscht und immer wieder in eigenartig wechselnder Instrumentation vorgetragen, tänzerisch, heiter, naiv voll irdischen Glücks. Vortrefflich lässt der temperamentvolle, sehr umsichtige  Dirigent, mit den Violinen über die Holzsegmente, die melodischen volkstümlichen Stimmungen auskosten.

 Im Scherzo geriet der musikalische Ablauf zum unheimlichen Hasten,  Jagen gleich einem apokalyptischen Spuk, welcher gespenstig vorüberbraust. Ein bizarres Fangballspiel zwischen Bläsern und Streichern entspinnt sich zum gegensätzlichen Trio mit seiner schlichten Weise, welche wiederum vom frechen Gestampfe der Bläser zertrampelt wird. Besinnlich wirkt zunächst die Stimmung, irgendwie leuchten die Motive aller Sätze nochmals auf, werden jedoch in kunstvoller, thematischer Arbeit, eigenwillig überspielt. Der versierte Dirigent mobilisiert zum finalen Allegro molto nochmals in gebündelter Energie das überschäumend musizierende Instrumentarium zum hymnischen Jubel, welcher diese lebensbejahende Spielmusik bekenntnishaft krönt. Auffallend zu beobachten während des gesamten Konzerts war die freundschaftliche, ja fast familiäre Beziehung zwischen Dirigent, der Solistin, den Musikern, wohl auch geprägt von gegenseiter, hoher Wertschätzung. Spontan,  völlig emotional die Übergabe der Rosen und der Kniefall vor der Konzertmeisterin dieses hochqualifizierten Ensembles.

 Bravostürme der Begeisterung in Orkanstärke brausten durch den Saal, welche der sympathische Dirigent nach acht Minuten charmant mit den Worten „we see use again tomorrow“ drosselte.

 Gerhard Hoffmann

 

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