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BADEN-BADEN: L’ELISIR D’AMORE – Premiere

29.05.2012 | KRITIKEN, Oper

Festspiele Baden-Baden: „L’ELISIR D’AMORE“ 28.5. 2012 (Premiere) – Wunderdoktor Winnetou

 
Miah Persson, Rolando Villazon. Foto: Andrea Kremper

Rolando Villazon, bekannt für seine lebenssprühend temperamentvolle Art, hat sich als zweite Regie-Arbeit jenes Werk vorgenommen, das er am häufigsten selbst auf der Bühne gesungen hat, und das international am stärksten mit seinem Erfolg verknüpft ist. Mit dem Stück so vertraut zu sein, dass er neben seiner eigenen Rolle auch sämtliche anderen  Partien auswendig parat hat (so Andreads Geier in seiner Einführung), ist schon einmal die denkbar beste Vorraussetzung, um eine Inszenierung zu verantworten. Beim hyperaktiv lockeren Wesen des mexikanischen Tenors hätte es also sehr verwundert, wenn damit nicht schon der spielerische Erfolg vorprogrammiert gewesen wäre. Seine Idee, die zeitlose und nicht genau verortete Handlung in die Filmkulisse eines Western mit Saloon und Bank zu legen, erscheint zunächst einmal etwas aufgesetzt und weit hergeholt; bei näherer Betrachtung führt die Spuren von Tristan und Isolde aufgreifende und in ein theatralisch-komödiantisches Umfeld bettende Handlung mit der Idealisierung romantischer Liebe zeitnaher gesehen direkt in die Traumfabriken des frühen und goldenen Filmzeitalters der 1920er Jahre.

Dulcamara ist Schauspieler und Regisseur des gedrehten Films (was allerdings szenisch nicht so ganz deutlich wird), reitet als Winnetou auf einer Pferdeattrappe ein und preist die in seinem Planwagen mitgeführten Wunder-Destillate. Adina ist eine begehrte Film-Diva, Belcore das männliche Pendant und Nemorino ein Komparse. Dazu kommen jede Menge Statisten zur Staffierung des Films, die Figuren der Westerngeschichte wiederaufleben lassen, individuelle Einzeltypen aus der Bevölkerung sowie nicht zuletzt das gesamte Filmteam stellen, das mit Kamera und Klappe die wichtigsten Stationen der Handlung festhält und das Endergebnis als Kurzversion der Handlung in einem Schwarzweiß-Streifen auf der heruntergelassenen Vorhang-Leinwand nach dem Finale zur Wiederholung der Barcarole des zweiten Aktes präsentieren. Alle diese zusätzlichen Figuren, die den regulären Chor (der schlagkräftig mitmischende Balthasar Neumann-Chor) ergänzen, sind lebhaft ins Geschehen integriert, so dass das Drumherum der Haupthandlung die Augen vor allem im ersten Akt überfordert. Villazons ohnehin auf direkten kommunikativen Austausch setzende Personenführung, bei der sich Pointen und unverstellte Emotionen lückenlos ergänzen, und die von einem Regisseur zeugt, der weiß worauf es beim Genre der romantisch durchwehten Opera buffa ankommt, hätte vollkommen ausgereicht, den liebenswerten Zauber dieses Stückes zu entfachen. All dieser zusätzlichen Spiel-Details hätte es gar nicht bedurft, vielleicht dienten sie auch nur der Ausfüllung des breiten Bühnenraumes von Johannes Leiacker. Bleibt bei Nemorinos Hoffnung im Hinblick auf die Entdeckung der verstohlenen Träne Adinas nur noch ein kleines erträumtes Refugium für ihre Zweisamkeit auf der Bühne, so gehört die zuletzt leere Bühne ganz allein dem mit finalen Mundkuss vereinten Paar. Die aufwendig bunten Kostüme der 20er Jahre von Thibault van Craenenbroeck tragen dazu bei, den Figuren Gestalt und Ausstrahlung zu geben.

Musikalisch lag die Spannung zuvorderst in der Frage, wie sich Rolando Villazon nach seiner Stimmkrise zu behaupten vermag. Auch wenn nicht zu überhören ist, dass der Tenor nicht mehr aus dem Vollen schöpfen und zumal in der Höhe so verschwenderisch mit ihr umgehen kann, so sind das sonnige Timbre in Verbindung mit Schmelzreichtum und herzhafter Linie immer noch ein Rezept, das – Abendverfassung hin oder her – zusammen mit seiner hohen schauspielerischen Natur für einen Erfolg in dieser naiv sympathischen Rolle garantiert. Sicher wäre die eine oder andere vokale schmuckreiche Auszierung oder großzügigere Ausformung noch reizvoller gewesen, aber auch ohne Superlative war er der umjubelte Mittelpunkt der Aufführung.

Die Schwedin Miah Persson konnte ihm als Adina an intuitiver Rollen-Profilierung und einfühlsamem Einsatz ihres gehaltvollen lyrischen Soprans Paroli bieten. Nach etwas sprödem Beginn begann sich ihr Vortrag zu lockern, auch die Höhe bekam nun einen runderen Glanz und bewegliche Durchschlagskraft. Dritter in der Gunst des Publikums war Ildebrando D’Arcangelo, der mit seinem breit und voll strömenden Bass eine ungewohnt edle Interpretation des geschwätzigen Dulcamara bietet, ohne die komödiantische Überdrehtheit manch altgedienten Rollenvertreters, dafür mit einer umwerfend charismatischen Erscheinung, die durchaus nahe legte, dass sich Adina auch für ihn und natürlich umgekehrt interessieren könnte.

Abstriche bei Roman Trekel beziehen sich auf die etwas trocken geratene Ausspielung der Reize des Belcore und den im deutschen Fach beheimateten, liedgeschulten Bariton, dem bei aller technischen Fertigkeit die Belcanto-Sanglichkeit und die erwünschte Höhen-Attacke fehlt. Regula Mühlemann lässt als Gianetta, hier die Assistentin des Filmregisseurs, mit klangschönem lyrischem Sopran-Material aufhorchen.

Das Balthasar Neumann-Ensemble erweist sich im ungewohnten Terrain beschäftigt, als durchaus flexibles und hellwaches Orchester, das den auf Tempo setzenden Vorgaben des jungen spanischen Dirigenten Pablo Heras Casado problemlos zu folgen vermag, so dass ein durchweg sauberes Zusammenspiel wie auch der Kontakt zur Bühne gewährleistet ist. Dennoch will sich der für die romantische italienische Oper dieser Zeit spezifisch warme Grundton aufgrund der Verpflichtung des Ensembles gegenüber der historischen Aufführungspraxis nicht so richtig einstellen, zu hart sind die Streicher für die moussierende Spritzigkeit der Melodien.

Auch mit einigen Einschränkungen wurde diese Festspielproduktion auch wegen des hohen Unterhaltungwertes der Inszenierung schlussendlich ein umjubelter Erfolg – mit einem launig aufgelegten Rolando Villazon im Mittelpunkt, der großzügig Blumen verteilte und weiterreichte. Ein Mitschnitt für DVD wird auch all jenen Gelegenheit geben, die nicht dabei sein konnten, an seiner Freude teilzuhaben.                                               

Udo Klebes

 

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