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BADEN-BADEN: „IGOR LEVIT – BERLINER PHILHARMONIKER – RICCARDO CHAILLY

05.04.2015 | Konzert/Liederabende
Baden-Baden: IGOR LEVIT –  BERLINER PHILHARMONIKER – RICCARDO CHAILLY 04.04.2015
 
Große Opern, eine Vielzahl auserwählter Konzerte bescherte das Festspielhaus seinen Besuchern zu den Osterfestspielen 2015. Als Gastorchester bestritten die Berliner Philharmoniker unter der Leitung ihres noch amtierenden Chefdirigenten Sir Simon Rattle den Löwenanteil der Veranstaltungen, doch Sir Simon überließ den Dirigentenstab auch namhaften Kollegen.
 
Schwungvoll leitete Riccardo Chailly mit der Ouvertüre zu „Ruy Blas“ (Felix Mendelssohn Bartholdy) das Konzert am Karsamstag ein. Chailly musizierte mit dem Berliner Elite-Orchester profiliert, in perfekt ausbalancierten Proportionen, läßt die Musik aus sich selbst heraus sprechen und somit konnte sich das romantische Stück, in seiner ganzen formalen Schönheit entfalten.
 
Martha Argerich mußte wegen eines grippalen Infekts absagen und somit rettete ihr russischer Kollege Igor Levit den Abend, dem jungen Aufsteiger der internationalen Pianisten-Szene. Phänomenal darf man den jugendlich-blühenden Ton des Pianisten mit exquisiten Phrasierungen im „a-moll-Klavierkonzert“ von Robert Schumann bezeichnen.
Energisch, kraftvoll leitet Levit das Allegro affetuoso ein, testet geradezu die artikulatorischen Finessen, die dynamischen Grenzwerte aus. Grandios entfaltete sich das romantische Hauptthema in der Aufstellung durch das Orchester. Der Solist „träumt“ es zunächst dem Instrumentarium nach, sodann entspinnt ein prachtvolles Wechselspiel, wobei besonders die Holzbläser mit dem Klavier eine reizende Konversation führen.
 
Wie magisch entrückt erklang das Andante grazioso und wirkt zur bereits beachtlichen Reife des Solisten, wie eine transzendentale Studie über verlorene Gefühlswelten. Anmutig wirkt der Dialog zwischen Streichern und Klavier, welcher sodann auf die anderen Klanggruppen übergreift. Die Poesie des Geschehens ist ohne Vergleich in der Literatur.
Sehr persönlich gestaltete Igor Levit den Notentext im Allegro vivace, argumentierte mit rhythmischen Dialogen und melodischen Kühnheiten, ließ dabei das Phantastische der Musik, jederzeit zu ihrem Recht kommen. Eine dichte, ereignisreiche Darbietung voll schattierender Dynamik, wie man sie sich für Schumann häufiger wünschen würde. Zudem ließ die orchestrale Begleitung unter Riccardo Chailly in ihrer strahlenden Lebendigkeit, im hinreißenden Detail der klangschönen Transparenz, keine Wünsche offen.
Begeisterte Zustimmung für dieses relativ kurze Konzert,  der Solist bedankte sich mit einer sehr gefühlvoll dargebotenen „Chaconne“ (Bach/Busoni).
 
Nach der Pause erklang wohl das subtilste Werk aus der Feder von Sergej Rachmaninow der „Dritten Symphonie“, einer Komposition, in der der Spätromantiker am weitesten in die Richtung Tonalitätsauflösung gegangen ist. Natürlich fehlen auch in diesem Werk die melancholischen Erinnerungen an das alte Russland nicht. Bereits im kurzen Lento – Allegro moderato, der Einleitung durch Klarinetten, Hörnern und Celli, erinnern an den traditionellen Gesang der russisch-orthodoxen Kirche. Prachtvoll musiziert Chailly mit den phantastisch aufspielenden Berliner Philharmonikern in kraftvoller Bewegungsenergie. Herrlich von der Hornkantilene eingeleitet, von der Harfe begleitet eröffnete sich das wunderbare Adagio
 
Die Violinen beginnen ein heiteres Scherzothema in Triolen, welches sich zusammen mit Schlagwerk und Bläsern zu einem schnellen Marsch verdichtete. Im Finalsatz Allegro demonstrierte der Dirigent die hochvirtuose Bravour des Orchesters, verdichtete die prachtvollen Orchestergruppen zu aggressiver Marsch-Manier um sodann in typischen Rachmaninow-Themen, das Finale kontrapunktisch einzuleiten.
 
Mit Bravostürmen des Publikums wurde diese ungewöhnliche Interpretation gefeiert.
 
Gerhard Hoffmann
 

 

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