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BADEN-BADEN/ Festspielhaus: KONZERT MIT HELENE GRIMAUD – zündendes pianistisches Feuer

29.11.2015 | Konzert/Liederabende

Konzert mit Helene Grimaud im Festspielhaus Baden-Baden. ZÜNDENDES PIANISTISCHES FEUER

Konzert mit Helene Grimaud am 28. November 2015 im Festspielhaus/BADEN-BADEN

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Copyright: Festspielhaus Baden-Baden

Es war ein besonderes Programm, das die französische Pianistin Helene Grimaud zusammen mit dem Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung des Konzertmeisters Radoslaw Szulc präsentierte. Zu Beginn war Samuel Barbers Adagio für Streicher op. 11 zu hören, das die Musiker sehr dezent und ergreifend interpretierten. Für Arturo Toscanini arrangierte Barber 1938 den zweiten Satz seines Streichquartetts als „Adagio für Streicher“. Durch den Regisseur Oliver Stone und seinen Vietnamkriegs-Film „Platoon“ (1986) wurde diese Musik später auch bei einem jungen Publikum weltberühmt. Romantische Momente kostete das Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks hier voll aus, der sphärenhaft-durchsichtige Charakter dieser kleinen Streicher-Sinfonie ging sofort unter die Haut. Man kann sagen, dass hier auch eine philosophische Komponente nicht fehlte. Der pastorale Charakter dieses Meisterwerks wurde jedenfalls in seiner ganzen Tiefe erfasst. Das kann man auch von Helene Grimauds Wiedergabe des Klavierkonzerts d-Moll BWV 1052 von Johann Sebastian Bach behaupten, wobei bei dieser Interpretation die metaphysische Reife ausgelotet wurde. Das Zusammenspiel von Klavier und Orchester besaß einen elektrisierenden konzertanten Charakter, der sich aber immer wieder deutlich auflockerte. Beim straffen Kopfthema ging Helene Grimaud ganz aus sich heraus. Und die Chaconne-Akzente des Adagios gipfelten in einer suggestiv gespielten Melodie. Federnd schwungvoll war dann zuletzt die feurige Wiedergabe des Finales. Magisch und erhebend zugleich spielte Helene Grimaud nach der Pause Wolfgang Amadeus Mozarts sehr beliebtes Klavierkonzert d-Moll KV 466 mit den gewaltig ausufernden Kadenzen von Ludwig van Beethoven. Ganz und gar kämpferisch kam diese Musik daher – Helene Grimaud betonte die düstere Leidenschaft des Hauptthemas mit unerbittlicher Intensität. In der Durchführung prallten die Themen aufeinander, was die Zuhörer mächtig ergriff. Helene Grimaud steigerte sich in diese Musik immer mehr hinein, riss das Kammerorchester dabei ganz unmittelbar mit und verleugnete auch den wunderbaren Pianissimo-Ausklang bei keiner Note. Im Mittelteil meldete sich daraufhin wieder schmerzliche Leidenschaft, die zu glühen anfing. Der Romanzen-Melodie lauschte die Pianistin gleichsam träumerisch-versonnen nach. Und der Aufruhr im Finale ließ niemanden kalt. Dynamische Gegensätze und federnd leichtes Musizieren gingen hier eine überaus glückliche Verbindung ein. Energisch erinnerte sich Helene Grimaud des Allegro-Themas, das sie fast bildhauerisch herausmeisselte. Der Druck geballter Energien verdrängte das transparent musizierte Zwischenspiel der Holzbläser, die den Klavierklang immer wieder subtil ergänzten. Man kann sagen, dass Helene Grimaud bei ihrer Mozart-Interpretation viel Neues und Aufregendes herausarbeitete. Einstein meinte, dass dieses Werk von einem unversöhnten Dualismus zwischen der anonym drohenden Kraft der Masse und der sprechenden Klage des einzelnen beherrscht sei. Helene Grimaud fügte bei ihrer bemerkenswerten und vom Publikum gefeierten Wiedergabe aber die Gegensätze auch zusammen. So entstand ein Klangkosmos, der jeden berührte. Als Zugabe spielte sie noch höchst sensibel den zweiten Satz aus dem zweiten Klavierkonzert von Dimitri Schostakowitsch. Poesie und Lyrik Tschaikowskys zeigte sich bei der extrem ausdrucksvollen Melodie, die immer heller zu leuchten schien. Zuletzt überraschte das bestens disponierte Kammerorchester die Zuhörer mit der Sinfonie Nr. 60 C-Dur „Il distratto“ von Joseph Haydn. Haydn komponierte dieses aussergewöhnliche Werk als reizvolle Schauspielmusik im Jahre 1774. Eine durchreisende Theatertruppe brachte auf Schloss Esertahaza Jean-Francois Regnards 1697 geschriebene Komödie „Le distrait“ auf die Bühne. Haydn hatte hierfür eine Ouvertüre, vier Zwischenaktmusiken und ein Finale komponiert. So besitzt dieses Werk ungewöhnlicherweise sechs Sätze. Vor allem die komödiantischen und satirischen Momente dieser Sinfonie wurden von den engagierten Musikern ausgezeichnet betont. Und der gewiefte Konzertmeister und Leiter Radoslaw Szulc flüchtete im letzten Satz sogar von der Bühne, um dann plötzlich wieder ganz unvermittelt aufzutauchen und noch viel wilder und verwegener weiterzumusizieren. Joseph Haydn erschien hier als ein überraschend moderner Komponist, dessen oftmals schlichte und anmutige Themen einen ungewöhnlichen Klangfarbenreichtum mit unmittelbarer Signalwirkung besaßen. Stürmisch und rasant meldete sich „Papa Haydn“ in gewitzter Weise. Als Zugabe spielte das Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks noch eine „Toccata Misterioso“ mit Glissando-Bögen.    

Alexander Walther

 

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