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BADEN-BADEN: „EMMANUEL TJEKNAVORIAN / FILARMONICA DELLA SCALA / RICCARDO CHAILLY“ 

09.06.2019 | Konzert/Liederabende

Baden-Baden: EMMANUEL TJEKNAVORIAN –

                            FILARMONICA DELLA SCALA –

                            RICCARDO CHAILLY“  –  08.06.2019

Während der Pfingst-Festspiele 2019 servierte das Festspielhaus ein umfangreiches Konzert-Angebot u. a. gastierten die Filarmonica della Scala unter Riccardo Chailly sowie der Gastsolist Emmanuel Tjeknavorian.

Der junge Wiener Geiger hatte das „Violinkonzert“ von Jean Sibelius im Gepäck und be(ver)zauberte das Publikum mit einem der schönsten Konzerte der Musikliteratur, gewann er schließlich mit diesem Werk den 1. Preis im Jahre 2015 beim Helsinki-Wettbewerb.

Glasklar mit großem Atem der Bogenführung zeichnete der aufstrebende Violinist melodische Linien, gestaltete unglaublich feinsinnig die Kadenz des Allegro moderato. In technischer Versiertheit jedoch ebenso emotional schöpfte Tjeknavorian aus dem Vollen, adelte dieses unerschöpfliche melodische Füllhorn grandioser Klangfarben mit Eleganz und Noblesse.

Transparent durchdrang der famose Solist das tiefromantische Thema des Adagio di molto, entlockte dem wertvollen Instrument einer Stradivari (Cremona 1698) Töne von atemberaubender Schönheit, die Violine schien im transparenten Ton dahin zu schmelzen, säuselte, weinte in schwermütiger Melancholie, dass es einem die Tränen in die Augen trieb.

In überschäumender Ekstase, glutvoller Expressivität, charismatischer Intensität erklang im finalen Allegro ma non tanto jener vom Komponisten selbst bezeichnete danse macabre in instrumental gesteigerter Improvisation. Der natürlich bescheiden musizierende Künstler bezauberte mit sinnlichem Spiel, fesselte mit hochmusikalischer Intelligenz und verwandelte selbst die bizarren Intervalle dieses Finalsatzes zu tänzerischer schwungvoller Anmut.

Maestro Riccardo Chailly setzte mit der prächtig disponierten Filarmonica della Scala die gewichtigen Parts wohlproportioniert unter Hochspannung und schuf plausible orchestrale Verdichtungen zwischen den rhythmischen und ebenso wunderbaren lyrischen Formteilen.

Das beifallsfreudige „Fach“-Publikum sparte nicht mit Applaus zwischen den Sätzen und feierte den Solisten mit Bravostürmen welcher sich mit einem hinreißend interpretierten Solo „Der Kranich“ des armenischen Komponisten Komitas Vardapet bedankte.

Den Auftakt des vortrefflichen Konzertabends bildete „Finlandia“ des finnischen Klangmystikers, jener symphonischen Dichtung, die für das gesamte CEuvre des Komponisten Sibelius, wenn nicht gar für eine ganze nationalmusikalische Identität zu stehen scheint. Chailly formte mit den singulär besetzten und präzise aufspielenden Bläserfraktionen sowie dem gesamten Orchester jenen Klangkosmos zu prächtiger Opulenz.

Nach der Pause spielte die Filarmonica von Claudio Abbado 1982 aus Mitgliedern des Opern-Orchesters des renommierten „Teatro alla Scala“, als selbstständig verwaltetes und unabhängiges Symphonie-Orchester gegründet, die „Neunte“ von Antonin Dvorak. Mit diesem Werk schuf der Komponist während seines dreijährigen Amerika-Aufenthalts seine wohl populärste Komposition, einem Opus aus Verschmelzungen herrlicher Motive  aus der Neuen Welt verknüpft mit Elementen seiner böhmischen Heimat.

Weich stimmungsvoll eröffnete Maestro Chailly mit dem exzellent aufspielenden italienischen Klangkörper das Adagio – Allegro molto, breitete genüsslich das motivische Thema aus welches von den Celli intoniert langsam von der Flöte übernommen wurde. Herrlich setzte es sich fortissimo im Chor der Streicher fort,  Pauke und Bläser vollendeten die melodischen Konstellationen. Auf vortreffliche Weise verstand es der versierte Dirigent den weiteren Themen-Aufbau  in artifizieller Verkettung der Strukturen bestens auszurichten und vielfältig zu präsentieren.

Zum solistisch brillanten Spiel der Bläser-Akkorde erhob sich das Largo, zur feierlichen Einleitung stimmte das Englisch-Horn seine melancholische Weise an welche die Holzbläser in echohaften Nachklängen wiederholten. Zur klanglich perfekten Intonation verschmolzen Klarinetten, Oboe, Flöten und Violinen in leidenschaftlicher Steigerung zur traumverlorenen Melodie der Prärie.

Kompetent mit sehr großem Engagement, blutvoll, sehr lebendig verschmolz der fabelhafte Klangkörper jene instrumentale Farbenpracht des tschechischen  Kolorits mit  neuen fremden Weisen im kurzen Scherzo. Erregte Streicher fein gesponnen, Bläser in höchster Akkuratesse aufspielend gipfelten sich in präzisen Akkorden zu dynamischer Brillanz des  Allegro. Fasziniert lauschte man der immensen hochkarätigen Spielkultur der Filarmonica, zu deren Präzision Maestro Chailly sein beachtliches Kontingent leistete und offenbarten den Hörern nochmals gewaltige rhythmische Klang-Eruptionen zum sieghaften Jubel des Finales.

Ein Bravosturm fegte Chailly und dem Orchester entgegen und die Gefeierten gewährten ein Dacapo  der besonderen Art in höchst exzeptioneller Weise musiziert, wie es (fast) nur italienische Orchester zu präsentieren vermögen und zwar die Ouvertüre zu „Semiramide“ (Rossini).

 

Gerhard Hoffmann

 

 

 

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