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BAD WILDBAD/ Rossini in Bad Wildbad: ADELAIDE DI BORGOGNA / IL VIAGGIO A REIMS / TEBALDO E ISOLINA – Freuden und Betrüblichkeiten

27.07.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

ROSSINI IN WILDBAD –  „ADELAIDE DI BORGOGNA“ (25.7.) / “IL VIAGGIO A REIMS” (26.7.) /

“TEBALDO E ISOLINA (27.7.) – Freuden und Betrüblichkeiten

 ADELAIDE DI BORGOGNA Gritskova,Sadovnikova,WIldbad 2014
Glanzvoller Belcanto: Margarita Gritskova (Ottone) und Ekaterina Sadovnikova (Adelaide). Copyright: Patrick Pfeiffer

 Bei den für Rossini üblichen Wiederverwertungen oder Umarbeitungen melodischer Themen aus wenig erfolgreichen Kompositionen verblüfft immer wieder die Vielfalt seiner variierten orchestralen Begleitfiguren. So auch in jener auf historischen Begebenheiten ruhenden, für die Bühne entsprechend ausgeschmückten, 1817 am Teatro San Argentino in Rom uraufgeführten Opera seria „ADELAIDE DI BORGOGNA“, die die Begegnung von Adelheid von Burgund (die erste an der Seite eines Mannes mit Macht gestärkte Regentin) und dem römischen Kaiser Otto I. schildert, die nach allerhand Hin und Her um die kaiserliche Vorherrschaft Italiens mit dem gegnerischen Berengario und dessen Sohn Adelberto zu einer glücklichen Vereinigung kam. Die farbliche Ausschmückung der Partitur beginnt bereits in der Ouvertüre, die ursprünglich Rossinis früher Farce „La cambiale di matrimonio“ voraus gegangen war, und durch eine erweiterte Besetzung mit Bläsern und Schlaginstrumenten dem Charakter des heroischeren Stoffes angepasst wurde. Außerdem sind es diverse solistisch eingesetzte Oboen, Klarinetten und Hörner, die den jeweiligen Situationen ein stimmig reizvolles Gewand geben. Die Eingängigkeit wie auch rhythmische Raffinesse der melodischen Einfälle mag in vielen anderen Werken stärker sein, wenn jedoch ein mit Schwächen behaftetes Werk mit so viel Inspiration und insgesamt auf hohem Niveau präsentiert wird wie bei dieser deutschen Erstaufführung, ist Rossini allemal ein Vergnügen an belcantistischer Freude.

Die auch in diesem Jahr das komplette Opernprogramm tragenden Virtuosi Brunensis  zeigten sich bei diesem mit Secco-Rezitativen gespielten Werk in besonders guter Form, zu der perlend leichte Holzbläser-Fiorituren , klare und genau sitzende Blechbläser-Einschübe sowie ein wie am Schnürchen funktionierender Streicherapparat ebenso gehörten wie ein gut dosiert eingefügtes Schlagwerk. Luciano Acocella stellte sich erstmals in Bad Wildbad als animierender, Detailfreude, vokale Berücksichtigung und Zusammenhalt des Ganzen nie affektiert, aber mit spürbarem Temperament auf einen Nenner bringender Dirigent vor.

Um den sängerischen Nachwuchs für Rossinis Anforderungen im allgemeinen brauchen wir uns, gemessen an diesem Abend, keine Sorgen zu machen. Der außerordentlich gute Ruf, der Margarita Gritskova als Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper voraus geeilt ist, hat sich nicht nur bestätigt, vielmehr noch dahingehend bestärkt, dass ihr die Tore zu den bedeutendsten Bühnen der Welt schon jetzt offen stehen müssten. Ein Mezzosopran von betörend sinnlichem Charakter, einem fließenden Organismus von warmer samtiger Tiefe bis zu strahlend emphatischer Höhe, schlank in der Führung, brillant in den Koloraturen und einer mühelosen, in allen Belangen gefestigten Ansprache, die es ihr ermöglicht, im Sinne einer jeweils passenden Expression spielerisch damit umzugehen, ohne dass der Eindruck einer Verschwendung der Mittel entsteht. Solchermaßen ausgestattet erhielt die Figur des Ottone, ergänzt durch die aparte und allzeit präsente Erscheinung der Russin, höchste Glaubwürdigkeit. Ein verdienter Begeisterungs-Orkan folgte bereits nach ihrer Auftrittsarie.

Das Glück des Hauptpaares wurde vervollkommnet durch die kaum zurück stehende Leistung von Ekaterina Sadovnikova in der Titelrolle. Nach noch etwas zurückhaltendem Beginn steigerte sich ihr ausgewogen lyrischer, über einige dramatische Kraft verfügender Sopran mit angenehm rundem Timbre zu mitfühlen lassender Eindringlichkeit, getragen von musikalisch sensibler Tongebung und weitreichendem Atem für eine weich ausschwingende Phrasierung. In der dritten Hauptrolle des sie begehrenden Adelberto ließ Gheorge Vlad einen vor allem im Spitzenbereich noch nicht immer ganz klar und sicher ansprechenden und phasenweise starr wirkenden Tenor hören, dank einer variablen Farbgebung in Hell- und Dunkel-Nuancen brachte er indes die Zerrissenheit zwischen Familie und Geliebter überzeugend zum Ausdruck. Als sein Vater Berengario stellte Baurzhan Anderzhanov mit klangschönem und resonanzreichem Bass sowie stolzer Präsenz eine beeindruckende Herrschergestalt auf die Bühne. Miriam Zubietas lyrischer Sopran genügte dem intimen Rahmen in Bad Wildbad, hätte allerdings für die Beglaubigung der auch mit einer Alternativ-Arie bedachten Mutter Eurice etwas mehr Substanz und dramatischen Gehalt zur Unterstreichung ihres Machtstrebens bedurft. Yasushi Watanabe als ehemaliger Statthalter Iroldo und Cornelius Levenberg als Ottones erster Offizier Ernesto waren mit aufhorchen lassendem Tenor bzw.Bariton gut besetzter Nachwuchs.

Der ebenfalls zum wiederholten Male als Festspielchor eingesetzte Camerata Bach-Chor Poznan punktete in diversen Einsätzen mit Geschlossenheit in den Stimmgruppen wie im allgemeinen Vortrag (Einstudierung: Anja Michalak ).

Die szenische Realisierung durch Antonio Petris trug kaum dazu bei, das Werk als für die Bühne lohnendes Geschichtsdrama wieder zu gewinnen. Diverse stehende Bildprojektionen auf die immer wieder hinter einer zentralen Doppeltür sichtbar werdende Rückwand hatten mehr Symbolkraft als die über die Bühne (seitlich auch mit Tischen) verteilten weißen Stühle, mit stilisierten, sprossenartigen hohen Lehnen, die bei der Andeutung von Kämpfen als Waffe dienen mussten. Das in der Mitte stehende Bett hatte wohl in der Szene der aufkeimenden Gefühle zwischen Adelaide und Ottone bzw. bei Adelbertos Anmachungsversuchen seine Funktion, verstellte darüber hinaus aber die ohnehin schon knappe Spielfläche. Auf der Habenseite stehen kleidsame und rollengerechte Kostüme, während die Regie zwischen knapper eindringlicher Personenführung und fragwürdigen Begleiterscheinungen schwankte.

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Verloren am Flughafen: von links: Il Cavalier Belfiore (Artavazd Sargsyan), Lord Sidney (Baurzhan Anderzhanov), Contessa di Folleville (Sofia Mchedlishvili) und Modestina (Miriam Zubieta). Foto: Patrick Pfeiffer

Nach der mit größtenteils gestandenen Solisten besetzten konzertanten Aufführung von „IL VIAGGIO A REIMS“ für einen CD-Mitschnitt war die szenische Einstudierung dem Nachwuchs, hauptsächlich Teilnehmern der diesjährigen Belcanto-Akademie unter der Leitung von Raul Gimenez und Lorenzo Regazzo vorbehalten.

Ein Werk, dessen 10 Hauptrollen ausschließlich erstklassige Belcantisten verlangen, mit noch am Beginn ihrer Laufbahn stehenden Künstlern zu bewältigen, scheint ein schwer einzulösendes Kriterium. So sehr es generell Freude macht, junge Sänger zu beobachten und ihren Fähigkeiten zu lauschen, so negativ schlägt es sich bei diesem groß besetzten Werk nieder, wenn nur ein Teil ungetrübtes Hörvergnügen bereitet und einige immer wieder mit den von Rossini hier besonders ausgeprägten Tücken zu kämpfen haben.

Auf der positiven Seite steht der letztjährige Gewinner des Belcanto-Preises, Artavazd Sargsyan als Graf Belfiore. Sein weich ansprechender, ebenso kultivierter wie frisch beherzt eingesetzter und unforciert geführter Tenor in Verbindung mit engagiert pfiffigem Spiel hat sich hörbar weiter entwickelt und befindet sich auf dem Weg zu einer erstklassigen Kraft.

Mit ähnlichen Qualitäten im tiefen Bereich präsentierte sich der Bass des Vorabends, Baurzhan Anderzhanov als von Liebesqualen gezeichneter Lord Sydney. Matija Meics schon recht üppiger und expansiver Bariton lässt bedauern, dass die Rolle des  um die Marchesa Melibea kämpfenden Don Alvaro nicht größer angelegt ist. Die Angebetete wurde von Olesya Chuprinova  mit schöner dunkel getönter Tiefe und durchschlagend hellem Höhenregister sowie zunehmender Emphase  sehr gewinnend über die Rampe gebracht. Sofia Mchedlishvili, die bereits in der konzertanten Version als Comtesse di Folleville an der Spitze der Damen stand, und jetzt auch den diesjährigen Belcanto-Preis gewonnen hatte, behauptete auch hier ihre Bühnenpräsenz in Verbindung mit einer treffsicheren vokalen Ausgestaltung der modenärrischen Pariserin.  Der zuletzt mit der Marchesa zusammen findende russische General Libenskoff erhält durch Carlos Cardosos kräftigen, in den Höhen sicheren, aber etwas strengen und knalligen Tenor und effektives Spiel die passende Statur des von Eifersucht Getriebenen. Soweit der den Anforderungen genügende Teil.

Lucas Somoza Osterc solide ausgestattetem Bariton mangelt es für den charakterstarken Don Profondo an Persönlichkeit, Durchschlagskraft und parodistisch imitierter Differenzierung, so dass vor allem die köstliche Arie mit den Sprach-Spielereien verpuffte.

Annalisa D’Agosto (Madame Cortese) und Guiomar Cantó (Corinna) hatten zwar einiges an spielerischem Charisma anzubieten, kämpften jedoch beide mit in der Höhe strapaziert und unfrei erscheinenden Sopranen, worunter besonders die wie aus einer anderen Welt kommenden, harfenbegleiteten dichterischen Beiträge Corinnas ihres Zaubers entbehrten. Bruno Praticó kann als gestandener Matador in diesem jungen Ensemble als Baron Trombonok einige Pointen setzen, aber von Jahr zu Jahr weniger an stimmlicher Substanz bieten. In den Nebenrollen steuerten mit einer Ausnahme die Herren das attraktivere und gefestigtere Stimm-Material bei als die Damen.

Festspielleiter Jochen Schönleber beging leider den Fehler, anstatt der aus dem zeitlich festgelegten Stück wie auch der Musik selbst sprechenden Wirksamkeit zu vertrauen, die Handlung ins Heute eines angedeuteten Flughafens zu verlegen (Bühne: Robert Schrag ). Dies widerspricht nicht nur dem durch die heutige Übertitelung umso mehr bewusst werdenden Text, es verzichtet auch auf den Charme und gleichzeitigen Witz, der von einer bunten illustren Reisegesellschaft in der damals aufwendigen Mode auch heute noch hervorgerufen würde. Die Feier mit den Nationalhymnen wirkt durch die trashige Kostümierung ( Claudia Möbius ) wie ein billiger plumper Karnevalsscherz. Leider werden im Laufe der Aufführung immer wieder fein ironisierte Situationen verschenkt, mit aufgesetzt übertriebenen Knallchargen wie die übertrieben dauerhaft Kaugummi kauende Zofe Modestina abgelenkt oder der finale Jubel mit der kurzen Erscheinung dreier Gestalten mit Gasmasken abgewürgt. In den beiden Duetten der zueinander findenden Paare blitzt eine zielstrebig der Musik folgende Aktion durch, sowie Schönleber in den vergangenen Jahren immer wieder Geschick in der Personenführung bgezeigt hat.

Das Fazit stimmt für dieses kongeniale Stück leider  nicht so ganz glücklich. Ein Gutteil des gelungenen Aspekts lag wie schon in der konzertanten Aufführung, auch in den Händen der wieder lustvoll aufgelegten Virtuosi Brunensis unter der animiert mitgehenden Leitung des musikalischen Festspiel-Leiters Antonino Fogliani.

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Seit vielen Jahren wird Rossinis Oeuvre das Werk eines Zeitgenossen gegenüber gestellt. Unabhängig von der Qualität des präsentierten Stücks geben diese meist aus einem langen Schlaf geweckten Opern die Gelegenheit, das musikalische Umfeld des Meisters aus Pesaro kennen zu lernen, Einflüsse, Entwicklungen und Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiede zu beobachten. Der 1784 in Perugia geborene Francesco Morlacchi war ab 1810 bis zu seinem Tod 1841 sächsischer Hofkapellmeister in Dresden. In dieser langen Zeit in Deutschland sind natürlich auch die damals parallel entstandenen Werke wie Webers „Freischütz“ nicht an ihm vorüber gegangen. In der hier in konzertanter Version vorgestellten Oper „TEBALDO E ISOLINA“, die in der ersten Fassung mit Kastratenbesetzung für Venedig entstanden war und für Dresden 1825 mit einem Contralto weitgehend umgearbeitet und vor allem auch gekürzt wurde, machen sich die Errungenschaften der deutschen romantischen Oper vor allem in der Instrumentierung bemerkbar. Obligat eingesetzte Soloinstrumente wie das Cello mit einem lebhaft bewegten Thema, Flöten-, Hörner- und Harfenbegleitungen schaffen Atmosphäre oder sorgen z.B. bei der Erinnerung Boemondos an die Schatten der Vergangenheit für eine bedrohliche, für damals schon fortschrittliche Ausdrucksdichte. Die Virtuosi Brunensis, wieder unter der Leitung von Antonino Fogliani, widmeten sich auch dieser Aufgabe einiger Unkonzentriertheiten zum Trotz mit Hingabe und Musizierfreude. Der Aufbau so mancher Nummer wie auch deren Abschluss zeigt die eigenständige Handschrift Morlacchis, auch wenn er insgesamt mehr die Konventionen der italienischen Oper pflegt als sie auf neue Wege zu bringen. Der immer wieder fehlende Faden durchgängig logischer melodischer Entwicklungen wie auch das Ausbleiben einer inspirativ unverwechselbaren Erfindungskraft mag ebenso wie die letztlich schwache, in Frieden und Versöhnung endende Variante eines Romeo und Julia-Konfliktes dazu beitragen, dass diese Wiederausgrabung kaum Nachfolge-Aufführungen bewirken wird. Auch diese großteils gelungene Konzertversion vermochte nicht wirklich Begeisterung zu wecken.

An der Spitze des sechsköpfigen Solisten-Ensembles stand rollengerecht Laura Polverelli, die ihren dunklen, expressiv aufgeladenen Mezzosopran voller Aplomb einsetzte und mit nur geringfügig durch Verhärtungen in den Spitzentönen getrübtem Vortrag auch ohne Szene und Kostüme ein fesselndes Portrait des zwischen Verstellung und Bekennung hin und her gerissenen Tebaldo entwarf. Sandra Pastranas kräftiger lyrischer Sopran besitzt ebenso Liebreiz in der Kantilene und Biss in den Steigerungen, überschätzt nur bei Spitzentönen ihre Grenzen. Anicio Zorzi Giustiniani komplettiert das ausnehmend glänzende Tenor-Niveau dieses Sommers als Tebaldos Vater Boemondo mit ausnehmend schönem, klarem Timbre, stilistischer Einfühlsamkeit und einer präzisen Linienführung sowie charaktervollen Gestaltung. Raul Bagliettos spröder Bass ließ bereits am Vorabend als Don Prudenzio wenig Erfreuliches vermuten und bestätigte dies als Isolinas Vater Ermanno mit flacher und gegen Ende trockener und höhenschwacher Tongebung. Ordentlich ergänzten Gheorge Vlad als Isolinas Bruder Geroldo und Annalisa D’Agosto als Isolinas Vertraute  Clemenza. Der Camerata Bach-Chor Poznan  erfüllte seine Aufgaben auch hier mit viel Engagement und rollengemäßer Ensemble-Auffüllung.

Zusammengefasst überwog die intime Atmosphäre des Festivals sowie das erstklassige Niveau des Auftakt-Wochenendes die gegenüber den letzten Jahren deutlicher hervor tretenden Einschränkungen.

Ein besonderer Dank für das Zustandekommen gilt Reto Müller für seine wissenschaftlich wertvolle Zuarbeitung und die Redaktion der deutschen und italienischen Übertitel.                                                                                                                                         

Udo Klebes

 

 

 

 

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