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BAD URACH/ Herbstliche Musiktage/ Stadthalle Reutlingen: DAS DREIMÄDERLHAUS

08.10.2015 | Operette/Musical

Herbstliche Musiktage Bad Urach

„DAS DREIMÄDERLHAUS“ 7.10. 2015 (Stadthalle Reutlingen) – in stimmungsvoll konzertantem Rahmen

Ola Rudner
Copyright: ChC für Ola Rudner

Das Glück in allen Variationen war das Motto der diesjährigen, bereits zum 35. Male stattgefundenen Herbstlichen Musiktage am Fuß der Schwäbischen Alb. Dass Glück erst ermessen werden kann, wenn auch trübende Zustände mit hineinspielen – davon handelt die Wiener Operette, die 1916 so genau den damaligen Zeitgeschmack getroffen hatte, dass sich ein grenzüberschreitender Erfolg einstellte, der mit den berühmtesten Beispielen des Genres konkurrieren konnte. Und dem zeitlebens um Erfolg kämpfenden Franz Schubert als Protagonisten der Handlung erst zu breiter Popularität verholfen hat. Auch wenn das so entstandene Portrait eher verharmlosender Natur ist, gibt es doch eine Ahnung von dem etwas schüchternen, zurückhaltenden, um Worte verlegenen und auch deshalb in der Liebe leer ausgegangenen Tonsetzer. Dazu mit eigenem musikalischem Material, das Heinrich Berté auf Bitten der Theaterleitung verarbeitet hatte, nachdem seine eigene Musik abgelehnt wurde. Ist Berté somit der bessere Arrangeur als Schöpfer von Melodien? Aus heutiger Sicht schwer zu beurteilen, weil kein Vergleich mit eigenen Kompositionen möglich ist, die alle so gut wie vergessen sind, Jedenfalls ist ihm mit der Verwendung Schubert’scher Weisen ein stimmungsvolles Sittenbild der Biedermeier-Zeit im spezifisch wienerischen Tonfall wie in Couplets oder solistisch hervorgehobener Geige gelungen. Lediglich die als Klavierlieder besonders vertrauten Nummern „Du holde Kunst“ und „Ich schnitt es gern in alle Rinden ein“ verlieren durch die komplett orchestrierte Übernahme ihren besonderen intimen Charakter. Die Ergänzung durch die beiden Sätze der „Unvollendeten Sinfonie“ am Beginn bzw. als dramaturgisch und symbolisch geschickt gewählte Überleitung zum traditionell kurzen dritten Akt wird gleichsam zur Prüfung der direkten Gegenüberstellung.

Keine Frage: der Tiefe von Schuberts feiner romantischer Note hält Bertés oberflächlichere Behandlung nicht stand, der typischen Verwechslungsgeschichte wie auch des erwähnten Stimmungsbildes tut sie jedoch Genüge. Die Württembergische Philharmonie Reutlingen, ein großteils junges Sänger-Ensemble, das sich aus Teilnehmern des parallel veranstalteten Meisterkurses unter der Leitung des Bariton Michael Kraus zusammensetzt, sowie Festivalleiter Florian Prey, der im szenisch nur angedeuteten Rahmen langwierige Dialoge als Erzähler geschickt und mit leicht humorvollem Unterton zusammenfasste (Textfassung von Caroline Labusch), bündelten all ihr Können, um die Lebensfähigkeit des heute weitgehend vom Spielplan verschwundenen Werkes unter Beweis zu stellen.

Zwei an den Seiten platzierte Tische mit Stühlen sowie zum Stück passende Kostüme (Dirndl, Trachtenjanker…) genügten, um die Handlung (die Vornamens-Gleichheit von Schubert und seinem Freund Schober verursacht die falsche Annahme, dass ersterer ein Frauenheld ist und in der Folge von kommunikativer Unfähigkeit seine Einsamkeit neben den drei Mäderln) mit all ihren ernsten und situationskomischen Momenten auch in dieser quasi angedeuteten Szenerie verständlich zu machen. Der meist von den Noten losgelöste Einsatz der Sänger mit spielerischen und mimischen Elementen enthob das Ganze der steifen Konzertform.

Typenmäßig waren sie alle gut besetzt, wobei die beiden um Hannerl konkurrierenden Freunde sinnvollen tenoralen Kontrast boten: Goran Cah als Schubert mit passend weichem, gedecktem und verträumt sinnlich seinen Tönen nachlauschendemn Tenor und Semjon Bulinsky als Schober mit heller timbrierter, impulsiver und offener geführter Stimmlagenvariante. Das bissfestere und durchsetzungsfähigere Pendant zu den beiden bot der in Sachen Operette spürbar gestandene Johannes Kalpers als Brautvater Tschöll mit treffsicherer Pointierung des Textes.

Theresa Krügls lieblicher, leicht und locker geführter lyrischer Sopran als Hannerl stand Yvonne Berg mit dramatisch zugespitztem Sopran voll Zugkraft und einem Schuss Paprika-Temperament als Widersacherin Giulietta Grisi gegenüber. Hannerls Schwestern waren durch Nastasja Neumann (Haiderl) und Oskar Mathyshek (Hederl) attraktiv und schönstimmig vertreten. Rafael Fingerlos (Vogl), Markus Murke (Schwind) und Martin Burgmair (Kupelwieser) – letztere beide auch als dem Brauvater trickreich beigebrachte Verlobte der beiden älteren Schwestern mischten im tieferen Männerregister ebenso locker und gewandt mit und komplettierten so das Operettenglück.

Ola Rudner, der GMD des Orchesters, verstand es in seinem runden, eleganten, ja beinahe tänzerischen Dirigiergestus, mit Rücksicht auf Details wie kleine Verzögerungen und Beschleunigungen sowie viel Stilgefühl und Begleitverständnis das gewisse Etwas zu erzielen und damit das Werk in ein besseres Licht zu stellen als es die weitere Rezeptionsgeschichte beleuchtet hat. Die „Unvollendete“ brachte er durch die Betonung des schlicht Liedhaften in passenden Bezug zu Bertés verarbeiteter Musik, ohne die Abgründe der ersteren und die weitgehende Belebtheit zweiterer einzuschränken.

Udo Klebes

 

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