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AUSGERECHNET SIBIRIEN

18.07.2012 | FILM/TV

Ab 20. Juli 2012 in den österreichischen Kinos
AUSGERECHNET SIBIRIEN
Deutschland  /  2012 
Regie: Ralf Huettner
Mit: Joachim Krol, Katja Riemann, Vladimir Burlakov, Julya Men u.a.

Sehr, sehr kleinbürgerlich ist er, dieser Matthias Bleuel in seinem Reihenhaus in Leverkusen, den seine Frau, die offenbar etwas mehr vom Leben will, verlassen hat. Er scheint ja ganz zufrieden damit, in seiner Firma – Modegroßhandel, da hängt die Massenware hundertweise an den Haken – den Versand zu betreuen: Computer, Logistik, das funktioniert in Deutschland wie von selbst. Dass der Chef ihn ausgerechnet nach Sibirien (Kemerovo – wo ist das?) schickt, um dort einen Laden auf Vordermann zu bringen, entzückt ihn absolut nicht. Und er würde schon auf dem Weg hoffnungslos hängen bleiben, träfe er da nicht einen flotten Bekannten, der sich auskennt und der die nötigen Geldscheine in den Pass steckt, um an einem sturen russischen Schalter den Weiterflug zu sichern…

Reisen bildet, das ist eine Erkenntnis, wenn auch in diesem Sinne eher esoterisch aufgefasst. Und neue Welten mögen die alte biblische Erkenntnis „Du musst Dein Leben ändern“ wecken. In diesem Fall lernt Matthias Bleuel, dass die Dinge auch ganz, ganz anders sein können als im berechenbaren Deutschland. Und dass der fremde, seltsame Gesang einer schorische Sängerin Saiten zum Schwingen bringt, von denen man nicht einmal wusste, dass sie existieren – geschweige denn, in einem selbst. Kurz, Regisseur Ralf Huettner erzählt mit einigem Charme eine der – allerdings schon ziemlich üblichen und ausgelaugten – „Erweckungs-Geschichten“. Diese sind nicht ganz leicht glaubhaft zu machen, und dafür bedarf es schon eines Schauspielers besonderer Größenordnung, zumal in dergleichen notgedrungen immer eine Menge Klischees drinnen stecken, die auch hier nicht zu vermeiden sind. So ziemlich vorhersehbar ist die Sache leider immer…

Aber dafür hat man Joachim Krol. Kleiner Mann, nach und nach ganz groß: Was einst Heinz Rühmann für den deutschen Film war, ist Krol nun seinerseits auf höchstem Niveau, weil er es sich absolut nicht leicht macht. Der Weg des Matthias Bleuel vom deutschen Reihenhaus in die sibirische Hütte verlangt einiges an darstellerischer Überzeugungskraft, weil dieser innere und äußere Weg eben im Grunde so „literarisch“ ist (gewissermaßen das Lehrbuch für den Technokraten, dass es eine Seele gibt – selbst wenn man sie in der Tiefe Sibiriens unter den Schamanen findet). Krol macht den Film, der gerade gegen Ende mühsam wird, weil er immer noch und noch ein Stückchen Handlung anhängt (dabei weiß man ohnedies schon alles über die Geschichte), erst möglich. Mehr noch: sehenswert.

Allerdings genießt Regisseur seinen Film spürbar – man merkt es mit der Sorgfalt, mit der die deutschen Schauspieler in ihren wenigen Szenen eingesetzt sind: Katja Riemann als die sympathisch-zickige Ehefrau, von der klar ist, dass sie zu Matthias – so, wie er sich zu Beginn zeigt – nicht passen kann; Michael Degen als der Chef, der seine Angestellten ohne Rücksicht auf Verluste einfach dort einsetzt, wo er sie braucht (und noch erotische Erinnerungen an eine Dame in Sibirien hat – die in Jahrzehnten zu einer fetten Vettel geworden ist); oder Armin Rohde, der Retter am russischen Flughafen, der schnell gelernt hat, in anderen Welten nach anderen Regeln zu spielen.

Das fällt Matthias Bleuel anfangs schwer. Wenn er in den verfilzten Welten des sowjetischen Sibirien landet, kann er sich nur die längste Zeit wundern, dass dort nicht alles so ist wie zuhause (eine bekannte Reaktion von Mitteleuropäern auf die Fremde). Besonders amüsant blättert der Regisseur dabei auf, wie vergleichsweise zu uns amikal-korrupt-menschlich das Geschäftsgebaren in einem sibirischen Klamottenladen ist (wobei so gut wie jede russische Frau bereit wäre, sich dem Westler an den Hals zu werfen, nur um ihre Heimat hinter sich lassen zu können… es gibt auch andere schmerzliche Details, die humorvoll gestaltet sind).

Und wenn Bleuel dann mit seinem Dolmetscher (interessant, weil ebenso problematisch wie amüsant: Vladimir Burlakov als Artjom) wirklich in völlig fremde Welten gerät, weil er sich plötzlich einbildet, er müsse durch die Pampas hinter der schorischen Sängerin (Julya Men)  herfahren, deren Gesang sein Herz gerührt hat, dann mischt das Road-Movie den Zauber einer unkonventionellen, keinesfalls vordergründig beeindruckenden Landschaft und den Kulturschock gänzlich fremder Lebensformen, in denen Schamanismus ein natürlicher Teil der Existenz ist…

Kurz, der Film führt den Zuschauer gemeinsam mit Matthias Bleuel in eine ganz andere Welt, in einen anderen Seinszustand, und wenn man auch selbst nicht unbedingt dort bleiben wollte – man versteht, dass er es tut. Ausgerechnet in Sibirien.

Renate Wagner   

 

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