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AUGSBURG: RITTER BLAUBART von Emil Nikolaus von Reznicek

09.05.2012 | KRITIKEN, Oper

Sehenswerte Opernausgrabung in Augsburg: „Ritter Blaubart“ von Emil Nikolaus von Reznicek (Vorstellung: 8. 5. 2012)


Stephen Owen als Ritter Blaubart in einer der Videosequenzen. Foto: A. T. Schaefer

Das Theater Augsburg, das seit Jahren immer wieder mit selten gespielten Opern aufwartet, zeigt seit kurzem die Märchenoper „Ritter Blaubart“ von Emil Nikolaus von Reznicek, die im Jahr 1920 in Darmstadt uraufgeführt wurde und sich kurze Zeit später an der Oper Unter den Linden in Berlin zu einem Publikumsrenner entwickelte. Dennoch war sie seit 80 Jahren auf keiner Bühne mehr zu sehen.

Der österreichische Komponist (geb. 1860 in Wien, gest. 1945 in Berlin) war nach seinem Studium, das er 1884 in Leipzig beendete, Kapellmeister an zahlreichen Bühnen. In Prag, wo er Militärkapellmeister war, kam 1894 seine bekannteste Oper Donna Diana heraus, deren Ouvertüre zu einem Welterfolg wurde und auch heute noch in Konzertsälen zu hören ist (zum Beispiel wurde sie 2005 in einem Konzert der Münchner Philharmoniker unter Christian Thielemann im Gasteig gespielt).Von 1896 bis 1899 war Reznicek Hofkapellmeister in Weimar, später Kapellmeister in Mannheim, Berlin, Warschau und von 1909 bis 1911 an der Komischen Oper Berlin.

Die Handlung der Oper, deren Libretto von Herbert Eulenburg stammt, dessen gleichnamiges Schauspiel 1906 in Berlin uraufgeführt wurde, in Kurzfassung: Der düstere Schlossherr Ritter Blaubart, der eine faszinierende Wirkung auf das weibliche Geschlecht ausübt, überraschte einst seine Frau in den Armen eines Freundes. Fünf Ehefrauen hat Blaubart seitdem ermordet, ihre Köpfe ruhen in einem Kellergewölbe der Burg. Auch Judith setzt Blaubart einem makabren Vertrauenstest aus: Er untersagt ihr, die Tür zu einer verbotenen Kammer zu öffnen. Doch sie kann der Versuchung nicht widerstehen und entdeckt sein furchtbares Geheimnis. Der blinde Diener Joshua versucht erfolglos, den drohenden Mord an seiner sechsten Herrin zu verhindern. Bei Judiths Beerdigung wirbt Blaubart erfolgreich um deren trauernde Schwester Agnes. Als zwei Grabschänder Judiths Sarg öffnen, um Wertsachen zu stehlen, finden sie die Leiche enthauptet vor. Blaubarts Diener Joshua zündet das Schloss an. Blaubart versucht Agnes zu verführen. Sie fürchtet sich vor ihm und flieht aus dem Schloss, als sich das Feuer ausbreitet. Blaubart kommt in den Flammen um.

Manfred Weiß inszenierte das schaurige Drama in einer Art Schwarzweißmalerei mit einigen Farbtupfern, wobei er mit exzellenter Personenführung aufwartete. Raffiniert seine Idee, die blutigen Szenen durch Videos (Produktion: Patrik Metzger) auf die Bühne projizieren zu lassen. Dazu ein Zitat des Regisseurs aus dem sehr informativ gestalteten Programmheft: Wir sehen auf der einen Seite live mitgefilmte Morde, sozusagen dokumentarische, und dann den im klassischen Spielfilm inszenierten Mord, welchen wir im Charme der amerikanischen Spielfilme à la Hitchcock erleben. Das ist dann sozusagen die „Ästhetisierung des Grauens“. Blaubart selbst bewegt sich zwischen diesen Welten und nutzt die Filme zur Selbstinszenierung – der Selbstinszenierung eines Massenmörders.

Die Drehbühne des Theaters, auf der eine Ritterrüstung das Schloss symbolisiert und im dritten Akt Judiths Sarg das einzige Requisit ist, spiegelt durch Kreisbewegungen von zwei Drehscheiben immer wieder das tödliche Karussell wider und wird schließlich zu einem Kerker, aus dem es kein Entrinnen gibt (Bühne und Kostüme: Timo Dentler, Okarina Peter). Beeindruckend die Lichtregie, die einerseits die Schwarzweißmalerei der Inszenierung verstärkte und andererseits die Mystik der Handlung farblich unterstrich (Lichtdesign: Henning Streck).

Der amerikanische Bassbariton Stephen Owen verkörperte keinen dämonischen Blaubart, eher einen stattlichen Mann, der mit väterlich wirkender Ausstrahlung seine erotische Wirkung auf Frauen erreicht. Den Sprechgesang seiner Rolle schaffte er mit großer Wortdeutlichkeit, dennoch waren die Übertitel fürs Publikum eine nicht zu unterschätzende Hilfe. Die südafrikanische Sopranistin Sally du Randt füllte ihre Rolle als Judith gesanglich und darstellerisch gut aus, wobei die Mimik beider Hauptdarsteller in den Videosequenzen beeindruckte. Ausdrucksstark in Stimme und Spiel auch der bulgarische Basssänger Petar Naydenov als Graf Nikolaus, der um seine Töchter Judith und Agnes, aber auch um seinen Sohn Werner – dargestellt vom jungen Tenor Christopher Busietta – zu bangen hatte, die allesamt Blaubart zu verfallen drohen. Erfrischend Spiel und Gesang der Mezzosopranistin Katharina von Bülow als Agnes, die einen echten Gegenpol zur mystischen Welt des Schlossherrn darstellt.

Als blinder Diener Joshua hatte der Tenor Mark Bowman-Hester seinen stärksten Auftritt im letzten Akt, als er nicht länger miterleben will, wie Blaubart seine Ehefrauen tötet, ihm seine Dienste aufkündigt und das Schloss anzündet. In kleineren Partien waren noch der Bassbariton Dong-Hwan Lee als Pfarrer, der Tenor Gerhard Werlitz als Ratte sowie Petar Naydenov im Einsatz, der auch seiner zweiten Rolle als Grabschänder Hinz Profil verlieh.

Das Philharmonische Orchester Augsburg unter der souveränen Leitung von Dirk Kaftan gab die effektvolle Partitur des Komponisten, die eine atmosphärisch dichte und sinnliche Deutung des bekannten Mythos um Ritter Blaubart ist, äußerst farbenreich wieder. Das Publikum war von den fesselnden Klängen aus dem Orchestergraben, die neben rauschhafter Expressivität auch zarte romantische Töne beinhaltete, fasziniert und begeistert. Nicht enden wollender Beifall für alle Protagonisten, Bravorufe für das Ensemble und Jubel für den Dirigenten und sein fabelhaftes Orchester.

Udo Pacolt, Wien – München

 

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