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AUGSBURG: KORNGOLD-DOPPELABEND: DER RING DES POLYKRATES/ VIOLANTA – Premiere

02.06.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Augsburg: Korngold-Doppel-Abend „Der Ring des Polykrates“ / „Violanta“ – Premiere am 31. Mai 2013


Niclas Oettermann, Sally du Randt, Christopher Busietta, Sophie Christine Brommer und Giulio Alvise Caselli. Foto: Theater Augsburg

Im März 1916 brachte ich die Uraufführung von Erich Wolfgang Korngolds >Ring des Polykrates< und >Violanta< heraus, Werke von erstaunlicher musikalischer und dramaturgischer Begabung…[…] … die beiden Einakter waren mir beim hinreißenden Vorspielen am Klavier durch den achtzehnjährigen Komponisten musikerfüllt und dabei so echt in ihrer feurigen Dramatik erschienen, dass ich sie sofort für München angenommen hatte. Es gab einen großen Erfolg, und ich war hocherfreut, mich für eine starke Begabung einsetzen zu können.“ Dies schrieb kein Geringerer als Bruno Walter, der Dirigent der Uraufführung, die am 28. März 1916 in München stattfand – Wien folgte bereits am 10. April des gleichen Jahres – allerdings wurde dort der „Ring des Polykrates“ nur zur Premiere gespielt, während „Violanta“ (gekoppelt mit anderen Werken) bis zum Jahre 1930 an der Wiener Oper immerhin 39 Aufführungen erlebte. (Im sehr umfangreichen „Spielplanarchiv“ der Wiener Staatsoper wird die Wiener Premiere übrigens fälschlicherweise als „Uraufführung“ bezeichnet!) Beide Werke wurden in den Folgejahren auch in Berlin (02.11.1917 unter Leo Blech – mit 8 Folgevorstellungen bis Januar 1918) gespielt. Häufiger begegnet man der „Violanta“ allein, an deren Wiener Erstaufführung sich der Dirigent Karl Böhm mit solcher Begeisterung erinnerte, dass er das Werk 1928 als GMD in Darmstadt herausbrachte. Auch nach Amerika fand „Violanta“ den Weg, am 05.11.1927 erfolgte – mit der Wienerin Maria Jeritza in der Titelpartie – die Erstaufführung an der MET (gekoppelt mit – Humperdincks „Hänsel und Gretel“ !!!), erreichte allerdings dort nur fünf Aufführungen. Von „Sensationserfolg“ – wie Marcel Prawy einst meinte – kann wohl eher nicht gesprochen werden. In jüngerer Vergangenheit hatte „Der Ring des Polykrates“ Wiederauf-führungen in London (1997), Italien (2011) und in Lübeck (2012), „Violanta“ konnte man bereits 1964 in der Volksoper Wien erneut begegnen, ferner in London (1997 und 2002), in Lettland (2004), in New York und Buenos Aires (2010) sowie in Bremerhaven und Sao Paulo (2012); nicht in jedem Falle handelte es sich um szenische Aufführungen. Über die Aufführungen in Lübeck und Bremerhaven berichtete Udo Pacolt seinerzeit im „Merker“.


Stephen Owen, Sally du Randt. Im Hintergrund: Ji-Woon KimFoto: Theater Augsburg

Das Theater Augsburg hat nun den Rückgriff auf einen szenischen Abend mit beiden Werken gemeinsam gewagt und Regisseur Markus Trabusch, der Schauspieldirektor des Theaters Augsburg, hat auch eine überzeugende Klammer gefunden, die beide Werke verbindet und mittels derer man sie zu einem Abend vereinigen kann: er orientiert sich an der Zeit der Entstehung der Werke, also während des 1. Weltkrieges, und versucht gar nicht erst eine historisierend-anekdotische, „werkgetreue“ Aufführung (im Falle des „Ring des Polykrates“ wäre es die Schiller-Zeit gewesen) herzustellen, sondern konzentriert sich auf die geistigen Strömungen der Zeit nach der Jahrhundertwende, auf eine Zeit des Umbruchs. Katharina John bringt es im Programmheft auf den Punkt, wenn sie beide Werke durch „jenen Grundkonflikt geprägt“ [sieht], „der die Unsicherheit der persönlichen Situation kombiniert mit dem Bekenntnis zu einer Grundentscheidung für eine von zwei einander entgegen gesetzten Kategorien bzw. Lebensformen. Das Heil wird gesucht in Freiheit oder Kontrolle, Natur oder Kultur, Grenzenlosigkeit oder Abgegrenztheit, Hingabe an Trieb oder Triebkontrolle.“ Überwältigend ist dabei die Musik, die in einer geradezu meisterhaften Weise die Situationen nicht nur genau trifft, sondern an Melodienreichtum und prägnanter struktureller Gestaltung geradezu strotzt. Freilich schießt der Komponist insofern übers Ziel, als er Anforderungen an die Solisten und das Orchester stellt, die man nur mit dem Begriff „opulent“ höflich umschreiben kann – soll heißen: beim Studium beider Werke habe ich den „Ring des Polykrates“ immer noch mehr bewundert als die „Violanta“ – die Erfahrungen der praktischen Aufführung zeigen das Gegenteil: die immensen Anforderungen der Partitur stehen der Wirksamkeit des „Ringes“ im Wege, „Violanta“ funktioniert – bei allen Schwierigkeiten vor allem für den Tenor und die Titelpartie – wirkungsreich und sicher.

Um auf das Anekdotische zurückzukommen, die „Story“ ist in beiden Fällen schnell geschildert und gibt höchstens insofern Rätsel auf, ob und wie man das heutzutage überzeugend umsetzen sollte: ein glückliches Ehepaar wird von einem alten Bekannten (Freund des Mannes und offensichtlich bekannt auch der Frau) zum Zwist überredet (zu einem Opfer im Sinne der titelgebenden Schillerschen Ballade), der findet auch statt, führt aber dazu, den Störenfried zu opfern, alles andere bleibt, wie es immer war. Im andern Falle: eine auf den ersten Blick etwas introvertierte Dame überredet ihren Ehemann, den Verführer ihrer Schwester zu töten, wechselt auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung allerdings die Front, indem sie sich in den Verführer verliebt und ihn dadurch rettet, dass sie dem eigenen Ehemann selbst ins Messer fällt. Na ja, realistisch möchte ich das nicht inszeniert sehen und deshalb fand ich den Zugriff von Trabusch richtig gut und überzeugend.

Augsburg spielt beide Stücke im Grunde in einem „Einheitsbühnenbild“, das freilich variiert wird und das in der „Violanta“ gut funktioniert (Volker Hintermeier). Beim „Ring“ wirkt das schemenhafte „Streichholzhaus“ nicht nur etwas primitiv, sondern behindert das Verständnis des Werkes insofern, als es viel von den Sängern „schluckt“ – eine leere, „offene“ Bühne, noch dazu mit Stoff-Vorhängen im Hintergrund und an der Seite begrenzt, behindert Sänger immer, alte Opernhasen wussten das früher. Nichts reflektiert, nirgendwo kann der Klang der Stimmen und vor allem die Verständlichkeit des Textes „aufgefangen“ und kanalisiert werden. Das ist m. E. ein wesentlicher Faktor dafür, dass man die (simple) Geschichte nicht versteht und mit ihr über weite Strecken nichts anfangen kann. Und wenn man bei einer Komödie nichts versteht, kann man auch nicht lachen – was schon Lortzings Pancratius im „Wildschütz“ sehr nachdrücklich postulierte. Dabei war die Personenführung hier klar und übersichtlich, man wusste dennoch nicht, worum es sich handelt. Schade. Mangelnde Textverständlichkeit (besonders vom auch darstellerisch blassen Buffo-Paar Sophie Christine Brommer als Lieschen und Christopher Busietta als Diener Florian), angespannte Konzentration auf die Schwierigkeiten der Partie, die zu Lasten einer differenzierten Gestaltung und nicht gänzlich ohne „Schmiß“ abging (Niclas Oettermann als Hofkapellmeister) und vor allem ein in diesem Falle viel zu vordergründig „lautes“ (ich verwende den Begriff absichtlich!) Orchester verdarben einem die Lust an der Freude. Einzig Sally du Randt als Laura und Giulio Alvise Caselli als Peter Vogel konnten verständlich machen, worum es sich eigentlich handelt. Beide spielten auch glaubhaft das „Konfliktchen“ aus, das Anlass zum Streit in der glücklichen Ehe des Hofkapellmeisters hätte geben können. Sehr deutlich waren nicht nur die Aktionen von du Randt bezüglich des „Gastes“ den ihr Mann da ins Haus sehnt, sondern auch Caselli ließ erkennen, dass diese Laura ursprünglich seinem Leben einen anderen Verlauf hätte geben können. Es war schade, dass diese scheinbare Nebenlinie der Handlung das Einzige blieb, das man erkennen konnte. (Und wieder einmal wurde bestätigt, dass Komödie halt viel schwieriger ist als Tragödie; und es ist falsch, wenn man zu viele Anforderungshürden in eine Komödienpartitur packt – kein Geringerer als Richard Strauss leidet mit seiner grandiosen „Schweigsamen Frau“ daran bis heute…)

„Violanta“ hingegen funktioniert besser, auch weil das Werk sich eindeutiger der Praxis der Operntradition stellt – eigentlich eine ebenso sichere Bank wie die „Tosca“ von Puccini. (Übrigens sind die immer wieder in der Literatur auftauchenden Unterstellungen, Korngold habe sich u. a. auch bei Puccini „bedient“, Unfug; er war (mit 18 Jahren!) ebenso eigenständig und „fertig“, wie in späterer Zeit – „Anleihen“ sind überhaupt kein Thema, und wenn – dann höchstens bei sich selbst; ich meine, schon Einiges aus der späteren „Heliane“ in dieser Partitur gehört zu haben!)


Sally du Randt. Foto: Theater Augsburg

Das Bühnenbild vervollständigt nun das Streichholzhäuschen des „Ringes“ zum opulenten Glaspalast der Renaissance, Spiegelwände sorgen für überraschende Lichteffekte, das alles schaut gut aus und passt zu dem, was stattfindet. (Licht: Kai Luczak, Kostüme: Su Bühler). Die Personenführung fand ich hier etwas konventionell, allerdings wurde durchgängig sehr gut gesungen, was beim wieder sehr vordergründig agierenden Orchester viel heißen will. (Zum Beispiel: Korngold lässt das Werk mit einem p beginnen, ein liegender Ton der tiefen Streicher, des Klaviers und der Celesta, setzt einen von den Hörnern dominierten Akkord – ebenfalls im p – nach und krönt es mit einem unisono gespielten Ton der hohen Streicher, Holzbläser, Harfe ect., bleibt dabei aber immer im Piano. Dann wird der gesamte Vorgang wiederholt, eingeleitet von einem im Tritonus stehendem Baßauftakt, aber ohne Akzent. In Augsburg beginnt bereits der erste Einsatz in einem gesunden Mezzoforte, was zu entsprechender Steigerung bei den Folgeeinsätzen führt und auf dem Tritonus, der ja für sich allein schon aus der Linie fällt, wird noch ein Akzent gesetzt, der in der Partitur nicht steht! So kann man Dynamik vergröbern!) Roland Techet gab mit diesen beiden Werken seinen Einstand als neuer, koordinierter 1. Kapellmeister des Theaters Augsburg. Er tat das mit zupackendem Feuer, rhythmischer Prägnanz und großen Gesten; dass er ein der Szene verpflichteter Diener und den Sängern ein helfender Partner werden könnte, wird er erst noch beweisen müssen.

Sally du Randt, als Korngold-Sängerin ja bereits mit der Marie/Marietta in der „Toten Stadt“ (Passau 2009) und besonders der singulären Heliane (Kaiserslautern 2010 und Brno 2012) ausgewiesen, sang hier nicht nur eine stimmgewaltige Violanta, die man zu Recht auch von ihr erwartet hatte, sondern sie verzichtete auf das „Gewaltige“ fast völlig, zeigte indessen nach der geradezu lyrischen Laura im „Ring des Polykrates“ eine sehr differenziert gestaltende, in den Lyrismen des großen Duetts mit dem Tenor schwelgende Vielseitigkeit der stimmlichen Beherrschung, die allein die (weite) Reise nach Augsburg wieder lohnte. Dass sie dabei musikalisch geradezu subtil differenzierte und – wo kompositorisch vorgesehen – außergewöhnliche Akzente zu setzen wusste, sei besonders betont: ihre beiden hohen C´s in der „Violanta“, die Korngold nicht in Folge von Kantilenen schrieb, sondern dramaturgisch ganz bewusst „für sich“ gesetzt hat, ließ sie als wahre Leuchtraketen des Abends steigen. Bravo!

Neben ihr konnten die beiden Männerstimmen bestehen, die unmittelbar mit ihr zu tun hatten: Stephen Owen mit einem sehr „italienisch“ volltönig gesungenem Simone, der seiner Frau im Übrigen geradezu hörig zu sein scheint und die Tragik dieser Figur, besonders am Ende des Werkes, zu großartiger Geltung brachte. Nahezu verblüffend war für mich, mit welcher Selbstverständlichkeit Ji-Woon Kim den Alfonso, eine der heiklen Tenorpartien Korngolds, sang und gestaltete. Schwierigkeiten mit der Tessitur scheint er nicht zu kennen, er sang diese zwar nicht eben lange, aber monströse Partie mit Selbstverständlichkeit, musikalisch sehr glaubhaft die Tragik seiner Biographie übermittelnd, und gewann auf diese Weise nicht nur Violanta, sondern auch das Publikum für sich. Kerstin Descher gab mit samtigen Alt die Barbara als einen wichtigen Ruhepunkt in dieser Oper. Niclas Oettermann war ein stimmlich geschmeidiger, hier übrigens auch gut verständlicher Maler Giovanni Bracca und Giulio Alvise Caselli überzeugte in der kurzen, für die gesamte Entwicklung des Stückes aber wichtigen (Tenor)-partie des Matteo. Weitere Solisten und der klangschön und musikalisch sicher singende Chor des Theaters Augsburg (Einstudierung: Katsiaryna Ihnatsyeva-Cadek) rundeten den interessanten Eindruck, den das Werk vermitteln konnte, ab.

Die beiden Werke sind unterschiedlich und stellen auch unterschiedliche Anforderungen. Ob sie zusammen den Spielplan erobern, wage ich zu bezweifeln. Die „Violanta“ gehört unbedingt gespielt, auch von großen Häusern. In Augsburg jedenfalls fanden sie eine freundlich-wohlwollende, keine ethusiastisch stürmische Aufnahme.

A propos: Was wird bleiben? Wiederbelebungsversuche sind ja richtig und auch notwendig. Falls es aber nur aller zehn Jahre einen gibt, wird es mit dem „Wiederbeleben“ nichts werden. Augsburg hat in den vergangenen Jahren viel Positives geleistet, andere auch. Und dann? – Dann war es das aber auch schon, zu schnell immer wieder…

Mein Vorschlag: warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? Die „Violanta“ hat bewiesen, dass in und für Augsburg die Idealbesetzung für das „Wunder der Heliane“ quasi vor der Haustüre liegt: mit Kim als Fremden, Owen als Herrscher, der Descher als Botin und mit Sally du Randt schreit es förmlich nach einer Aufnahme dieses Werkes in den Spielplan – hoffentlich in einer Inszenierung, die, als echte Alternative zu Kaiserslautern / Brno, die Titelheldin selbständig handeln und nicht von der Botin ferngesteuert agieren lässt. Das wäre doch mal ein Beitrag – nicht nur ausgraben, wirklich immer wieder spielen!

Werner P. Seiferth

 

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