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AUGSBURG/ Foyer des Textilmuseums: KASPAR HAUSER – Oper von Hans Thomalla. Neuinszenierung

30.04.2017 | Oper

AUGSBURG:  „KASPAR HAUSER“ –  Oper von Hans Thomalla

(Premiere am 23.04.2017 – Besuchte (3.)Vorstellung am 28.04.2017 im Foyer des Textilmuseums Augsburg)

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Sally du Randt, Erik Völker, Christopher Busietta, Xavier Sabata, Giulio Alvise Caselli, Samantha Gaul und Georg Festl  (v.l.n.r.) – Copyright: Theater Augsburg – A . T. Schaefer

Die Geschichte der Aufführung dieser Oper in Augsburg ist jedenfalls spannender als die Oper selbst: ursprünglich gemeinsam mit dem Theater Freiburg entwickelt und in Auftrag gegeben, fand die Uraufführung am 9.4.2016 in Freiburg statt. (Damals berichtete Alice Matheson zeitnah im online-MERKER) Für dieses Frühjahr war die Aufführung im Großen Haus Augsburg geplant, das, wie bekannt, im vergangenen Juni unverhofft gesperrt werden musste. Das Theater reagierte mit einem Ausweichquartier im Martini-Park (an dem nun noch gebaut wird und das die „Bleibe“ fürs Ensemble in den kommenden Sanierungs-Jahren werden soll). Zum vorgesehenen Termin stand dann auch diese Spielstätte nicht zur Verfügung und man fand in letzter Minute Zuflucht im Foyer des Textilmuseums Augsburg, einem langen, hohen Raum mit beklemmender Atmosphäre. Hierhin wollte man mit einer konzertanten Aufführung ausweichen, entschied sich letztendlich aber für eine „konzertante Aufführung mit szenischen Impressionen“ – was immer man darunter verstehen mochte. Ich hätte es besser gefunden, wenn es rein konzertant präsentiert worden wäre, denn Regie im eigentlichen Sinne war schon deshalb gehandicapt, weil der Zuschauer im flachen Raum dieses Foyers ohnehin nicht alles sehen konnte, was auf der Spielfläche passiert (von Bühne kann keine Rede sein!). Jedenfalls sah ich – in der 11. Reihe sitzend – nur Oberkörper und Köpfe der Beteiligten und konnte folgerichtig den „szenischen Impressionen“, die der Regisseur der Freiburger Uraufführung, Frank Hilbrich, beisteuerte,  kaum folgen. Bei einer rein konzertanten Aufführung hätte man sich stärker auf die Deutlichkeit des Textes konzen-trieren müssen, was sicher ein Vorteil gewesen wäre! Das Orchester – hinter dieser Spielfläche postiert – war mehr zur Geräuschkulisse degradiert und konnte als Handlungsträger kaum wirken, was den Vorteil hatte, dass die Musik nie als störend empfunden wurde, leider aber auch keinen dramaturgischen Sinn vermitteln konnte, was ebenfalls bei einer rein konzertanten Aufführung einen anderen Eindruck hätte hinterlassen müssen. Dabei versprachen einige Blicke in die recht komplizierte Partitur durchaus Interessantes: ohne Holzbläser kommt sie mit 2 Trompeten, 2 Posaunen, Tuba, Harfe, Klavier, Akkordeon, Großer Trommel und Streichquintett aus, verwendet zudem recht dominierend das Saxophon als für den Titelhelden typische „Klangfarbe“. Umfangreiche Erklärungen zu Spieltechniken und Stimmungen – Viertelton höher, Dreiviertelton tiefer, 33 Cent höher (Differenz 7.Oberton zu temperiertem Ton) usw. ! – täuschen eine Kompliziertheit vor, die der Abend dann zum Glück nicht bestätigt: Das Orchester hat viele sehr ruhige Momente, Ausdruck der Stille, bisweilen unterhalb der Hörbarkeitsgrenze, es möbelt aber auch ordentlich los, wenn man vermeint, einen Höhepunkt setzen zu müssen. Das ist durchaus spannend, tut nie weh in den Ohren – gemerkt davon habe ich mir aber auch nichts. Insofern stellt sich bereits an dieser Stelle die Frage, ob das wirklich Musik für eine Oper ist…

Das Findelkind Kaspar Hauser hat seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur Dichter und Musiker immer wieder interessiert und zu mehr oder weniger hinreißenden Geschichten inspiriert, sondern ebenso Kriminologen und Juristen. Aus der Fülle des vorliegenden  dokumentarischen Materials schrieb sich Hans Thomalla sein Libretto zu dieser Oper selbst, wohl wissend, dass es eine eigentliche Geschichte dazu kaum gibt. „Die Geschichte von Kaspar Hauser lässt sich nicht ‚schreiben‘. Er hat keine Geschichte…“ erklärt Thomalla und fährt fort: „…Und die Abwesenheit von Hausers Geschichte wird nicht in einer übersichtlichen Story erzählt, sondern die Unmöglichkeit, die Leere der Biographie Hausers zu repräsentieren, wird reale Präsenz auf der Opernbühne und im Orchestergraben – denn im Klang  bleibt immer ein nicht verständlicher, nicht erfassbarer Rest.“  Nun ja, mir ist das zu wenig, um mich 90 Minuten mit einer Sache zu beschäftigen, die es eigentlich nicht gibt und was den nicht erfassbaren Rest des Klanges betrifft, da könnte man auch sehr streiten, wie man das auffassen darf…

Das Publikum im zur Hälfte besetzten Spielort folgte der Geschichte durchaus mit großem Interesse; da es keine Pause gab, war Kommunikation nicht möglich. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob der durchaus herzliche Applaus am Schluss der Ergriffenheit oder dem Bedürfnis geschuldet  war, den Ausführenden kräftig zu danken. Letzterem zumindest konnte ich mich uneingeschränkt anschließen, auch wenn es natürlich dort Differenzierungen geben muss. Da das Programmheft (im Gegensatz zur Partitur) die einzelnen Doppel- bzw. Tripelrollen nur knapp mit Nachnamen nennt, kann man sich kaum einen Überblick verschaffen, wer was verkörpert. Vielleicht ist das auch nicht so wichtig, aber die Tatsache, dass der Komponist eindeutige „Stimmfächer“ für einzelne Personen festlegt, sollte schon des Nachdenkens wert sein – bei aller Fragwürdigkeit von Stimmfach-Grenzen. Lyrischer Tenor, Heldentenor, Dramatischer Bariton, Lyrischer Bariton, Dramatischer Sopran (sie alle nennt der Komponist so!) bezeichnen ja nicht nur ein „Stimmfach“, sondern gleichermaßen eine Persönlichkeit – oder sie sollten es jedenfalls tun. Hier vermochte lediglich Mathias Schulz von Persönlichkeit und sprachlicher Beherrschtheit dem zu entsprechen, was offensichtlich damit gemeint war, während man bei Christopher Busietta leider zu oft nichts verstand und es Samantha Gaul ebenso wie GuilioAlvise Caselli an Ausstrahlung und Persönlichkeitswert mangelte. Auch ist das Werk ungeeignet, zu beweisen, wie groß die eigene Stimme ist, was leider Georg Festl und Alexander York unter Beweis zu stellen versuchten. (Natürlich auf Kosten der Textverständlichkeit!)

Sehr anspruchsvoll ist die Titelpartie, von Xavier Sabata sowohl in der stimmlichen Vielseitigkeit des Countertenors als auch in der opulenten Körperbeherrschung vorbildlich erfüllt. Ihm zur Seite der einzig „greifbare“ Mensch in diesem Panoptikum, die Caroline Kannewulf (laut Partitur erst im 3. Akt singend, hier aber von Anfang an präsent!) – in   Stimme und Persönlichkeit durch Sally du Randt nachhaltig aufgewertet.

Lancelot Fuhry dirigierte hinter den Sängern (!) das Orchester mit Ruhe und Souveränität. Die Merker-Kollegin Matheson schrieb vor einem Jahr nach der Freiburger Uraufführung, dass der dortige Dirigent mit einer Sicherheit agierte, als sei es seine x-te TOSCA. Dem Urteil würde ich mich, auf Fuhry bezogen, uneingeschränkt anschließen – zitiere dies aber nicht deshalb, sondern die Kollegin schlussfolgerte:  „Lieber die x-te Tosca als einen Kaspar Hauser.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Werner P. Seiferth

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Die Augsburger Aufführung im Foyer das Textilmuseums  –  Foto: Theater Augsburg (A.T.Schaefer)

 

 

 

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