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AUF DEN SPUREN DER JOSEFINE MUTZENBACHER

17.06.2012 | buch

Anna Ehrlich:
AUF DEN SPUREN DER JOSEFINE MUTZENBACHER
Eine Sittengeschichte
272 Seiten, Amalthea Verlag 2012 

Die „Mutzenbacher“ ist, so fiktiv sie sein mag (der feinsinnige „Bambi“-Dichter Felix Salten schrieb diese Wiener Dirne in die „Literatur“), für Wien eine so stehende Figur wie der „liebe Augustin“, sie gehört gewissermaßen zu Geschichte und Topographie dieser Stadt. In aller (scheinbaren) Naivität erzählt dieses Wiener Mädel, wie all die „anständigen“ Männer und feinen Herren (ein Pfarrer ist auch dabei) sie zu einer „solchen“ gemacht haben…

Logisch, dass Anna Ehrlich, die versierte Lokalhistorikerin, die Mutzenbacher als „Zeugin“ benennt (und gleich in den Buchtitel hinein nahm, weil sie eben stets so publikumsträchtig ist), wenn sie zu einer Sittengeschichte Wiens ansetzt.

Das ist nun sehr flüssiges Geplaudere, das aber auf harten Fakten beruht: Die „verborgene“ Geschichte der Stadt gab es in allen Epochen, von den Römern bis selbstverständlich heute, aber die Autorin hört beim Fin de Siecle (der Entstehungszeit der Mutzenbacher, die 1906 als Privatdruck erschien) auf: Vielleicht will sie ja noch eine Fortsetzung schreiben, der Epilog über die Jahre bis heute ist ja eher lapidar.

Der „Tannhäuser“, dem Opernfreund als Wagner-Held bekannt, aber tatsächlich ein echt existierender Minnesänger des 13. Jahrhunderts, beklagte, wie einen das Wiener Leben zugrunde richte, mit schönen Weibern, mit Leckerbissen und „zweimal in der Woche baden“. Wobei Letztgenanntes nicht nur dem Reinlichkeitssinn diente, sondern auch den Spielchen, die man da ausüben konnte, denn in öffentlichen Bädern trieb man es „gemischt“…

Immer wieder wollten Herrscher der allgemeinen Zügellosigkeit Herr werden, schon vor Maria Theresia, die dem Sex (allerdings dem ehelichen) so gar nicht abgeneigt war: Erzherzog Ferdinand, der später als Nachfolger seines Bruders Karl V., der ihn mit den österreichischen Ländern belehnte, Kaiser Ferdinand I. wurde, hat den Wienern ihre erste Keuschheitskommission verordnet. Genützt hat es selbstverständlich nichts. Und gerade die Mitglieder der Familie Habsburg versorgen die Autorin durch die Geschichte mit den süffigsten Geschichten, in denen Damen à la Mutzenbacher eine Rolle spielten – oder sich die hochgeborenen Damen nicht besser verhielten als die Dirnen…

Die Doppelmoral der Herren war bekannt, die Kaiser pflegten sie durchaus (Karl VI., Maria Theresias Vater, gehörte dazu). Wenn Joseph II. zu den Bierhäuselmenschern vom Spittelberg ging, mischte sich Hoch und Tief, Oben und Unten ganz zwanglos auf der menschlichsten aller Ebenen. Während des Wiener Kongresses war angeblich jede dritte Wienerin (!) bereit, den hier angeblich der Politik wegen angereisten Herren zu Diensten zu sein. Die Wiener Mutzenbacherin hatte viele Gesichter.

Und es ist auch recht ergötzlich, dass sie in diesem Buch in vielen historischen Bildern, von wunderschön bis absolut skurril, aufscheint. Es gibt viele Gesichtspunkte, um Kulturgeschichte zu schreiben.

Renate Wagner

 

 

 

 

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