Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

ATHEN: ONASSIS CULTURAL CENTRE: DIE MELANCHOLIE DES DRACHEN von Philippe Quesne

28.02.2016 | Theater

Onassis Cultural Centre, Athen

Die Melancholie der Drachen von Philippe Quesne

Besuchte Vorstellung vom 27. Februar 2016

 Boten aus dem verlorenen Paradies

Philippe Quesne. La Mélancolie des dragons. Photo courtesy of Pierre Grosbois.
Copyright: Pierre Groisbois

 Philippe Quesne gehört momentan zu den gefragtesten Theatermachern auf internationalen Festival- und Theaterbühnen. Erst jüngst brachte er an den Münchner Kammerspielen eine theatrale Erkundung unter dem Titel „Caspar Western Friedrich“ zur Uraufführung. Der romantische Geist, das Wechsel- und Zusammenspiel der Künste, die pure Kraft der Bilder: all das kennzeichnet seine Theaterarbeit. Dass er als Bühnenbildner begann, bevor er 2003 die Vivarium Studio Company gründete und seine Arbeit als Regisseur aufnahm, spürt man seinem Schaffen in einem positiven Sinne deutlich an: Er versteht es, geheimnisvolle Räume zu schaffen und diese mit wundersamem, von Poesie und Melancholie durchdrungenem Leben zu erfüllen.

 Nach Athen kam Philippe Quesne nun mit einer älteren Arbeit: „Die Melancholie der Drachen“ von 2008. Der Bühnenraum präsentiert eine Winterlandschaft, in der ein Citröen mit Anhänger gestrandet ist. Die Aufführung beginnt damit, dass wir vier langhaarige Rocker im Auto sitzend beim Musikhören beobachten. Von Hardrock über Alte Musik bis hin zu Chansons ertönt ganz Unterschiedliches aus dem Auto. Eine Radfahrerin stösst dazu, drei weitere Männer entsteigen dem Anhänger, welcher sich seiner Ummantelung enthüllt als Vitrine auf Rädern zu erkennen gibt. Dieses museale Relikt – und die Referenz dürfte kaum zufällig sein – wird zum Ausgangspunkt einer Darbietung, eines Theaters auf dem Theater, welches die Radfahrerin und das Auditorium das Staunen lehren soll. In der Vitrinen hängende Langhaarperücken imaginieren, in farbigen Nebel gehüllt, rätselhafte Gestalten. Maschinerien produzieren Seifenblasen und Kunstschnee, die Radfahrerin bewegt sich als Langläuferin gleich einer Tänzerin in wogenden Schritten, das Auftreten der Rocker ist gleichsam gestisch durchchoreografiert. Die Musik setzt bei alledem den Rhythmus und die Stimmung. Eigentlich passiert nicht viel und von nennenswerten Handlung kann man kaum sprechen. Und doch erreicht dieses Sammelsurium, das auch Bilder von Dürer und Breughel herbeizitiert, die Zuschauer ganz direkt: durch die poetische Kraft seiner Bilder. Zu den staunenswertesten Momenten gehört das Schlussarrangement, wo grosse dunkelgraue, senkrecht im Raum stehende Luftkissen wie Drachenbeine anmuten. Da sage noch einer, wir hätten den Glauben an Drachen verloren.

 Das Ensemble erweckt Quesnes Bühnenwelt mit Leichtigkeit und Charme zum Leben. Isabelle Angotti, Rodolphe Auté, Joachim Fosset, Cyril Gomez-Mathieu, Sébastien Jacobs, Victor Lenoble, Émilien Tessier, Gaëtan Vourch folgen präzise dem Rhythmus – oder sollte man besser sagen der Vorzeichnung – von Quesnes Bühnenkomposition. Ihr Spiel changiert zwischen Komik und melancholischem Ernst. Die Akteure zeigen und lehren uns das Staunen, ohne welches sich Kunst nicht erfahren lässt. Philippe Quesne erweist sich einmal mehr als Magier, der mit Zauberhand die Spielzüge ausführt. Ein bemerkenswerter Abend, der uns über Kunst und unsere Rolle als Betrachter nachdenken lässt. Das Publikum bedankt sich mit grosser Begeisterung.

 Ingo Starz

 

Diese Seite drucken