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ATHEN / Onassis-Cultural Center: ROMANTIK – eine Performance, basierend auf Hermann Brochs „Die Schlafwandler“. Premiere

19.03.2015 | Theater

Onassis Cultural Center, Athen „Romantik. Eine Performance, basierend auf Hermann Brochs „Die Schlafwandler“

Premiere vom 18. März 2015. Weitere Vorstellungen bis 29.3.

 Stumme Posen der Romantik

 von Ingo Starz

 Der österreichische Schriftsteller Hermann Broch (1886-1951) wird heute nicht mehr viel gelesen. Am bekanntesten ist wohl sein Roman „Der Tod des Vergil“ (1945), worin er Parallelen zieht zwischen der Umbruchsphase der augusteischen Zeit und seiner Gegenwart. Seine Romantrilogie „Die Schlafwandler“ (1930/32) fand in den letzten Jahren vermehrt Beachtung. Der Bayerische Rundfunk produzierte 2007-09 mit großem Erfolg eine zwölfstündige Hörspielfassung. Unterteilt in die Jahre 1888, 1903 und 1918 bietet die Trilogie einen außergewöhnlichen Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland. „Was wir erleben, ist der Zusammenbruch der großen rationalen Wertsysteme. Und wahrscheinlich ist die Katastrophe des Menschlichen, die wir erleben, nichts anderes als dieser Zusammenbruch. Eine Katastrophe der Stummheit.“ (Hermann Broch)

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Themelis Glynatsis

 Der junge griechische Theaterregisseur Themelis Glynatsis nahm sich nun in einer Produktion des Onassis Cultural Center des ersten Teils der Trilogie an: „Pasenow oder die Romantik“. Unter dem Titel „Romantik. Eine Performance, basierend auf Hermann Brochs Die Schlafwandler“ nahm er sich der Geschichte des Joachim von Pasenow an. Der junge Leutnant von Pasenow durchläuft eine militärische Laufbahn in Berlin. Eine Liebschaft mit der Prostituierten Ruzena führt zum Bruch mit den Konventionen der Zeit. Dies geschieht aus einer unbewussten, schlafwandlerischen Sinnsuche heraus. Da der ältere Bruder Helmuth in einem Duell umkommt, was dem Vater den Verstand raubt,  sieht sich Joachim großen Vorwürfen ob seines Lebenswandels ausgesetzt. Ermuntert durch seinen Freund Eduard von Bertrand findet der desintegrierte Leutnant zu Elisabeth von Baddensen. Durch die standesgemäße Heirat mit der Adligen kehrt er in den Schoss des vertrauten Wertesystems zurück. Die Personenkonstellation, dies sei ergänzend angefügt, welche einen zwischen zwei Frauen (Heilige und Hure) hin- und hergerissenen Mann zeigt, erinnert kaum zufällig an diejenige von Richard Wagners romantischer Oper „Tannhäuser“.

 Themelis Glynatsis hat diese Handlung in eine musikalisch-poetische Komposition gepackt. Musik spielt darin selbstredend eine zentrale Rolle (Musik: Giorgos Poulios, am Flügel: Michalis Papapetrou). Das Setting (Adrianos Zacharias) ist einfach gehalten und besteht aus einem niedrigen Bühnenpodest, das im Laufe der Aufführung in einzelne Teile auseinandergeschoben wird, einer Projektsfläche im Hintergrund, dem Flügel rechter- sowie einem kleinen Podest linkerhand. Glynatsis bewegt die weitgehend isoliert agierenden Schauspielerinnen und Schauspieler gleich musikalischen Motiven durch den Raum. Projektionen eines Karussels und (die längste Zeit) eines Sternenhimmels geben assoziative Hinweise auf die Lebens- und Sinnsuche des Helden. Elektronische Klänge strukturieren die Produktion, in welcher der Darsteller des frühverstorbenen Helmuth von Pasenow als singendes „Untoter“ (auch eine romantische Figur) durch die Szene geistert und drei Lieder aus Franz Schuberts „Winterreise“ („Auf dem Fluße“, „Einsamkeit“ und „Der Leiermann“) ertönen lässt. Die Textstücke aus Brochs Roman haften den Figuren wie Zuschreibungen an, ihre stummen Gesten schöpfen aus dem Repertoire der großen Gefühle. Dem Publikum präsentiert der junge Regisseur so ein Universum von Gestalten, die gleich Planeten durch den Raum kreisen, sich begegnen, abstoßen oder zueinander finden. Ein Schauspieler, der sich allein auf dem kleinen Podest zur Linken bewegt, agiert ähnlich einem Dirigenten und Interpreten.

 Für die Umsetzung seines detailreichen und musikalisch gedachten Konzepts, das man auch als Partitur bezeichnen könnte, steht Glynatsis ein ausgezeichnetes Ensemble zur Verfügung, das von Thanasis Dovris als Joachim von Pasenow angeführt wird. Wie er die Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit der Figur in Bewegung, Sprache, Lauten und Schreien vorführt, ist großartig. Sehr eindrücklich ist etwa die Liebesszene mit Ruzena (Sofianna Theofanous), wo sich die Körper der beiden erst in Zeitlupentempo aufeinander zu bewegen und dann ineinander verschränken. Ein wunderbares Bild. Und von solchen gibt es viele in dieser bemerkenswerten Aufführung. Man staunt immer wieder, wie präzise alle Darstellenden die langsamen Bewegungsabläufe, die Ausdrucksgebärden und den wechselnden Rhythmus der Sprache, welcher die Texte zu Sprecharien werden lässt, umsetzen. Außer den schon genannten müssen auch alle anderen lobend erwähnt werden: das Elternpaar (Aspasia Kralli und Sotiris Tsakomidis), Nestor Kopsidas als Eduard, Alexandra Delitheou als Elisabeth und last but not least der Tenor Christos Kechris als Helmuth. Sie alle sorgen dafür, dass sich die Partitur von Themelis Glynatsis zu einem wundersam-funkelnden Kosmos an romantischem Weltschmerz fügt. Eine sehr gelungene und anregende Produktion, die lange nachklingt und Brochs Diktum erfüllt: „Eine Katastrophe der Stummheit“.

 

 

 

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