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ATHEN/ Olympia – Städt. „Musiktheater Maria Callas“: DIE SCHÖNE HELENA

Die liebestolle Heroine

18.02.2019 | Operette/Musical


Foto: „Musiktheater Maria Callas“

Olympia – Staedtisches Musiktheater Maria Callas, Athen: Die schoene Helena

Besuchte Vorstellung am 17. Februar 2019

Die liebestolle Heroine

Das Theater Olympia, welches bis zum Mai 2017 von der Griechischen Nationaloper bespielt wurde, ist seit dem vergangenen Dezember wiedereroeffnet. Die Stadt Athen betreibt das Haus nun als einen neuen Ort fuer Musiktheater und Konzerte. Die erste Buehnenproduktion galt Jacques Offenbach’s Meisterwerk „Orpheus in der Unterwelt“. Nun steht eine Inszenierung von dessen Operette „Die schoene Helena“ auf dem Programm, welche bereits im Openair-Theater Kolonos zu sehen war.

Isidoros Sideris, der auch die am selben Ort vorangegangene Offenbach-Produktion betreut hatte, entfacht auf der Buehne ein Feuerwerk an komischen Einfaellen, das mit Referenzen an die griechische Gegenwart nicht spart. Seine Inszenierung, die in der effektvollen, mit Videoprojektionen arbeitenden Ausstattung von Georgia Bourda daherkommt, zielt auf die Bilder resp. Imaginationen, die man sich von der Antike gemacht hat und noch immer macht. Sideris spannt dabei geschickt den Bogen von der idealisierten Antike vergangener Tage zu Strandszenen in der Gegenwart. Gleich das Eingangsbild, wo sich das weiss gekleidete und geschminkte Ensemble auf der Buehne zur Nachbildung antiker, griechischer Giebelskulpturen zusammenfindet, erntet Szenenapplaus. Die Darstellerinnen und Darsteller sind auch im folgenden gut gefuehrt und zeigen viel koerperlichen Einsatz. Man begreift als Zuschauer schnell, dass es bei dem Geplaenkel zwischen den Geschlechtern zuallererst und immer um Sex geht. Zwar ist die Zeichnung der Titelfigur als liebestolle Heroine bisweilen etwas zu drastisch geraten, im Ganzen entfaltet der Abend aber eine gute Wirkung und dekonstruiert die Helden auf durchaus koestliche Weise. So lernt man, um ein paar Beispiele zu geben, Menelaos als langweiligen Schlappschwanz, Paris als posierenden Potenzprotz und Achilleus als aengstliche Tunte kennen. Die eingespielten Videos liefern dazu satirische, zeitgenoessische Kommentare.

Die wesentlichen Schwachpunkte des Abend sind die Kollektive. Orchester und Chor der Stadt Athen vermoegen der Musik nur bedingt Esprit und Details einzuhauchen. Der von Stavros Beris einstudierte Chor ist ferner zu klein, um sich jederzeit ausreichend Gehoer zu verschaffen. Fotis Michalakis am Pult des Orchesters setzt kaum Akzente und ist vor allem darauf bedacht, den Laden zusammenzuhalten. Das Klangbild bleibt so leider allzu eindimensional. Bei den Saengern sieht die Sache besser aus. Despoina Skarlatou hat zwar nicht ganz das stimmliche Format fuer die Rolle der Helena, sie bemueht sich aber sehr um eine differenzierte Gesangsdarbietung. Nikos Stefanou gibt einen kraftvollen, heldisch anmutenden Paris, der gut mit Stamatis Beris‘ Menelaos kontrastiert. Die beiden Tenoere bewaeltigen ihre Partien gekonnt. Erfreuliche Leistungen zeigen auch Vangelis Maniatis, der dem Agamemnon mit seinem sonoren Bariton Gewicht verleiht, Christos Kechris, der als Achilleus eine treffliche, tenorale Charakterstudie abliefert, sowie Ioanna Kokovika, welche der Hosenrolle des Orestis einen schoen timbrierten Mezzosopran zuteil werden laesst. Ferner stehen Michalis Psyrras als Kalchas, Kostas Rafailidis als Ajax I und Euthykles, Giorgos Matthaiakakis als Ajax II, Maria Mavrommati als Parthenis und Eleni Barkagianni als Leaina auf der Buehne. Dank der turbulenten Inszenierung von Isidoros Sideris fallen die genannten musikalischen Schwaechen der Auffuehrung nicht so sehr ins Gewicht. Offenbach obsiegt allemal.

Am Schluss spendet das Publikum viel Beifall fuer alle Beteiligten.

Ingo Starz

 

 

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