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ATHEN/ Odeion des Herodes Attikus Athen: AGAMEMNON von Aischylos

01.09.2018 | Theater

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Copyright: Greek Festival

Odeion des Herodes Attikus, Athen

Agamemnon

Besuchte Vorstellung am 31. August 2018

Klang des Tragischen

Aischylos‘ Tragoedie „Agamemnon“ ist der Auftakt zur einzigen erhaltenen Dramentrilogie der Antike, die wir unter dem Titel „Orestie“ kennen. Es sind grosse Fragen, welche der griechische Dichter aufwirft, und es ist eine bildmaechtige Sprache, die er dazu verwendet. Das wechselnde Auftreten von Chor und Solisten und der monologische Charakter der Tragoedie trugen dazu bei, dass das sogenannte postdramatische Theater sich in den beiden letzten Jahrzehnten wiederholt der antiken Texte bediente, sie auch als Textflaechen verstand und diesen viel zeitgenoessische Relevanz entlockte. Der Rezensent erinnert sich bildmaechtiger Inszenierungen am Schauspielhaus Zuerich und an den Muenchner Kammerspielen. Stefan Pucher und Andreas Kriegenburg stellten dabei insbesondere die Macht der Bilder und die physische Kraft der Koerper ins Zentrum ihrer Arbeiten. Das Ergebnis waren zwei eindrucksvolle, mit exzellenten Schauspielern besetzte Produktionen. In Griechenland erfreuen sich die antiken Klassiker bis heute grosser Beliebtheit, insbesondere wenn sie an historischen Auffuehrungsorten gezeigt werden.  Wenn nun „Agamemnon“ nach Vorstellungen in Epidauros und anderen Orten ins Athener Odeion des Herodes Attikus kommt, kann man eine Art von historischer Auffuehrungspraxis erwarten – das heisst, man bekommt eine Inszenierung zu sehen, welche mit einer dem Ort entsprechenden, beschraenkten Ausstattung arbeitet und in der Regel auf deutliche Aktualisierungen verzichtet (bei den Komoedien von Aristophanes sieht die Sache freilich etwas anders aus).

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Copyright: Greek Festival

Der aus Vilnius stammende, in Patras lebende Regisseur Cezaris Grauzinis fuehrt uns Aischylos‘ Tragoedie als Sprachkunstwerk vor Augen und Ohren. Die Ausstattung von Kelly MacLellan konzentriert sich raeumlich auf die Eingangsrampe zum Palast in Mykene und setzt auf zeitlos anmutende, erdfarbene Kostueme. Die Geschichte von der Heimkehr und Ermordung des Herrschers Agamemnon wird in diesem Setting mit ausdrucksstarker Gebaerdensprache und in einem relativ langsamen Bewegungsrhythmus erzaehlt. Im Zentrum des Geschehens steht die Figur der Klytaemnestra, welche die einzelnen Szenen mit einer exakt und praegnant einstudierten Koerpersprache verbindet. Jede Bewegung der Figuren und des Chors sitzt (Bewegungschoreografie: Eddie Lame) und untermalt – tasaechlich denkt man bei einzelnen Szenenbildern an Gemaelde – den pulsierenden Strom der Worte. Es ist die Sprache, die im Fokus von Grauzinis‘ Inszenierung steht und dieser ihren besonderen Charakter verleiht. Das Ensemble praesentiert den Text, der in der Uebersetzung von Yorgos Blanas vorgestellt wird, gleichsam als musikalische Komposition. Sehr gekonnt wird dabei mit unterschiedlichen Ausdrucksqualitaeten, Tempi und Lautstaerken gearbeitet, so dass die Interpretation des Werks sich sozusagen im Sprechakt ereignet. Dies ist eine hoechst bemerkenswerte und ueberzeugende Form der Aneignung – und ein grosses Hoererlebnis ausserdem. Die Figuren der Tragoedie offenbaren und entbloessen sich durch ihr klar strukturiertes Sprechen, welches in einem ebenso formstrengen, szenischen Setting stattfindet. Die Musik von Haris Pegiazis fuegt dem Ganzen einen Hauch von Thriller hinzu. Cezaris Grauzinis bietet dem Publikum so einen sprachgewaltigen und energiegeladenen Blick auf „Agamemnon“. Seine Inszenierung ist gleichermassen textkonzentriert, musikalisch, taenzerisch, filmisch und malerisch – man koennte den Abend auch als Gesamtkunstwerk bezeichnen.

Zum Gelingen der Produktion tragen natuerlich die Protagonisten auf der Buehne ganz wesentlich bei. An erster Stelle ist Maria Protopappa als Klytaemnestra zu nennen. Ihr vokaler und koerperlicher Einsatz ist ausserordentlich. Mit einer grossartigen Koerpersprache und einem farbenreichen Sprechen bildet sie das energetische Zentrum der Auffuehrung. Kaum weniger intensiv und sehr viril gestaltet Yannis Stankoglou den Agamemnon. Wie das Herrscherpaar interagiert und wie der Chor in das Geschehen eingebracht wird, ergibt ungemein starke und schluessige Bilder. In den weiteren Rollen ueberzeugen Argyris Pantazaras, Iovi Fragatou und Thodoris Katsafados. Der zwoelfkoepfige, mit Maennern besetzte Chor, der eine Gruppe Kriegsversehrter zeigt, bietet ebenfalls eine eindrueckliche Leistung und weiss mit wirkunsgvollen Gebaerden und praezisem rhythmischen Sprechen den szenischen Raum zu fuellen. Es ist ein Abend ohne szenischen Aktivismus, aber voll an poetischer Kraft.

Das Publikum im nahezu ausverkauften Odeion folgt dem Geschehen aeusserst aufmerkam. Am Schluss spendet es langanhaltenden Beifall und Bravorufe.

Ingo Starz (Athen)

 

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