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ATHEN/ Nationaltheater: LA STRADA

am 24.2. (Ingo Starz/ Athen)

23.02.2019 | Theater


Foto: Karol Jarek

Nationaltheater AthenL: LA STRADA

Besuchte Vorstellung am 24. Februar 2019

Wenn die Strasse zur Sackgasse wird

Zu Federico Fellinis Film „La Strada“ ist nicht viel zu sagen. Das Werk gehoert zu den Klassikern der Filmgeschichte und machte den Regisseur und seine Frau Giulietta Masina, welche die weibliche Hauptrolle uebernahm, international bekannt. Mit der Figur des Zampano, verkoerpert von Anthony Quinn, schuf Fellini zudem einen modernen Archetyp. Die Geschichte des ungleichen Paars Zampano und Gelsomina, angesiedelt in der Welt der Schausteller und Zirkusleute, wird im Stil des italienischen Neorealismus zur intensiven Studie ueber Aussenseiter der Gesellschaft, ueber zwei seelisch Verwundete, die einander schicksalhaft verbunden sind. Da dem Geschehen schon zahlreiche theatrale Momente eigen sind, mag es wenig ueberraschen, dass „La Strada“ schon wiederholt auf die Theaterbretter gebracht wurde. Nun nimmt sich die Experimentelle Buehne des Griechischen Nationaltheaters in Athen des zeitlosen Stoffs an.

Das Regieteam Katerina Damvoglou und Robin Beer hat die filmische Vorlage in ein multimediales Spektakel verwandelt. Die Akteure sind fast permanent in Bewegung gesetzt und neben den beiden Ebenen des Theaterspiels – das Jahrmarktstreiben bringt ein Theater auf dem Theater ins Spiel – findet sich noch eine animierte Filmspur, die Schauplaetze markiert und Symbole setzt. Der Buehnenboden ist als Zirkusrund gekennzeichnet. In der Tat ist das alles ganz nett anzuschauen, beruehrt den Betrachter aber eher wenig. Der ueberbordende Einsatz von medialen Formen, der das Ganze wohl als experimentell charakterisieren soll, steht einer schluessigen Figurenzeichnung im Wege. Was man von den Darstellerinnen und Darstellern zu sehen bekommt, sind kaum mehr als typisierte, immer wiederkehrende Gesten, Blicke und Sprechweisen. Leider wird so das Sprechen auf der Buehne fast nie zur Aussage. Einzig mit den Auftritten des Verrueckten kommt etwas Ruhe ins Spiel, nimmt die Spannung zwischen den Figuren zu. Dass dieser als Transvestit und eine Art Engel gezeigt wird, setzt eine interessante Nuance und macht die Figur – nicht nur wegen dem Genderaspekt – gleichsam zu einer ‚Bruecke‘ zwischen dem machohaften Zampano und der naiven Gelsomina. Der Verrueckte mutiert zu einem Symbol der Hoffnung bzw. Erloesung, welche aber, wie man weiss, unerfuellt bleibt. Wie im Film wird der Verrueckte von Zampano getoetet.

Das Buehnenbild von Ermina Apostolaki, die Kostueme von Natasa Stamatari und die Musik von Nikos Galelianos bieten viel Abwechslung, geben aber wenig Anlass fuer tiefschuerfende Erkenntnisse. Giorgos Symas als Verrueckter vermag, wie schon ausgefuehrt, eine interessante Note ins Geschehen einzubringen. Michalis Valasoglou als Zampano und Katerina Mavrogeorgi als Gelsomina sind leider von der Regie in ein allzu enges Korsett an Gestik und Mimik gesteckt. Die psychischen Energien zwischen dem ungleichen Paar verpuffen darum meist ungeschaut und ungehoert. In den weiteren Rollen sind Sophia Marathaki, Konstantinos Moraitis, Fotini Papachristopoulou, Roza Prodromou, Eirifili Stefanidou und Apostolos Psychramis zu erleben. Alle Beteiligten scheinen bemueht, der Geschichte tragikomische Zuege abzugewinnen. Vielleicht stand die Commedia dell’arte Pate bei der Erarbeitung dieser Inszenierung. In jedem Fall ist festzuhalten, dass der ueberreiche Einsatz unterschiedlicher Medien die Auffuehrung in eine Sackgasse manoevriert. Die Intensitaet von Fellinis realistischem Zugang bleibt dieser Theaterfassung verwehrt.

Das Publikum spendet am Schluss kraeftigen Applaus, durch den ein vereinzelter Bravoruf dringt.

Ingo Starz

 

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