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ATHEN/ Greek National Opera: TOSCA. Rom im Februar 1944. Wiederaufnahme

27.01.2018 | Oper

TOSCA CELLIA COSTEA c-STEFANOS (7)
Cellia Costea. Copyright: Stefanos

Greek National Opera, Athen: TOSCA
Wiederaufnahme am 26. Januar 2018

Rom im Februar 1944

Die Griechische Nationaloper gedenkt derzeit ihres früheren Direktors Stefanos Lazaridis (1942-2010), der als Bühnenbildner weltweit erfolgreich arbeitete und oftmals mit David Poutney kollaborierte – der Verfasser erinnert sich an eine spektakuläre Produktion von Wagners Oper „Der fliegende Holländer“ bei den Bregenzer Festspielen 1989. Im vergangenen Dezember war eine „La Bohème“ aus Lazaridis‘ Amtszeit in den Spielplan zurückgekehrt, nun folgte mit der Wiederaufnahme von Puccinis „Tosca“ eine Produktion aus dem Jahr 2007. Am 4. Februar wird schliesslich im Stavros Niarchos Cultural Centre, zu welchem das neue Opernhaus gehört, eine Ausstellung über das künstlerische Wirken von Lazaridis eröffnet. Die Nationaloper würdigt damit eine Persönlichkeit, die sich, wenn auch mit behutsamen Schritten, für eine Erneuerung des Opernrepertoires einsetzte.

Die „Tosca“, welche Lazaridis von Nikos S. Petropoulos in Szene setzen liess, spielt im Rom des Jahres 1944. Der Regisseur notierte dazu: „Februar 1944 in Rom, die Parodie einer offenen Stadt – Città aperta -, voll von Flüchtlingen, Spionen, Doppelagenten, Informanten, Kollaborateuren der deutschen Streitkräfte […], mitten im Aufruhr der Bombardements der Alliierten, der deutschen Truppenbewegungen und der generellen Panik findet Tosca einen idealen Ort, um sich als ein realistisches, historisches Drama des 20. Jahrhunderts zu entfalten.“ Das klingt vielversprechend und man merkt dem Bühnenbild, für welches sich ebenfalls Nikos S. Petropoulos verantwortlich zeichnet, die historische Gemengelage an, da in allen drei Akten die Orte – mit wechselnder Gewichtung freilich – zitathaft ineinander gehen: Immer erblickt man Machträume, mal mehr ein Kirchenschiff, mal eher ein Verhörraum. Die im Statement beschriebenen Menschenströme bleiben aber angesichts der recht traditionell anmutenden, szenischen Arrangements Behauptung. Die Personenführung kann die grossen Operngesten weitgehend vermeiden, findet aber nur partiell zu realistischer Intensität. Vom neorealistischen italienischen Film ist diese Aufführung ein erhebliches Stück entfernt. Da hilft auch der filmische Vorspann zu Puccinis Werk nicht weiter. Zieht man aber die so vielen traditionell daherkommenden „Tosca“-Produktionen in Betracht, kann man immerhin sagen, dass diese zu den besseren gehört.

Sehr erfreulich fällt die musikalische Bilanz des Abends aus. Lukas Karytinos sorgt am Pult des Orchesters für eine detailreiche und klangschöne Wiedergabe der Partitur, welche bemerkenswerte Tempiwechsel aufweist. Eindrücklich etwa wie der Eingang des dritten Akts gestaltet wird – als äusserst klangschöne Idylle kurz vor dem Gewaltausbruch. Die Musiker laufen unter Karytinos‘ Leitung zu Hochform auf. Chor und Kinderchor bieten ergänzend dazu gute Leistungen (Einstudierung: Agathangelos Georgakatos / Konstantina Pitsiakou).

Cellia Costea ist den Anforderungen ihrer Partie bestens gewachsen und zeichnet ein gelungenes Porträt der Tosca. Ihr „Vissi d’arte“ ist der Höhepunkt des Abends. Pavel Černoch braucht ein wenig Zeit sich frei zu singen, bietet aber dann mit seinem charaktervollen Tenor eine sehr gute Leistung. Da erlebt man keinen strahlenden Helden, sondern bleibt immer seines gebrochenen Charakters gewahr. Seine Arie „E lucevan le stelle“ erklingt als morbider, auch szenisch sehr gelungen dargebotener Abschiedsmoment. Dimitris Tiliakos debütiert als Baron Scarpia und zeichnet ein differenziertes Porträt des Machtmenschen. Er weiss dabei mit sonorer Stimme und überzeugendem Spiel für sich einzunehmen. In den kleineren Rollen sind durchwegs gute Gesangsdarbietung zu hören. Der Cesare Angelotti ist mit Tassos Apostolou geradezu luxuriös besetzt. Das Publikum dankt allen Beteiligten mit viel Beifall und einzelnen Bravorufen.

Ingo Starz