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ATHEN/ Greek National Opera: LOHENGRIN. Premiere

28.01.2017 | Oper

Greek National Opera, Athen: Lohengrin. Premiere am 27. Januar 2017

 Ein halber Schwan

Λόενγκριν_Πλατανιάς, Ντίκε, Ουέν, Σούρμπης, Αποστόλου, Φογκάσοβα, Χορωδία ΕΛΣ 05-Β. Μακρής
Copyright: Greek National Opera

 Die Griechische Nationaloper befindet sich im Um- und Aufbruch. Und seit letztem Sommer steht ein grossartiges neues Opernhaus fertig da und wartet darauf, bespielt zu werden. Dies soll ab der Saison 2017/18 geschehen. In der Übergangsspielzeit stellt eine Neuinszenierung von Richard Wagners Oper „Lohengrin“ den Höhepunkt des Programms und die aufwendigste Produktion dar. Es handelt es erst um die zweite Inszenierung am Athener Haus- die erste ging im Januar 1965 über die Bühne des Olympia Theaters. Nun ist man auf die grössere und technisch besser ausgestattete Alexandra Trianti Hall des Megaro Mousikis ausgewichen. Zu sehen ist eine von der Welsh National Opera und dem Warschauer Teatr Wielki – Opera Narodowa übernommene Produktion.

 Um es gleich vorweg zu sagen: Es ist nicht hoch genug zu schätzen, dass die Griechische Nationaloper seit ein paar Jahren beständig ihr Repertoire erweitert und sich mehr und mehr auch auf so komplexe Werke wie diejenigen von Richard Wagner einlässt. Für das neue Opernhaus ist bereits „Der Ring des Nibelungen“ in Planung.  Gleichwohl muss man ganz ehrlich aussprechen, dass momentan die Kollektive des Hauses bei einem Werk wie „Lohengrin“ noch schnell mal an ihre Grenzen stossen. Myron Michailidis, der am Pult des Orchesters steht, vermag über den ganzen Abend hinweg bedauerlicherweise kein sehr akzentuiertes Klangbild zu zeichnen. Dies wird schon beim Vorspiel zum ersten Akt kenntlich, wo die Streicher nur leise, aber nicht sphärenhaft klingen. Auch die Bläsergruppen lassen intonatorisch Wünsche offen. Es scheint, dass der allzu zaghafte interpretatorische Zugriff des Dirigenten zumindest teilweise dem Bemühen geschuldet ist, den ganzen Apparat zusammenzuhalten. Chor und Extrachor der Nationaloper (Einstudierung: Agathangelos Georgakatos) schlagen sich wacker, wobei die Männerstimmen profilierter über die Rampe kommen. Insbesondere in der Münsterszene des zweiten Akts würde man sich jedoch mehr klangliche Transparenz und Homogenität wünschen. Es ist gut möglich, dass die genannten Schwächen im Laufe der Aufführungsserie abnehmen.

Λόενγκριν_Φογκάσοβα, Ουέντ, Χορωδία ΕΛΣ_22-Β. Μακρής
Copyright: Greek National Opera

 Die Inszenierung von Antony McDonald, der auch Bühnenbild und Kostüme schuf, verlegt die Handlung ins spätere 19. Jahrhundert und fokussiert den Blick auf die kriegerische Szenerie. Das macht fraglos Sinn, zumal wenn man an den Helden Lohengrin denkt, der sich gleich selbst als „Schützer von Brabant“ tituliert. Den märchenhaften Habitus büsst der Titelheld denn auch bei McDonald weitgehend ein – was bleibt ist ein halber Schwan, ein Mix aus Mensch und Tier. Die Handlungsorte erinnern in dieser Inszenierung folgerichtig an eine Kaserne: der als Amphitheater angelegte Versammlungsraum im ersten, wie der Innenhof im zweiten Akt. Und selbst das Brautgemach im letzten Akt weist nicht mehr als zwei Feldbetten auf. Ob sich Elsa das so erträumt hat? Klar ist, dass eine Frau in dieser kriegerischen Männergesellschaft einen schweren Stand hat. Nicht nur Lohengrins kühles, den Kriegern zugewandtes Verhalten erscheint so plausibel, auch die gebieterische Geste des zurückgekehrten Bruders Gottfrieds seiner Schwester gegenüber fügt sich passend ein. Anderseits gerät die szenische Chorführung ziemlich konventionell, um nicht zu sagen eintönig und manche Auftritte der Solisten fallen nicht gerade durch Detailreichtum aus. Viel Tiefe gewinnt die Deutung darum leider nicht.

 Die Besetzungsliste der Premiere bietet gleichermassen Sänger des Hauses und Gäste auf. Peter Wedd ist ein Lohengrin, der sich darstellerisch sehr gut in diese Kriegsszenerie einfügt. Die Vermählung mit Elsa ist hier nur Mittel zum Kampfzweck. Wedd gibt in keinem Moment den strahlenden Gralsritter, der „aus Glanz und Wonne“ kommt. Das überzeugt darstellerisch. Stimmlich vermisst man aber bisweilen Legatokultur und Wärme des Tons. Wenn der Tenor singt, klingt es eher spröde, ist Wagners Musiksprache freilich fast wie im Liedgesang deutlich artikuliert. Wenn er seine Stimme an den Schwan richtet, gewinnt sie eine gewisse Innigkeit, während es ihr in der Brautgemachszene und in der Gralserzählung an Emphase und Schönklang mangelt. Im Ganzen erbringt Wedd eine gute Leistung. Jolana Fogašová als Elsa braucht ein wenig Zeit, bis sich ihr gut fokussierter Sopran entfaltet. In „Einsam in trüben Tagen“ bleibt die Gesangslinie verwaschen, während die Arie „Euch Lüften, die mein Klangen“ im zweiten Akt sehr schön gelingt. Stimmlich und szenisch stärker als Elsa kommt die Ortrud von Martina Dike über die Rampe. Ihr dramatischer Mezzosopran wird der Partie vollauf gerecht, überzeugt mit Farben und sicherer Höhe. Die erste Szene des zweiten Akts gerät dank Dike zum dramatisch-musikalischen Zentrum des Abends. Daran hat auch Dimitri Platanias erheblichen Anteil, der mit dem sonoren Klang seiner Baritonstimme und ausgezeichneter Diktion die Anforderungen der Partie eindrucksvoll meistert. Tassos Apostolou bleibt als König Heinrich etwas blass, was auch an seinem nicht allzu mächtigen, aber gut geführten Bass liegen mag. Dionysios Sourbis musste als Herrrufer seine Stimme etwas forcieren, zeigte dabei aber Profil. Solide Leistungen gibt es von den Brabanter Edlen (Anastasios Lazarou, Manolis Lorenzos, Theodore Moraitis und Panagiotis Priftis) und den Pagen (Fylli Georgiadou, Eleni Koutsoumbi, Vassiliki Petrogianni und Barunka Preisinger) zu vermelden. Am Ende eines langen Abends spendete das Publikum starken Beifall.

 Ingo Starz

 

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