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ATHEN/ Athens & Epidauros Festival/Kleines Theater des antiken Epidauros: DER GEFESSELTE PROMETHEUS

Theaterzauber und Klangwelt

05.08.2018 | Theater


Copyright: Athens & Epidauros Festival

Athens & Epidauros Festival

Kleines Theater des antiken Epidauros: Der gefesselte Prometheus

Besuchte Vorstellung am 4. August 2018

Theaterzauber und Klangwelt

Die beiden antiken Theater von Epidauros haben per se alles, was es braucht, um ein Publikum dem Alltag zu entreissen: Sie sind ein authentischer Ort kultureller Tradition und sie bieten atemberaubende Blicke auf die griechische Landschaft. Natur und Kunst gehoeren hier in gewisser Weise zusammen. Und die antiken Dramen, die im Rahmen des Athens & Epidauros Festival dort gezeigt werden, bieten reichlich Stoff fuer ganz heutige Fragestellungen. Aischylos‘ Tragoedie „Der gefesselte Prometheus“ ist ein exzellentes Beispiel dafuer. Die Geschichte des Titanen, der gegen Zeus rebelliert, der das Feuer zu den Menschen bringt und die menschliche Zivilisation begruendet, weist eine diskursive Konstellation auf, die nichts an Aktualiteat verloren hat. Da geht es um Herrschaft, die sich gegen den freien Willen richtet, um Fragen, die auf Gerechtigkeit und Ordnung zielen. Dass Prometheus, was im Drama ausdruecklich zur Sprache kommt, Ahnherr der Kuenste ist, macht dieses Werk gleich noch mehr zu einem gefundenen Fressen fuer Regisseure, die mit klassischer Sprache und ueberzeitlichen Ideen Fragen und Debatten der Gegenwart verhandeln wollen. Die Regisseurin Martha Frintzila richtet den Fokus ihrer Inszenierung mehr auf die Sprache denn die Kraft der Ideen. Ihr gelingt eine klanglich bemerkenswerte Arbeit, die allerdings zu sehr in mythisierende Bilder getaucht ist.

Frintzila schafft auf der Buehne eine klare Ordnung, welche den Protagonisten bestimmte Raeume zuweist. Prometheus, der Chor der Okeaniden und die weiteren handelnden Figuren, die den an das Kaukasusgebirge geschmiedeten Helden aufsuchen, sind auch in Erscheinung und Bewegungschoreografie deutlich unterschieden. Der Hauptprotagonist wird als Mensch gezeigt, der maskierte Chor als dem Gestus des Tanzes folgendes Kollektiv, waehrend die anderen Figuren in opulente Kostueme gekleidet sind. Der von Vassilis Mantzoukis gestaltete, an eine Installation erinnernde Raum, die Kostueme von Ilianna Skoulaki, die Masken von Camilo Bentancor und die Choreografie von Emmanuela Korki machen einige Wirkung, was durch das grossartige Lichtdesign von Felice Ross massgeblich unterstuetzt wird. Was jedoch die eigentliche Einheit der Inszenierung stiftet, ist deren akustische Durcharbeitung. Es ist die Art und Weise, wie gesprochenes Wort – Prometheus, Okeanos, Io -, das vom Chor dargebotene melodische Sprechen und Singen und der Klang der Instrumente zu einem Ganzen verschmelzen. Diese Differenzierung oder Hervorhebung unterschiedlicher klanglicher Ebenen macht die besondere Qualitaet der Auffuehrung aus. Der Einsatz von Microports unterstuetzt wesentlich das Anliegen der Regisseurin, den Text und den Raum zum klingen zu bringen. Die mittels der Technik eingesetzten akustischen Grossaufnahmen ruecken Prometheus in intime, gleichsam menschliche Naehe zum Auditorium. Der Titelheld ist in der Perspektive von Martha Frintzila ein intellektueller Rebell, einer der das System der Macht durchschaut, welcher er selber zum Aufstieg verholfen hat. Die Gedankenwelt von Aischylos wird hoer- und erfahrbar, bleibt aber auch auf visueller Distanz.


Copyright: Athens & Epidauros Festival

Die beteiligten Schauspieler und Musiker folgen dem musikalisch-akustischen Konzept mit bewundernswertem Einsatz. Dabei ist Nikos Karathanos in koerperlicher Praesenz und stimmlichem Ausdruck das Zentrum des Abends. Sein akzentuiertes, fein abgestuftes Sprechen ist eindrucksvoll und beruehrend. Daneben ueberzeugen die Schauspieler der anderen Rollen – Kora Karvouni als Io, George Vourdamis-Mavrogenis als Cratus & Bia, Kostas Vasardanis als Hephaistos & Hermes sowie Michalis Panadis als Okeanos – und der rhythmisch praezise agierende, von Marina Satti einstudierte Chor (Evgenia Liakou, Erasmia Markidi, Elena Papadimitirou, Eleni Pozatzidou, Virginia Frangoulatzi und Maria Nika).

Vassilis Mantzoukis, der auch die musikalische Leitung innehat, und Panagiotis Manoulidis sorgen an Tasten- und Schlaginstrumenten fuer den stimmigen Sound. Martha Frintzila und ihrem Team gelingt ein klangliches Gesamtkunstwerk.

Das Publikum im ausverkauften Halbrund des Kleinen Theaters des antiken Epidauros ist sichtlich angetan von der Darbietung. Es spendet am Schluss langen, mit Bravorufen durchsetzten Beifall.

Ingo Starz (Athen)

 

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