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ATHEN/ Athens & Epidauros Festival Greek National Opera Odeion des Herodes Attikus: NABUCCO

Macht und Glaube

09.06.2018 | Oper


Copyright: Athens & Epidauros Festival

 

Athens & Epidauros Festival
Greek National Opera
Odeion des Herodes Attikus
Nabucco
Besuchte Vorstellung am 8. Juni 2018

Macht und Glaube

Wenn man sich überlegt, welche Opern besonders gerne für Freilichtaufführungen herangezogen werden, wird einem schnell Verdis „Nabucco“ in den Sinn kommen. Die grossen Chorszenen bieten gute Möglichkeiten, grosse Räume szenisch und akustisch zu bespielen. So ist es auch nicht überraschend, dass die allererste Produktion des Werks durch die Griechische Nationaloper im Sommer 1959 im Odeion des Herodes Attikus stattfand. Dorthin kehrt Verdis frühe Oper nun mit einer Neuinszenierung zurück. Erwartungsgemäss ist das eindrückliche Halbrund des römischen Theaters nahezu ausverkauft.

Für die Inszenierung zeichnet sich der italienische Regisseur Leo Muscato verantwortlich, der seit 2009 an zahlreichen namhaften Bühnen gearbeitet hat. Unterstützt von dem Bühnenbildner Tiziano Santi, der Kostümbildnerin Silvia Aymonino und dem Videokünstler Luca Attilii versetzt er die Handlung in eine nicht genauer zeitlich fixierte Moderne. Nabuccos Reich ist als totalitär gekennzeichnet, die Referenzen zum Dritten Reich und zum Holocaust liegen auf der Hand. Die machtvolle Architektur des Odeions liefert einen dankbaren Rahmen für diese Sichtweise und muss nur um einige Portale und Machtinsignien ergänzt sowie mit Videoprojektionen versehen werden, um die passenden Bühnenräume aufzuweisen. Was Muscato dem Publikum an die Hand gibt, ist aber freilich nur eine Sichtweise. Von einer eigentlichen Deutung der Handlung kann nicht die Rede sein. Die mit seiner Genesung einhergehende Kehrtwende Nabuccos liesse sich in einer totalitären Perspektive ohnehin kaum erklären. So bedient der Regisseur mit reichlich symbolischen Gesten letztlich die Bedürfnisse des Freilichtspektakels, wobei sich die Personenführung zumindest partiell als brauchbar erweist.

Das Orchester der Nationaloper steht unter der Leitung des erfahrenen Philippe Auguin. Er zeigt sich als umsichtiger Sachwalter der Partitur, welcher er viele schöne Details und auch kammermusikalische Momente entlocken kann. Lediglich im zweiten Akt läuft es nicht so rund, so dass Orchester und Sänger ein paar Mal auseinanderdriften. Der aufgestockte, von Agathangelos Georgakatos einstudierte Chor erweist sich seiner Aufgabe vollauf gewachsen. Der von Teilen des Publikums sehnsüchtig erwartete Gefangenenchor gelingt eindrücklich.

Für die Solopartien steht ein sehr gutes Ensemble zur Verfügung. Dimitri Platanias, der regelmässig in Athen zu hören ist, singt den Nabucco mit mächtiger, ebenmässiger Stimme. Es ist ein überzeugendes Porträt, dem nur in der ersten Hälfte ein paar gestalterische Details fehlen. Platanias neigt bisweilen dazu, sich zu sehr auf den Wohlklang seines Organs zu verlassen. Sae-Kyung Rim als Abigaille bringt viel Leidenschaft auf die Bühne und verfügt über die passende dramatische Stimme für diese hybride Partie. Ihre gleissenden, sicher gesetzten Töne in der hohen Lage beeindrucken, so dass man der Sängerin leichte Defizite in der Agilität nachsehen kann. Riccardo Zanellato als Zaccaria gibt ein wohlgestaltetes Rollenporträt. Der Stimme mangelt es nur ein wenig an Fülle und Wärme. Dimos Flemotomos lässt als Ismaele mit seinem klangschönen und gut geführten Tenor aufhorchen. Elena Cassian überzeugt als Fenena mit rundem, warmem Ton. Erfreuliche Leistungen sind in den kleineren Partien zu erleben, von Dimitris Kassioumis als Hohepriester, Yannis Kalyvas als Abdallo und Varvara Biza als Anna.

Das Publikum im Odeion des Herodes Attikus spendet viel Zwischenapplaus. Am Ende herrscht grosse Begeisterung für eine in der Tat musikalisch eindrucksvolle Aufführung.

Ingo Starz (Athen)

 

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