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ATHENS & EPIDAUROS FESTIVAL: LEONCE UND LENA von Kornelios Selamsis (nach Büchner))

02.08.2016 | Oper

Athens & Epidauros Festival: Leonce und Lena nach Büchner von Kornelios Selamsis

Besuchte Vorstellung am 31. Juli. Von Ironie, Melancholie und Anarchie

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Copyright: Athens & Epidauros Festival

 Georg Büchners 1836 entstandenes Lustspiel „Leonce und Lena“ gehört zu den bedeutendsten Komödien deutscher Sprache. Das Stück bietet weit mehr als Witz und Heiterkeit, es erweist sich als treffliche Satire auf die deutschen Kleinstaaten und romantische Weltflucht. Die Geschichte der Königskinder Leonce und Lena, die fliehen, um sich zu entkommen und am Schluss doch zueinanderfinden, ist voll beissender Ironie. Der Melancholie der Aristokraten steht die Bodenständigkeit von Leonces Diener Valerio und Lenas Gouvernante entgegen. So ist es auch Valerio, der zum Minister ernannt, am Ende den individuellen Genuss zum Staatsziel erklärt. Bei alledem ist Büchners Werk ein grossartiges Sprachkunstwerk voll starker Bilder, was sich etwa in den berühmten Worten Leonces zeigt: „Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.“

 Die Komplexität und Sprachmacht Georg Büchners in ein Musiktheater zu übertragen, ist kein einfaches Unterfangen. Auf ein gekonnt verfertigtes Libretto von Giannis Asteris hat nun der junge griechische Komponist Kornelios Selamsis eine Oper geschaffen, die in gelungener Weise der Vielschichtigkeit der Vorlage gerecht wird. Die Musik gibt den Sängern dankbare Partien, die je nach Gefühlslage mehr atonal oder tonal klingen. Gesangslinien und Melodien entfalten sich dort, wo Liebe und Realitätssinn walten. Melancholie und romantische Weltflucht spiegeln sich in einem fragmentierten, rhythmisch interessant gefärbten Klangbild, in welchem das Schlagwerk eine wichtige Rolle spielt. Selamsis‘ Musik ist auf der Höhe der Zeit und zeigt ein beeindruckendes theatrales Gespür. Auf Ironie und Satire des Texts reagiert die Komposition mit musikalischen Referenzen, in denen von der Volksweise bis zum Marsch so manches anklingt und für subtiles ‚klangliches‘ Augenzwinkern sorgt. Nach der beeindruckenden Athener Uraufführung, von der gleich zu berichten sein wird, wünscht man der Oper „Leonce und Lena“, dass sie bald andernorts nachgespielt wird.

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Copyright: Athens & Epidauros Festival

 Die im historischen Nationaltheater der griechischen Hauptstadt angesiedelte Produktion geht in souveräner Weise mit dem Raum um. Der Regisseur Argyris Xafis nutzt dabei neben der Bühne auch die Proszeniumslogen. So ist der zehnköpfige, stimmlich überzeugende Chor (Einstudierung: Iason Marmaras) permanent in einer Loge situiert und erinnert nicht nur deshalb, sondern auch wegen seiner Funktion innerhalb der Oper an den Chor der griechischen Tragödie. Die von Eleni Papanastasiou und Giannis Kitanis gestaltete Bühne wird von einer beeindruckenden kinetischen Installation beherrscht: an Schnüren herabhängende Metallzylinder formen Innenraum wie Landschaft und kommen einmal auch als Klanginstrumente zum Einsatz. In den Kostümen von Ioanna Tsami klingt das ironische und anarchische Potential des Werks an. Die Idee, Valerio am Schluss als Transvestit auftreten zu lassen, macht dabei unbedingt Sinn – schliesslich predigt er den allumfassenden Hedonismus. Xafis‘ Regie versucht nicht, die Handlung mit dramatischen Momenten zu beleben, was unnötig wäre, sondern legt den Fokus auf präzise und streng gezeichnete Bilder. Für die Bewegungsführung ist dabei Stavroula Siamou verantwortlich. Köstlich anzuschauen ist etwa im 1. Akt Leonce, der hälftig in den Bühnenboden versenkt und starr dastehend eine gelungene Parodie auf den weltfremden Prinzen abgibt. Die Inszenierung überzeugt mit ihren sorgfältig in Szene gesetzten Details in jedem Moment.

 Nur Erfreuliches gibt es auch von der musikalischen Wiedergabe zu berichten. Das siebzehnköpfige Orchester unter der Leitung von Yorgos Ziavras setzt die Komposition engagiert und in hervorragender Weise um. Dabei fallen insbesondere die präzise agierenden Musiker am Schlagwerk auf. Die unterschiedlichen Atmosphären der Partitur werden eindringlich zu Gehör gebracht. Die sängerischen Leistungen tragen wesentlich zur Intensität der Aufführung bei. Der Leonce ist nicht mit einem jungen Sänger besetzt -was nebenbei bemerkt bestens zum vorher erwähnten Bild des in Raum und Zeit Steckengebliebenen passt -, bei Tassis Christoyannis aber gut aufgehoben. Der etwas spröde Ton seines Tenors braucht etwas Zeit sich zu entfalten, vermag dann aber mehr und mehr zu überzeugen. Theodora Baka ist eine äusserst glaubwürdige Lena. Ihr schlanker, biegsamer Mezzosopran lotet die Facetten der Partitur gekonnt aus, ihr Spiel strahlt ebenso Liebreiz wie Komik aus. Mit Haris Andrianos als Valerio steht ein geborener Komödiant auf der Bühne – und ein Bariton, der stimmlich aus dem Vollen schöpfen kann. Einnehmend in Gesang und Spiel ist auch die Sopranistin Lito Messini. So fügt sich in dieser Uraufführungsproduktion alles zu einem gelungenen Ganzen zusammen: Zeitgenössisches Musiktheater als  Gesamtkunstwerk.

 Ingo Starz

 

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