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Arthur Schnitzler: TRÄUME

25.03.2012 | buch

Arthur Schnitzler: TRÄUME
Das Traumtagebuch 1875-1931
Herausgegeben von Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing
494 Seiten, Verlag Wallstein, 2012

Endes des Jahres 1899 erschien, mit „1900“ vordatiert, die „Traumdeutung“ von Sigmund Freud – als ob Autor und Verleger geahnt hätten, dass sie damit die Tür in ein Jahrhundert der Psychoanalyse aufstoßen würden. Mit dem Augenmerk auf das menschliche Unterbewusste, unter besonderer Berücksichtigung der Träume… Und Freud war der Mann, dies als Wissenschaftler zu erforschen.

Arthur Schnitzler war Arzt wie Freud, und er war Dichter. Er brauchte keine „Traumdeutung“, um die Bedeutung der Träume zu erkennen – nicht zuletzt für sich selbst. Schon der Dreizehnjährige, heiß verliebt in sein „Fännchen“, notierte erste Träume (Wunschträume) in seinem Tagebuch. Es blieb eine doppelte Gewohnheit sein Leben lang: ein Tagebuch zu führen und sich an seine Träume zu erinnern. Sie – und das lange vor Freud – nicht nur aufzuzeichnen, sondern auch mit eigenen Kommentaren über die Zusammenhänge zum Wachzustand zu versehen. Träume gingen nicht nur als wesentliches literarisches Element vielfach in Schnitzlers Werk ein: Sie waren ein Teil seiner Existenz.

Wenn nun im Jahr seines 150. Geburtstages erstmals seine „Träume“ in Buchform erscheinen, so handelt es sich dabei, wie die Herausgeber Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing festhalten, nicht einfach um Exzerpte aus den – mittlerweile von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zur Gänze veröffentlichten – Tagebüchern. Tatsächlich hat Arthur Schnitzler in den Jahren, als er an seiner Autobiographie arbeitete, auch begonnen, parallel seine Träume aus den Tagebüchern abschreiben lassen. Er hat sie redigiert, eine Auswahl getroffen, daran gefeilt, sie also wie einen literarischen Text behandelt. Tatsächlich hat er quasi zwei Autobiographien geschrieben – jene, die posthum unter dem Titel „Jugend in Wien“ erschien und die er mit Aufzeichnungen aus dem Jahre 1889 (als er in seinem 27. Lebensjahr stand) beendete. Das „Traumtagebuch“ hat der 1931 verstorbene Dichter jedoch bis ins Jahr 1927 kontinuierlich weitergeführt.

Dieses Manuskript haben die Herausgeber nun veröffentlicht, mit Ergänzungen von Träumen vor allem aus seinen letzten Lebensjahren, mit einem großartigen Anhang, den man als Kompendium des Wissens um die Schnitzler-Welt lesen kann, sowie mit einem ausführlichen Nachwort, in dem der Tagebuch-Schreiber Schnitzler in die interessantesten Bezüge gesetzt wird. So hat auch auf ihn (wie auf viele Zeitgenossen) die Lektüre von Hebbels Tagebüchern in höchstem Maße anregend gewirkt, nicht zuletzt, da auch dieser schon die Bedeutung der Träume erkannt hatte. Als Schnitzler sich dann 1900 in die Lektüre der Freud’schen „Traumdeutung“ vertiefte, hat ihn das persönlich zu erhöhter „Traum-Produktion“ angeregt… Im übrigen aber untersuchen die Herausgeber auch Schnitzlers durchaus kritische Einstellung zur Psychoanalyse (und auch Traumdeutung) Freuds, dessen Dogmatismus er absolut nicht bereit war zu folgen.

Mit der Lektüre der Traumaufzeichnungen selbst – die man ja in den Tagebüchern gewissermaßen im Kontext erlebt und die hier isoliert ganz anders wirken – erlaubt der Dichter dem Leser, ihn ganz tief in sein Un- und Unterbewusstes zu begleiten, wo wahrlich Tragödien ruhen. Seine Träume von Begräbnissen (immer wieder seine eigene Beerdigung!), Särgen, Hinrichtungen, Toden sind häufig und bedrückend, auch Operationen und Krankenhäuser kommen vor. Seine Eltern suchen ihn lang nach ihrem Tod in seinen Träumen oft heim. Zwei von ihm nahezu ohne Einschränkung geliebte Menschen, sein Bruder Julius und sein Sohn Heini, wechseln im Traum oft die Gestalt oder sind nicht erkennbar, welcher von beiden es sein mag – er verkörpert dann nur meist ein positives Prinzip.

Schnitzler träumt vom Theater, von Musik (so dirigiert er im Traum einmal die „Meistersinger“-Ouvertüre), von Reisen – die Fülle ist nicht fassbar. Und natürlich spiegeln sich hier auch seine persönlichen Tragödien, etwa die zuerst innere, dann äußere Trennung von seiner Ehefrau Olga. Meist notiert Schnitzler, wo der Zusammenhang von Traum und Leben liegen mag. Als er einmal träumt, er laufe Olga, die sich in einer Straßenbahn befindet, nach und verliere sie aus den Augen, kann er nur bemerken: „Zuweilen gibt sich der Traumgott mit seiner Symbolik keine sonderliche Mühe.“

Renate Wagner

 

 

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