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ARTHUR KAUFMANN. A Chess Biography

25.03.2012 | buch

ARTHUR KAUFMANN.
A Chess Biography. 1872-1938
Von Olimpiu G. Urcan und Peter Michael Braunwarth
266 Seiten. Verlag McFarland & Company, 2012

Hätte Arthur Kaufmann (1872-1938) das große philosophische Werk, das er im Kopf hatte, auch niedergeschrieben, die Nachwelt hätte es vermutlich nicht mit einem „Unbekannten“ zu tun – so unbekannt tatsächlich, dass es in der nun endlich erschienenen Biographie zwar einige abgebildete Dokumente über ihn gibt, aber kein einziges Foto…

Diese Biographie versucht nun, ihn unter doppeltem Aspekt ins Bewusstsein zurück zu holen. „Arthur Kaufmann, A Chess Biography“ nennen die beiden Autoren ihr Werk, denn tatsächlich war Kaufmann gewissermaßen „schubweise“ (in den Jahren 1890 bis 1900, dann wieder ab 1911 bis über den Ersten Weltkrieg hinaus, zuletzt 1933) einer der bedeutendsten Schachspieler in der damals sehr wichtigen Schachszene Wiens, wenngleich er diese nie verließ und folglich ein „lokaler Meister“ ohne internationalen Ruhm blieb.

Olimpiu G. Urcan, Fachmann in dieser Welt, verantwortet diesen Teil des Buches, das für Schach-Fanatiker und –Spezialisten durch die Wiedergabe von 71 Spielen Kaufmanns gegen hochrangige Gegner vermutlich höchsten Wert gewinnt. Er war zwar kein „Profi“ und kein „Großmeister“, aber er hatte dessen Fähigkeiten, meint der rumänische Großmeister Mihail Marin in seinem Vorwort.

Die „Schach-Biographie“ vermengt sich nahtlos chronologisch mit jener, die Peter Michael Braunwarth, Mitherausgeber der Schnitzler-Tagebücher, beisteuert, denn tatsächlich sind es diese Schnitzler-Tagebücher, dessen Briefe an Kaufmann und dessen Antworten, die es überhaupt ermöglichen, den Lebensweg eines bedeutenden Mannes nachzuzeichnen, der bislang keinerlei Beachtung gefunden hat.

Arthur Kaufmann wurde am 4. April 1872 als Sohn einer jüdisch-deutschsprachigen Familie am Rande der Habsburger-Monarchie geboren, in der Stadt Iasi, die über eine lebhafte jüdische Tradition (mit eigener jiddisch-sprachiger Zeitung und Jiddischem Theater) verfügte. Wenn sich die offenbar sehr wohlhabende Familie in den frühen achtziger Jahren von Rumänien in Richtung Wien aufmachte, dann sowohl, um dem Druck des Antisemitismus zu weichen, als auch, um den Söhnen bessere Zukunftsaussichten zu ermöglichen (dieses Muster lässt sich bei vielen Juden feststellen, die es dann in Wien tatsächlich zu etwas gebracht haben). Interessant ist, wie lange das Vermögen der Familie anhielt – ohne dass man je von einer bezahlten „Anstellung“ Kaufmanns erfahren würde, konnte er zumindest bis über den Ersten Weltkrieg hinaus das Leben eines wohlhabenden Mannes führen – über lange Zeit noch vom Verkauf von Wertpapieren, wie man erfährt.

Der junge Arthur Kaufmann, zehn Jahre jünger als Arthur Schnitzler, mit dem er 1900 bekannt wurde und sich bald befreundete, studierte Rechtswissenschaft an der Universität Wien (was er 1896 mit dem Doktorrat abschloss) und geriet gleicherweise in den Sog der Schach-Clubs wie der der literarischen Kaffeehäuser der Stadt (wobei sich beides durchaus überschneiden konnte). Offenbar war er bald ein begabtes Mitglied des „Neuen Wiener Schachclubs“, und Autor Urcan konnte diesen Teil von Kaufmanns Wirken auch vielfach aus der reichen Schach-Zeitschriften-Literatur erforschen. Kaufmann hat sich mit einigen der Besten dieser Zeit auf hohem Niveau gemessen. Und er konnte es sich leisten, damals die meiste Zeit mit Schach zu verbringen, statt sich um eine normale berufliche Laufbahn kümmern zu müssen.

Warum Kaufmann seine doch sehr wichtige  Schach-Karriere immer wieder unterbrach, das sind Fragen, die sich angesichts der dünnen biographischen Angaben nicht beantworten lassen. Mit Arthur Schnitzler, dem 1900 schon recht etablierten Literaten, spielte Kaufmann jedenfalls nicht Schach, sondern Tennis, Billard oder Karten – wenn sie nicht, und das war das gemeinsame Faszinosum über Jahrzehnte, auf höchstem Niveau über Literatur, Kunst und vor allem Philosophie diskutierten. Da stellte Schnitzler Kaufmann sowohl als Wissenden wie als Denker weit über sich selbst. (Sehr nett formuliert das Buch in seiner Charakteristik Schnitzler in seiner bekannten Attitüde als „Womanizer“: Es war ihm wichtig „charming to opposite sex to an extent that would make his works notorious.“)

In Schnitzlers Nachlass befinden sich 63 Karten und Briefe Kaufmanns an ihn, von denen viele hier in voller Länge abgedruckt sind (ins Englische übersetzt, aber es wird sicher eine deutsche  Ausgabe des Buches geben, in der man zu den Originalen zurückkehrt). Schnitzler führte Kaufmann in seinen literarischen Freundeskreis ein, wo dieser auch andere berühmte Freunde (etwa Jakob Wassermann) fand, die sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte sehr um ihn kümmerten. Denn zwischen gesellschaftlichem Leben in Wien und luxuriösen Reisen wandte sich Kaufmann mehr und mehr philosophischen Überlegungen zu, die er immer ein großes Werk fassen wollte, was ihm aber nicht gelang. Daneben wurde er gesundheitlich anfällig, nicht nur körperlich, sondern auch geistig – während seines Aufenthalts im Sanatorium Purkersdorf 1917, von Schnitzler, der  ja selbst Arzt war, mit Sorge beobachtet, kann man ihn wirklich zwischen „Genie und Wahnsinn“ schwanken sehen.

Kaufmann dürfte mehr noch als seine „gesunden“ Freunde unter dem psychologischen und faktischen Druck gelitten haben, den der Weltkrieg allen denkenden Menschen auferlegte. Als er das Sanatorium verließ, stand er nicht nur vor der Tatsache seines entscheidend geschwundenen Vermögens, sondern auch vor einer gewissen Unfähigkeit, das frühere Leben fortzuführen. Tatsächlich zog er sich mit seiner Schwester Malwine längere Zeit nach Mariazell zurück, nicht, weil er fromm geworden wäre, sondern weil die Lebensbedingungen „am Land“ leichter waren. Nach Kriegsende reiste Kaufmann nach Kiew, wo sich sein Bruder befand, und erlebte den Siegeszug der Bolschewiken aus erster Hand. Wieder in Wien machte er auf sich aufmerksam, als er Albert Einstein in der Zeitschrift „Der neue Merkur“ angriff und dessen Relativitätstheorie für einen Irrtum erklärte. Dies und die Hoffnung, sein philosophisches Werk in ein „Märchen“ gießen zu können und dafür eines Tages vielleicht den Nobelpreis zu erhalten, zeugt von seinem zunehmenden Realitätsverlust, den auch Schnitzler in seinen Tagebuchaufzeichnungen immer wieder schmerzlich konstatierte.

Den Anfang der zwanziger Jahre verbrachte Kaufmann in Altaussee, wo ihn Schnitzler ebenso besuchte, wie er es in Mariazell getan hatte – er sorgte sich sehr um den Freund und suchte den Kontakt immer aufrecht zu erhalten, wenn er auch zeitweise abriss (ohne dass die Ursachen klar würden). Immer an seinem Opus magnum arbeitend, das nie gedieh, war Kaufmann von 1923 an bis zu seinem Ende vor allem Gast in Schloß Würting in Oberösterreich, einem Besitz der Industriellenfamilie Gutmann, die dem großen, wenn auch wohl schon leicht verwirrten Geist eine Art Gnadenbrot gewährten.

Nach dem Tod Arthur Schnitzlers 1931 gibt es fast keine Quellen mehr, Kaufmanns Lebensweg zu verfolgen. 1938 war er jedenfalls in Wien – ein verarmter alter Jude. Sein Totenbeschaubefund nach seinem Ableben am 25. Juli 1938 besagt zwar Herzversagen, aber die Autoren sind sicher, dass sich Kaufmann – wie viele Juden damals in Wien, wo Hitler und seine Welt die Macht übernommen hat – selbst das Leben nahm. Er wurde am jüdischen Teil des Zentralfriedhofs begraben.

Da Kaufmann immer nur über sein philosophisches System gesprochen (und damit seine Mitwelt eindeutig beeindruckt), dieses aber nie wirklich druckreif niedergeschrieben hat, bleibt dieser Mann eine Vermutung. Dass er für seine Mitwelt ein großer und wichtiger Zeitgenosse war, steht nach dieser Biographie außer Zweifel.

Am Ende ist es schließlich auch ein Buch, das man rund um den 150. Geburtstag des Dichters in die ergänzende Schnitzler-Literatur einreihen kann. Erweist es doch erstens die unendliche Nützlichkeit von dessen Tagebuch über das unmittelbare Leben des Dichters hinaus. Und was diesen als Menschen betrifft, so zeigt Schnitzler an der Person Arthur Kaufmanns seine Fähigkeit zu neidloser, hingebungsvoller Freundschaft. Sie galt einem Mann, der nun der Vergessenheit entrissen ist.

Renate Wagner

 

 

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