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ARTHUR HONEGGER/JACQUES IBERT: L‘AIGLON – Opernausgrabung mit Kent Nagano

24.02.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 

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ARTHUR HONEGGER/JACQUES IBERT: L‘AIGLON – Kent Nagano bürgt für eine spannende Opernausgrabung mit starkem Österreich-Bezug – DECCA 2 CDs – VÖ: 4.3.2016 

Bei L’Aiglon (auf Deutsch: junger Adler), einem lyrisches Drama in fünf Akten nach Edmont Rostand, einten origineller Weise zwei Komponisten ihre schöpferischen Kräfte zu einer musikalisch faszinierenden Oper. Ibert schrieb die Akte I und V, Honegger die Akte II und IV und beide den dritten Akt gemeinsam. Dieses 1937 in Monte Carlo uraufgeführte Werk dreht sich um das Leben des Napoleon Francois Charles Joseph Bonaparte, dem einzigen Sohn von Napoleon I und seiner zweiten Frau, der Erzherzogin Marie-Louise von Österreich. Nach Napoleons Abdankung 1815 als Napoleon II apostrophiert, verbrachte dieser „junge Adler“ die meiste Zeit seines kurzen Lebens in Österreich als Herzog von Reichsstadt. Die Oper handelt von der Identitätssuche des heranwachsenden fragilen Jugendlichen, seiner „Germanisierung“ durch Prinz Metternich und seines unerfüllten Traum, in die politischen Fußstapfen seines Vaters zur höheren Ehre Frankreichs zu steigen. Die Handlung spielt in Wien im Schloss Schönbrunn, wo ein Maskenball stattfindet (Akte I-III) und auf der Ebene von  Wagram. Bei so viel französisch politisch-nationaler Grundierung ist es im bekannten geschichtlichen Kontext nicht verwunderlich, dass das Werk bald nach seiner Uraufführung (selbstverständlich nicht wegen der musikalischen Qualitäten) in der Versenkung verschwand. Warum allerdings das Revival so lange dauerte, ist auch nicht ganz nachzuvollziehen. Das so typisch französische Kolorit der Komposition „mit Wiener Einschlag“ ist unmittelbar ansprechend. Trotz pseudorevolutionärer Zumengung ist das ein ganz schön österreichisch geprägtes Stück Musiktheater geworden. 

Die vorliegende exzellente Aufnahme als erste komplette Einspielung des Werks geht auf drei live-Aufführungen  im Maison symphonique de Montréal im Frühjahr 2015 zurück. Eine rein französischsprachige Besetzung ist der Garant für eine auch idiomatisch perfekte Wiedergabe. Kent Nagano dirigiert das für solche Aufgaben bestens disponierte  Orchestre Symphonique de Montréal, die Hauptrolle des jungen Adlers wird von der Sopranistin Anne-Catherine Gillet gesungen. Eine Idee, die auf die Uraufführung des Theaterstücks im Jahre 1900 zurückgeht und wo Sarah Bernhardt die Titelrolle spielte. Aber auch die anderen Protagonisten singen durchaus prachtvoll und belegen die hohe Qualität heutigen Operngesangs in frankophonen Ländern: Marc Barrard als Séraphin Flambeau, der in Berlin bestens bekannte junge kanadische Bariton Ètienne Dupuis als Prinz von Metternich, der Bassbarotin Philippe Sly als Maréchal Marmont reüssieren gleichermaßen wie Pascal Charbonneau als Militärattaché, Isaiah Bell als Friedrich von Gentz, Tyler Duncan als Ritter von Prokesch-Osten, Jean-Michel Richter als Graf von Sedlinsky, Hélène Guilmette als Thérèse de Lorget, der vorzügliche Mezzo von Marie-Nicole Lemieux als Marie-Louise oder Julie Boulianne als Fanny Elssler. 

Die vorliegende Aufnahme repräsentiert auch den Wiederbeginn einer engen Kooperation zwischen dem Orchester aus Montréal und dem Label DECCA, aus der in der Zeit von 1980 bis 2000 mehr als 80 Alben (hauptsächlich unter dem Dirigenten Charles Dutoit) hervorgingen und die von 2000 bis 2014 unterbrochen war. 

Aus Gründen des Repertoirewerts als auch der passionierten künstlerischen Umsetzung nicht nur für Liebhaber der französischen Oper eine klare Empfehlung. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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