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ARTHUR & CLAIRE

FilmCover  Arthur und Claire~1

Filmstart: 16. Februar 2018
ARTHUR & CLAIRE
Deutschland, Niederlande, Österreich / 2018
Regie: Miguel Alexandre
Mit: Josef Hader, Hannah Hoekstra, Rainer Bock u.a.

Als man las, dass die „Wunderübung“ von Daniel Glattauer verfilmt werden sollte, war man unbesorgt – das hatte man auf der Bühne als gelungenes Stück gesehen. Bei „Arthur und Claire“ ist das anders – dieses Zwei-Personen-Stück von Stefan Vögel war bei der Aufführung an einer Wiener Kleinbühne mehr als mühsam. Zwei Darsteller, in ein „geteiltes“ Bühnenbild mit zwei Hotelzimmern gestellt, ununterbrochen zu flachen Witzen angehalten. Nun, ein paar flache Witze haben sich leider auch in den Film gerettet. Sonst aber glücklicherweise fast gar nichts…

Und so ist, dank des Regisseurs Miguel Alexandre (ein Deutsch-Portugiese) und dank des Hauptdarstellers, „unseres“ Josef Hader, die gemeinsam ein so gut wie neues Drehbuch geschrieben haben, glücklicherweise ein höchst ansprechender Film aus einem schwarzgeränderten Thema geworden. Die beiden Hotelzimmer spielen kaum mehr eine Rolle, die Handlung wurde ins nächtliche Amsterdam gelockt, und vom tragischen Ausgangspunkt entwickelt sich eine Beziehungsgeschichte, wie man sie sich (im Kino, im Leben passiert so was ja selten) kaum schöner vorstellen kann. Nur am Ende wird es dann märchenhaft (wie im Kino, dass man im richtigen Bus sitzt…) und im bemühten Dialog seltsam platt – aber da ist man als Zuschauer so froh, dass man die Menschen und Gefühle unter Dach und Fach gebracht hat, dass auch dies nichts mehr ausmacht.

Es ist wieder einmal eine Meisterleistung von Josef Hader. Wenn er nach Amsterdam fährt, um in der Klinik seines Freundes Dr. Hofer (zweimal kurz auftauchend und sehr anteilnehmend und berührend: Rainer Bock) seinem Kehlkopf- (oder ist es Schilddrüsen?)Krebs davon zu laufen und seinem Leben freiwillig ein schmerzloses Ende zu bereiten, dann ist dieser Mann so getränkt von Traurigkeit und Endzeit, dass man ihm nur gut zureden möchte. Dabei wird da keineswegs mit liebenswerter Sentimentalität herumgefummelt – wer morgen nicht mehr da ist, braucht heute nicht mehr nett zu sein. Schon gar nicht, wenn aus dem Nachbarzimmer des Hotels laute Musik (noch dazu solche, die er nicht mag) erklingt. Man will ja schließlich ausgeschlafen sein – für morgen.

Im anderen Zimmer ist die Holländerin Claire (die von sich selbst sagt, damit nicht ein Kritiker des Films es spöttisch vermerkt, dass sie „mit diesem schrecklichen Rudi-Carrell-Akzent“ spricht), und die will sich, wie Arthur an einer vollen Pillenflasche sieht, umbringen. Es ist logisch, dass der Mann, der sich für sein morgiges Ende vorbereitet, nicht einsieht, warum eine junge Frau das Leben wegwerfen will. Und nun schicken Miguel Alexandre (und Co-Autor) Hader die beiden in eine wilde Amsterdamer Nacht, die zart komisch ist, mit der obligaten gegenseitigen Kratzbürstigkeit beginnt und die obligate gegenseitige Annäherung nach sich zieht. Das gelingt auf ganz hohem schauspielerischem Niveau und hängt – in Bars, beim Kiffen, mit den nötigen Familien-Reminiszenzen – ganz selten durch.

Die Amsterdamer Nacht ist mit ein paar schönen Dialogen und ein paar gewaltsamen Pointen versetzt, und wenn es gar zu poetisch wird – ist halt Kino: Da sitzt Arthur allein in einer Bar, klimpert am Klavier, Claire, die davongelaufen war, kommt zurück und singt (perfekt im Text), was er spielt. Und was? Oh, Danny boy, the pipes, the pipes are calling / Oh, Danny boy, oh Danny boy, I love you so! Das schöne, traurige irische Volkslied vom Sterben. Sei’s drum, auch das trägt der Film.

Wer das Stück nicht kennt (und wer kennt es schon?), wird trotzdem den Verdacht des Happyends hegen, spätestens sobald sich herausstellt, dass das Schicksal von Claire (auch Hannah Hoekstra, die resolute Holländerin, umschifft einigermaßen die Sentimentalität) an Tragik auch nichts zu wünschen übrig lässt.

Also, wenn sich zwei Traurige zusammen tun, ist das ein Trost für alle, auch jene im Kinosessel, und wieder einmal erweist sich, dass schauspielerisches Können und filmischer Instinkt auch eine an sich schlicht-billige Geschichte in die Höhen absolut sehenswerten Kinoglücks heben können.

Renate Wagner