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Arena di Verona: 90. Festival 2012 „ROMÉO ET JULIETTE“

27.07.2012 | KRITIKEN, Oper

Wo bleibt die Deutung?

Wenn ich ein Unwort in unseren Tagen nennen sollte, dann wäre es dieses, nämlich dieses Wort „Deutung“, das allen sogenannten Tätigkeiten von Regisseuren und Dramaturgen, aber auch Dirigenten gerne und immer öfter umgehängt wird. Heutzutage „deutet“ schon ein Dirigent, etwa (s)einen Mozart, wenn ein paar original klingende Instrumente bei einem großen Sommerspektakel gespielt werden und Tempovorschriften und dynamische Vorgaben von ihm etwas freizügiger angewandt werden oder wenn ein Opernregisseur, durch seine bisherige Tätigkeit in kleineren Theaterregien eindeutig als Azubi erkenntlich, sein armseliges Mäntelchen einer „Deutung“, nur um möglichst originell dazustehen, um vom Feuilleton entsprechend wahrgenommen zu werden, über den Text hängt, egal wie da Libretto, tatsächlich Dargestelltes oder Dazuerfundenes und die Musik in unglückseliger Konkurenz zu einander stehen. Das kann nur bei einem wirklichen Könner mit Theaterpranke funktionieren, nördlich der Alpen hat allerdings vor wenigen Tagen wieder ein Neuling mit seiner regielichen Überheblichkeit und seiner handwerklichen Mangelhaftigkeit Schiffbruch im wahrsten Sinne des Stücks erlitten.

Das nur zum Thema Regie, denn hier in Verona wird Zeitgeistiges nur in sanften Dosen, wird Bebilderung wenigstens handlungsgerecht serviert, könnte auch gar nicht anders sein, denn die Ouote, die Auslastung der Sitze und der Steinstufen steht hier als unbedingte Notwendigkeit in starker Konkurenz zu regielichen Experimenten, da gibt es eine gefährliche Wechselwirkung, deren Folgen vor einigen Jahren die Auswechslung des Führungsteams notwendig machte. Nun, Gounods „Roméo und Julia“ hat sich einigermaßen auch in der zweiten Spielzeit bewährt und wird auch in der kommenden „Jubelsaison“ zum Hunderter des Arenaspektakels und zum Zweihunderter Verdis auf dem Spielplan stehen. Und wer die Menschenmassen vor dem Hause der Giulietta sieht, die Scharen an Verliebten, die ihre Initialien in jeglicher Form hinterlassen, muß verstehen, dass man so eine Oper hier vor Ort als lokales „Mysterienspiel“ öfter ansetzen kann, noch dazu in der so süffig vertonten Version.

Dass man in Verona nicht versäumt hatte, eine hübsche, quirlig spielende und souverän singende Julia anzusetzen, zählt zu den Pluspunkten der Aufführung. Denn das alles zeigte Alexandra Kurzak, die mit den Ausmaßen dieses Theater so scheinbar spielend leicht zurecht kam und das Publikum eroberte. Ihr rollengerecht verliebter Partner hatte immerhin bis ins Finale zu kämpfen, bis er in seinen Höhenregionen den ordentlichen Stimmsitz und damit auch ein wenig metallischen Glanz fand. Untadelig in seiner Phrasierung war die Stimme von Stefano Secco anfangs jedoch eher hart und gepresst wahrzunehmen, Stimmschmelz zeigte sich außer in den Pianostellen eher selten.Optisch waren beide ein glaubwürdiges Liebespaar.

Francesco Micheli ließ alles in abstrakten Bühnenbauten spielen, eine Art Arena aus Leitern und Blumenranken, teilbar und ständig in Bewegung, eine riesige Ritterrüstung, in der die junge Julia gesperrt ist, ein aus Silberranken bestehendes Brautbett, eine grauslich-bunte Kirchenandeutung usw., alles farblich ausgeleuchtet und unter Einbeziehung des Stufenhintergrundes mit riesigen Wappenbildern. Das alles ergab mit choreografierter Bewegungsregie des Chores das richtig bildlich Umgesetzte fürs Auge. Nur dieses riesige, dampfende Mobile mit Propeller und Flügeln scheint eher der Schaulust der Zuschauer gewidmet zu sein als einer stückimmanenten Notwendigkeit.

Mit Fabio Mastrangelo stand ein Mann am Pult, der den leisen Tönen und dem feinen Gespinnst der Streicher Vorzug gab, etwas mehr vorantreibende Dramatik hätte der Interpretation nicht geschadet. Von den andern Partien, neben dem dominierenden Liebespaar eigentlich allesamt kleinere aber wichtige Nebenrollen, stachen Eufemia Tufano als Stéphano, Nicoló Ceriani als Paris, Francisco Corujo als Tybald und Paolo Antognetti als Benvolio hervor. Mit der Rolle des Mercutio begann die Karriere von Leo Nucci einst in dieser Arena, diesmal konnte Artur Rucinski ausdrücklich auf sich aufmerksam machen.

Zuletzt viel Jubel aus dem nicht ganz ausverkauften Arenarund am Schluss der diesjährigen Serie, besonders für Alexandra Kurzak.

26.Juli 2012/Peter Skorepa

Fotos: Ennevi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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