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APROPOS: Corona-Gedanken

09.04.2020 | Aktuelles, Apropos, Feuilleton

Corona-Gedanken

Man muss sich zu helfen wissen
Ich hocke zuhause, seit 25 Tagen habe ich keinen Fuß vor die Tür gesetzt. Nicht ganz freiwillig, aber unser Sohn, der Sanitäter ist und so viel sieht und weiß, was er uns gar nicht erzählen will, besteht darauf. Ich beschwere mich nicht – Platz genug für zwei Leute plus ein kleiner Garten, Bücher, DVDs, jede Menge Streams. Und ich verbringe viel Zeit, mit Freunden zu mailen – Theater- und Opernfreunde, ununterbrochen auf Recherche (wie gesagt: You Tube und was es noch alles gibt), sind stolz, neue Funde gleich weiter zu verbreiten. Ich bin für Tipps dankbar, leite weiter, das Netz knüpft sich enger als früher.
Außerdem telefoniere ich mehr als sonst, gestern mit Helga, einer ganz „alten“ Freundin (noch aus der Zeit, als wir beide jung waren), deren in Italien lebender Sohn schwer Corona-erkrankt ist und sich ganz mühselig nach wochenlangem schwerem Fieber wieder hochrappelt. (Einer von 1,5 Millionen nachgewiesen Infizierten auf der Welt.)
Gott sei Dank ist Helga nicht der Typ, der sich unterkriegen lässt. Sie beschwert sich lautstark, dass die Apotheke für ein Fläschchen Desinfektionsmittel 40 Euro verlangen würde, wenn es nicht ohnedies ausverkauft wäre.
„Warum kaufst Du Dir nicht eine Flasche Wodka?“ schlage ich vor. „Die kostet wahrscheinlich 10 Euro, nimm die billigste, du brauchst sie nur zum Händewaschen. Es ist viel mehr drin als in einem Arzneifläschchen und desinfiziert hundertprozentig. Du weißt doch, was die Russen sagen: Wodka ist gut für alles. Wodka ist gut gegen alles.“
Helga wird sich Wodka kaufen. Die Apotheker brauchen wegen der Schmutzkonkurrenz nicht böse zu sein, denn man reißt ihnen das Mittel, wenn sie es haben, ohnedies aus der Hand – egal, zu welchem Preis. (Anpassung an Verhältnisse, diese großartige menschliche Eigenschaft, bedeutet auch zu erkennen, wo man ein Geschäft machen kann…) Und die Russen müssen mir nichts für die Schleichwerbung zahlen. Ich bin mit Wodka im Koffer buchstäblich durch die ganze Welt gereist und habe damit alle Infektionen (auch nach tibetischem Buttertee) erfolgreich von mir fern gehalten. Man muss sich zu helfen wissen.

Übermut tut selten gut
Ich wünsche niemandem, absolut niemandem auf der Welt etwas Schlechtes. Aber wenn ich an Boris Johnson denke, fällt mir die amerikanische Floskel „It could not happen to a nicer guy“ ein. Ein Staatschef, der zuerst meint, er könne eine schwere, nachgewiesene gesundheitliche Bedrohung einfach negieren – und er hat die Verantwortung für ein ganzes Volk!!! Der dann meint, das Ganze ginge ihn persönlich ohnedies nichts an und demonstrativ Hände schüttelt. Wenn er dann in der Intensivstation landet, weil nicht jeder Charles nach ein paar Tagen Husten zu seiner Camilla heimkehren kann, sondern es auch einen schweren Krankheitsverlauf geben mag – wie gesagt, nicht, dass man es ihm wirklich gönnte. Aber in einem Roman würde man so etwas „poetic justice“, also etwa „höhere Gerechtigkeit“ nennen…

Es kann der Beste nicht in Frieden leben… wenn es den Journalisten nicht gefällt
Ich habe den Profil-Newsletter abonniert, und die „Morgenpost“, wechselnd von den verschiedenen Redakteuren verfasst, lese ich immer, wenn auch nicht immer gleich zustimmend. Ohne Agitprop geht es bei ihnen nicht, was okey ist, manchmal bin ich ihrer Meinung, manchmal nicht. Dann wahrlich nicht, wenn Eva Linsinger im Hinblick auf die wettermäßig wunderschönen Ostertage zu hetzen versucht. Nämlich gegen jene Bürgermeister der Orte rund um Wien, die ehrlich sagen, dass sie derzeit keine Besucher wollen.
Was ist das für eine Idee, sie dafür gleich im Nazi-Ton („Unsere Gegend für unsere Leut’“) zu rügen? Es heißt nichts anderes, als dass man in Krisenzeiten vielleicht auf die beliebte Landpartie verzichten kann, zumal das gloriose Ende, das Einkehren im besonders guten Wirtshaus, ja ohnedies nicht möglich ist?
Was soll hier provoziert werden? Warum will man die Stimme der Vernunft ideologisieren und negativ konnotieren? All die Ausflugsorte werden froh und glücklich sein, wenn die Wiener und andere Touristen wieder kommen. Aber bitte, nicht jetzt. Und nicht in Krisenzeiten auch noch schlechte Stimmung machen!

Humor ist, wenn man trotzdem lacht
Die Kinder bekommen sicher ihre Osterhasen, wenn auch eher von den Eltern als von den Großeltern (wenn alle gescheit genug sind, das Richtige zu tun). Ich habe sehr über ein Foto gelacht, das Schokolade-Osterhasen mit Mundschutz zeigt. Nein, wir verlieren unseren Humor nicht. Auch das gehört zur Krisenbewältigung.

Renate Wagner

 

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