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ANTWERPEN: LE DUC D’ALBE – Uraufführung

11.05.2012 | KRITIKEN, Oper

Uraufführung in Antwerpen: „Le Duc d’Albe“ von Gaetano Donizetti (Vorstellung: 11. 5. 2012)


Foto: Carl Meersmann

Eine Uraufführung von Gaetano Donizetti im Jahr 2012? So unglaublich das klingen mag, es stimmt, denn die französische Fassung, die der Komponist 1839 für Paris schrieb, wurde bis dato nie aufgeführt, da die Primadonna Teresa Stolz die Rolle der Hèléne ablehnte. Erst im Jahr 1882, 34 Jahre nach seinem Tod, kam in Rom die italienische Fassung Il duca d’Alba auf die Bühne, für die sein Schüler Matteo Salvi einige von Donizetti bloß skizzierte Nummern orchestrierte und die Oper vollendete. Für die Uraufführung des französischen Originals „Le Duc d’Albe“ an der Vlaamse Opera Antwerpen komponierte der 1953 geborene Giorgio Battistelli – er war in den letzten Jahren selbst mit einigen Opern erfolgreich – die fehlenden Nummern, wobei er mit großem Einfühlungsvermögen in Donizettis Partitur vorging, ohne seine eigene charakteristische Note zu verleugnen, wie man in der Schlussszene eindeutig hören konnte.

Die Handlung der Oper, deren Libretto von Eugène Scribe und Charles Duveyrier stammt, in Kurzfassung: Egmonts Tochter Hèléne singt ein
Rebellionslied gegen Herzog Alba. In den Gesang stimmt auch Henri ein, nicht ahnend, dass er ein Sohn des Herzogs ist. Obwohl Henri später den Vater zurückweist, als sich dieser ihm zu erkennen gibt, kann er Hèléne vor dem Schafott retten. Als sie den Herzog erdolchen will, tritt Henri dazwischen und wird tödlich verwundet.

Regisseur Carlos Wagner stellte mit plakativer Symbolik ein sehr kriegerisches Szenario auf die Bühne, das an die Gräuel der Weltkriege erinnerte, die auch Flandern heimsuchten. Mehrere Soldaten aus Pappmaschee in dreifacher Menschengröße, die an ein Gemälde von Hodler erinnerten, bevölkerten die Bühne, ein Waffenarsenal von Maschinengewehren war im Einsatz und Bomberflugzeuge flogen über die Komparserie(Bühnengestaltung: Alfons Flores). Die Dramatik dieser Oper wurde durch die eloquente Personenführung der Protagonisten und des stimmgewaltigen Chores (Leitung: Yannis Pouspourikas) noch verstärkt. Über einige „Merkwürdigkeiten“ (Regiefehler?) der Inszenierung – wie beispielsweise Nylon- statt Leinensäcke, in denen Gewehre unterm Getreide versteckt wurden – musste man großzügig hinwegsehen. Eindrucksvoll wirkten die kreativen Beleuchtungseffekte von Fabrice Kebour, gut die gegensätzlichen schwarzen Kostüme der Spanier und die in Erdbraun gehaltene Bekleidung der unterdrückten Bevölkerung, Symbolcharakter hatte das Kostüm der Hèléne, die unter ihrem weißen Kleid eine Art Soldatenuniform trug (Kostümentwürfe: A. F. Vandevorst).

Der rumänische Bariton George Petean, der die Titelrolle verkörperte, ließ sich vor der Vorstellung als krank ansagen, war aber dennoch bereit,
vollgepumpt mit Antibiotika zu singen. Und er tat es bravourös. Mit seiner mächtigen Stimme legte er die Rolle des Bösewichts Herzog Alba veristisch an, was einen reizvollen Gegensatz zum Belcanto seiner „Gegenspieler“ bedeutete. Trotz eines kurzen Hustenanfalls bewältigte er seine Partie nicht nur darstellerisch mit seiner ausgeprägten Bühnenpräsenz, sondern auch stimmlich.

Als Henri de Bruges begeisterte der junge spanische Tenor Ismaël Jordi – auch dem Wiener Publikum bereits gut bekannt – mit seiner leuchtenden Stimme und seiner exzellenten Darstellungskunst, die sich auch durch sein ausdrucksstarkes Mienenspiel auszeichnet. Großartig seine Szene mit Herzog Alba, als dieser sich als sein Vater zu erkennen gibt.

In der Rolle der Hèléne d’Egmont legte die Schweizer Sopranistin Rachel Harnisch all ihre Gefühle – von Rebellion über Stolz und Liebe bis hin zur
Rachsucht – in ihre Stimme, die auch in der Höhe bewundernswert strahlend klang. Eine meisterliche Leistung einer noch jungen Sängerin, die für die Zukunft viel verspricht.

Der litauische Bassbariton Igor Bakan blieb in der Rolle des Rebellen Daniel ein wenig blass, während der russische Bassbariton Vladimir Baykov als Sandoval mit mächtiger Stimme auftrumpfte und damit seiner Rolle als spanischer Kapitän ein ausdrucksstarkes Profil gab. In kleineren Rollen rundeten die beiden Tenöre Gijs Van der Linden und Stephan Adriaens die gute Ensembleleistung ab.

Das Publikum, das auch mit Szenenbeifall nicht geizte, bejubelte am Schluss vor allem George Petean, Ismaël Jordi und Rachel Harnisch mit vielen Bravo-Rufen, wobei ein großer Teil der Zuschauerinnen und Zuschauer seine Begeisterung mit stehenden Ovationen ausdrückte.

Udo Pacolt, Wien – München

 PS: Die weiteren Vorstellungen dieser sehenswerten Produktion finden in Antwerpen am 15. und 18. Mai sowie in Gent am 25., 27., 29. und 31. Mai sowie am 2. Juni statt.

 

 

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