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ANNA NETREBKO: VERISMO

01.09.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

netrebko kl ANNA NETREBKO: VERISMO – Deutsche Grammophon CD – Neue musikalische Visitenkarte der Superdiva – das richtige Repertoire zum richtigen Zeitpunkt – VÖ: 2.9. (CD), 30.9. (Vinyl) 

Was den Reichtum an Stimmfarben, Expansionsfähighkeit, Volumen, Legatokultur, Homogenität in den Registern, Stilsicherheit und dramatische Glaubwürdigkeit von Anna Netrebko betrifft, fühlt man sich an die bedeutendsten italienischen Verismo-Diven erinnert. Wenngleich die Stimmführung Netrebkos etwa im Vergleich zu Tebaldi nicht so ebenmäßig ist.

Auf der neuen CD singt die russische Sopranistin Anna Netrebko insgesamt 16 Arien und Duette aus Adrianna Lecouvreur, Andrea Chenier, Madama Butterfly, Turandot (Liu-Arie und die Auftrittsarie der Turandot am Ende lautstark unterstützt durch Yusif Eyvazov), Pagliacci, La Wally, Mefistofele, La Gioconda, Tosca und Manon Lescaut. Bei letzterer Oper assistiert in den Duetten, wie schon anlässlich der konzertanten Aufführungen der diesjährigen Salzburger Festspiele, ihr Ehemann Yusif Eyvazov als musikalischer Partner. Er schlägt sich durchaus wacker an Anna Netrebkos Seite, obschon der Unterschied in Stimmqualität, Phrasierung und dynamischem Differenzierungsvermögen auf Tonträger ins Gewicht fällt. Das macht sich vor allem bei Spitzentönen bemerkbar, wo Eyvazovs Tenor enger wird und Netrebkos cremiger Sopran erst so richtig aufblüht..

Der Chor und das Orchester dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Maestro Antonio Pappano liefern nicht nur den instrumentalen Soundtrack, sondern gestalten diese zwischen leidenschaftlicher Emotion und lang gesponnenen Kantilenen gearbeitete Musik von elegisch bis passioniert aufrauschend auf vollendete Art und Weise. Es herrschen die leiseren Töne vor, Pappano verzichtet weitgehend auf effektvoll knalliges Musizieren. Zwei der Arien fallen freilich streng genommen nicht unter die Ägide des Verismo, Boitos „L’altra notte in fondo al mare“ aus Mefistofele und „Suicidio! In questi fieri“ aus Ponchiellis Oper La Gioconda. Da hat man sich bei der Deutschen Grammophon offensichtlich lieber für populäre Nummern entschieden, als eine Lanze für unbekanntere echte Verismo-Titel (Iris, Zaza, etc.) zu schlagen, wie dies etwa Renée Fleming in ihrem gleichnamigen Album getan hat.

Wie dem auch sei, für Anna Netrebko kommt dieses Repertoire grundsätzlich genau zur richtigen Zeit. Ihr nach wie vor lyrisch grundierter Sopran hat sich in Ansätzen zu einem Spinto entwickelt. Aufbauend auf einem tragfähigen Fundament mit voller, leicht rauchiger Tiefe kann sich eine breite Mittellage mit hoher Ausdrucksdichte und eine fulminant abgedunkelte Höhe entfalten. Eine gute Atemkontrolle, die Beherrschung der Technik, eine bewundernswerte Agilität sowie ein somnambuler Klangsinn lassen die Stimme unforciert und frei fließend strömen. Ein spielerisches Crescendo und Diminuendo, ein getragenes messa di voce, geschmackssichere Portamenti und ein Legato sul fiato sind ebenfalls Atouts von Anna Netrebkos Luxus-Sopran. Allerdings kommen – wie bei vielen mächtigen Stimmen – die volle Qualität und der Obertonreichtum in vollem Umfang nur live im Opernhaus oder Konzertsaal zur Geltung. Was die Auswahl anlangt, so kommt die Arie der Nedda für meinen Geschmack schon zu spät. Der absolute Höhepunkt der CD ist das „In questa reggia“ der Turandot. Der Klang der CD ist sehr hallig, was zwar faserschmeichlerisch wirkt, aber auch das Timbre möglicherweise unnötig verkünstelt.

Neben der Standard-CD und einer Doppel-LP wird »Verismo« als Limited-Deluxe-Version sowie als Chopard-Super-Deluxe-Edition erhältlich sein. Beide enthalten neben der CD noch eine Bonus-DVD. Die Chopard-Edition umfasst weiterhin Fotokarten und ein Chopard-Tuch.

Für Afficionados schöner Stimmen, die nicht die Gelegenheit haben,  Netrebko des Öfteren live zu hören, oder als Erinnerung des Gehörten ist diese CD  jedenfalls eine großartige Sache. Lassen Sie sich diese Freude nicht entgehen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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