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ANFANG 80

27.12.2011 | FILM/TV

Ab 30. Dezember 2011 in den österreichischen Kinos

 

ANFANG 80
Österreich  /  2011 
Regie: Sabine Hiebler, Gerhard Ertl
Mit: Christine Ostermayer, Karl Merkatz, Erni Mangold, Branko Samarovski, Josef Lorenz u.a.

Wollen wir einmal hoffen, dass es nicht nur ökonomische Gründe sind, wenn man sich den „Alten“ in unserer Gesellschaft zuwendet (die ja teilweise finanziell ganz potent sind). Nicht den Halb-Alten, die man dann so nobel „50 plus“ nennt, sondern den wirklich Alten, wo nichts mehr daran zu deuteln ist: „Anfang 80“ beispielsweise. In einer Gesellschaft, die nun tatsächlich immer älter wird, wird man sich eine Alternative zu den „Seniorenresidenzen“ ausdenken müssen, wie man die Altersheime und Pflegeheime euphemistisch nennt. Menschlichere Lösungen. Im Moment tun es die Filmemacher. Das ist zumindest ein Anfang.

Allerdings kann man den Oberösterreichern Sabine Hiebler und Gerhard Ertl, die seit ihrem gemeinsamen Studium an der Kunsthochschule in Linz untrennbar zusammen arbeiten, sicher nicht vorwerfen, das Thema billig anzugehen, etwa nach dem Motto „fröhliche Oldies verlieben sich, küssen, tanzen, ab ins Bett – alles lustig, alles gut“. Keinesfalls. Bei aller Zartheit, mit der es hier um Gefühle geht, wird doch der volle Ernst der Situation dargestellt. Und diese Situation heißt: alt sein. Krank sein. Hinfällig sein. Unsichtbar sein für die Umwelt. Herumgeschoben werden. Mit Kopfschütteln betrachtet. Entmündigt. Ausgelagert.

Schon der Beginn des Films schmerzt: Eine der Alptraumsituationen, eine Untersuchung im Spital, von Geräten umgeben, vom Personal glatt vergessen. Und dann der weitere Alptraum: das Todesurteil, Krebs im letzten Stadium, ein halbes Jahr noch, ab ins Pflegeheim. Rosa will wenigstens selbstbestimmt sterben, aber die Nichte hat ihre Wohnung schon weitervermietet. Der einzige Mensch, der sie wahrnimmt und bereit ist, sie um sie zu kümmern, wie es Menschen tun sollten, ist Bruno, der alte Mann, in den sie zufällig auf der Straße weinend hineinläuft…

Wie diese beiden sich nun verlieben, wie der Mann beschließt, eine leer laufende Ehe hinter sich zu lassen und mit Rosa glücklich zu sein, mehr noch, sie bis zum Ende zu begleiten, das ist ein Meisterstück ausgewogener Drehbuch- und Inszenierungsbalance. Dergleichen kann natürlich nur so kitschfrei verlaufen, weil mit Christine Ostermayer und Karl Merkatz hier zwei Darsteller von äußerster Sensibilität vor der Kamera stehen. Die Ostermayer ist das ideale Beispiel von „Man wird ja nur außen alt“: Unter den grauen Haaren lebt und liebt eine junge Frau, die aller Gefühle fähig ist. Und Merkatz ist auf seine Art ein Wunder – fern jeder Bockerer-Vollmundigkeit, fern jeden Mundl-Spruchs lebt hier ein Mann, dem man den Mut glaubt, sich seiner Umwelt, seiner Familie, der gesellschaftlichen Ächtung entgegenzustellen und das „Undenkbare“ zu wagen: Mit 80 sein Leben zu ändern, weil man liebt.

Dazu zeichnet das Regiepaar auch die Umwelt: Dabei ist Erni Mangold keineswegs, wie es dramaturgisch wohlfeil wäre, die „böse“ Gattin, nein, sie lässt die Dinge bloß laufen, man ist alt, was will man mehr? Josef Lorenz steht für den Sohn, der nun gar nicht versteht, was „der Alte“ sich einbildet, Branko Samarovski für den Freund, der nicht urteilt. Auch hier erweist sich „Anfang 80“ als durchdachter Film, der sich – bei allem Idealismus, der in dieser Geschichte steckt – an der Realität entlang bewegt.

Und am Ende dann drehen die Regisseure die Schraube noch enger: Wenn es ans Sterben geht und Rosa selbst in ihrer Hinfälligkeit nicht elend krepieren will, dann wirft der Film die Frage der Sterbehilfe mit aller Selbstverständlichkeit auf und beantwortet sie ebenso, gewissermaßen auf rein humaner Basis, ohne sich auf irgendeine ideologische Diskussion einzulassen, die ja mit allen Einwänden nur schief laufen könnte (wie dergleichen immer).

Wenn man dem Film etwas vorwerfen kann, dann höchstens, dass seine Darsteller Idealbesetzungen sind, sprich: dass man ihresgleichen im Alltag wohl nicht allzu häufig findet. Aber  was macht das schon? So, wie sie da auf der Leinwand erscheinen, sind sie völlig richtig.

Renate Wagner  

 

 

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