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ALTENBURG: VIKTORIA UND IHR HUSAR

24.10.2016 | Operette/Musical

ALTENBURG: VIKTORIA UND IHR HUSAR
am 23.10. 2016 (Werner Häußner)

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Der Reiz des Exotischen: Akiho Tsujii (O Lia San) fährt in der Fahrradrikscha auf die Bühne des Theaters Altenburg. Foto: Sabina Sabovic

Das Theater Gera-Altenburg hat sich in den letzten Jahren durch eine beispielhaft kontinuierliche Arbeit in verschiedenen Themenreihen einen Namen gemacht. Chefdramaturg Felix Eckerle findet mit Spürsinn und Sachverstand in Musiktheater und Konzert immer wieder Werke abseits des Repertoires, die eine Aufführung lohnen. Zum Beispiel „Rübezahl und der Sackpfeifer von Neisse“, eine phantastisch-romantische Oper des Liszt-Schülers und Strauss-Freundes Hans Sommer, die ab 29. Januar 2017 wieder in Altenburg gezeigt wird. Sie ist Teil der Reihe „Wiederentdeckungen des 20. Jahrhunderts“.

Die Reihen wollen jedoch nicht nur Raritäten präsentieren, sondern einen Sinn-Zusammenhang zwischen Populärem und Vergessenem herstellen. So passt Paul Abrahams einst viel gespielte Operette „Viktoria und ihr Husar“ perfekt in eine Serie mit emblematischen Werken der „goldenen“ Zwanziger Jahre. Abrahams Operetten sind meisterhafte Synthesen aus großer Ausstattungs-Revue, mit Sentiment gesättigtem Rührstück und frech-ironischem Zeitkommentar; sie verbinden den von Franz Lehár gepflegten tragischen Gestus, die zärtliche Empfindung, den leichtfertigen Witz und den distanzierten Blick auf die menschlichen Irrungen des Herzens. Dabei ironisiert Abraham – im Falle der „Viktoria“ zusammen mit seinen kongenialen Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda – nicht jede Ernsthaftigkeit weg. Ihre Figuren sind glaubhaft, weil ihnen authentische Gefühle zugestanden werden. Das hebt einen Schlager wie „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ aus dem bloß sentimentalen Genre heraus.

Eine solche Operette zu inszenieren, ist stets ein Balanceakt zwischen der Leichtigkeit des heiteren Genres, der Distanz zum Sentiment und dem Ernstnehmen der inneren Antriebe und Emotionen der Figuren. Die alten Muster, mit denen die Operette – nicht nur an Stadttheatern in der „Provinz“ – zugrunde getanzt und geblödelt wurde, sind abgelebt; niemand will sie mehr sehen. Winfried Schneider tut in seiner Regie nun so, als genüge es, die „bewährte“ Masche etwas aufzupeppen, und die Operette sei für die Gegenwart gerettet. Mitnichten. Unter der Last der Bewegungsklischees, frei von Ironie zitiert, bricht sie zusammen; mit den Tanzschrittchen von einst wird sie fröhlich in den Staub getreten.

In Altenburg war das schmerzvoll zu beobachten. Graf Ferry (der stimmlich respektable Johannes Beck) und die exotische O Lia San (die hübsch und leicht timbrierte Akiho Tsujii) tanzen, wie man eben so tanzte; der treue Rittmeisterbursche und glühende Ungar Janczy (mit Leidenschaft und Herzblut: Alexander Voigt) und die kesse Riquette (eine wundervoll getroffene, charmante Zwanziger-Jahre-Göre: Kathrin Filip) hopsen hurtig mit. Der Versuch, den Buffo-Paaren eine persönliche Kontur zu geben, bleibt in den hundert Mal verwendeten, standardisierten Bühnenschritten stecken – man hat den Eindruck, der Regisseur hat ihn nicht einmal unternommen.

Und das „hohe“ Paar? Als unglücklicher Husarenoffizier steht Hans-Georg Priese ratlos zwischen aufbrausenden Ehrgefühlen und einer überspannten Liebe, die nicht psychologisch durchinszeniert wird. Die Tragödie dieses Stefan Koltay, der sich aus russischer Gefangenschaft in die amerikanische Botschaft in Japan rettet und dort seine frühere Geliebte als Gattin des Botschafters wiederfindet, kommt nicht über die Schmonzette hinaus, weil sich die Person nicht herausbildet, auch musikalisch nicht: So sehr man Priese in Partien des jugendlich-dramatischen Fachs schätzt, zuletzt etwa als Laca, Max oder Frieder in Siegfried Wagners „Der Kobold“, so wenig nimmt man ihm diesen doppelt traumatisierten Charakter ab: Seinem Tenor fehlt der Schmelz, die leichte Höhe, die Noblesse, aber auch der schmerzliche Unterton der Melancholie.

Merja Mäkelä bringt für die mondänen wie für die zärtlich-intimen Seiten der Viktoria einen ansprechenden Mezzo mit, wirkt auch im Spiel freier, macht glaubwürdig, wie diese Frau pflichtbewusst und doch hingerissen von der hingebungsvollen Liebe ihres Husaren ihren Weg zu finden sucht. Auch Kai Wefer müht sich, Viktorias uneigennützigen Ehemann John Cunlight mit seiner noblen Niedergeschlagenheit, aber auch seiner bitteren Enttäuschung als authentischen Charakter darzustellen. Der dritte Akt, der sich oft zieht, weil die ungarische Folklore ihren Reiz heute verloren hat, ist in Altenburg so radikal eingekürzt, dass der Faden der Handlung zerfasert: Viktoria erscheint in ihrem Heimatstädtchen Doroszma einfach aus dem Nichts und verhält sich, als habe es den traurigen Abschied von Koltay und die schmerzhafte Trennung von Cunlight nie gegeben. Und für Günter Markwarth als Bürgermeister – offenbar ein talentierter Komiker – ist der Regie nichts eingefallen als die üblichen Torkeleien des Operetten-Trunkenbolds und den im Libretto sowieso vorgezeichneten „running gag“ vom „ungarisches Gébrauch“.

Der Chor, einstudiert von Holger Krause, steht auf Roy Spahns mit Metaphern der Zeit ausgestatteten Bühne mal adrett im Halbrund, mal lustlos in der Gegend und singt mit manch gottserbärmlichen Vibrationen. Krause leitete in der besuchten Vorstellung das Orchester: geschickt beim Abfangen von Aussetzern in der Konzentration, flott in den von Abraham eingeflochtenen Tänzen und Schlagern der Zeit, schmalzfrei in den gefühlvollen Nummern. Die von Henning Hagedorn und Matthias Grimminger vorgelegte Rekonstruktion der Urfassung hätte allerdings die Freiheit gegeben, die Instrumentation weniger kompakt anzulegen, was dem Sound und der Vielfalt der Farben in Abrahams Musik bekömmlich gewesen wäre.

Werner Häußner

 

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