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ALTE MUSIK – NEUE SCHÄTZCHEN: SERRAINA / GRANADA

05.08.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

ALTE MUSIK – NEUE SCHÄTZCHEN 

serafina kl SERRAINA: Monkeyfish – Frühbarockes mit Kapsberger, Merula und Ferrari – col legno CD

Das Debütalbum der Formation „sferraina“ (Musiktitel Kapsbergers) befasst sich mit Lautenkompositionen von Johannes Girolamo Kapsberger und andern Meistern des 17. Jahrhunderts in Italien, wie Benedetto Ferrari, Tarquinio Merula und Alessandro Piccinini, Dazwischen gibt es zwei Kostproben anonymer Handschriften aus der Bibliothek der Herzöge von Este sowie zwei Eigenkompositionen. Das Ensemble besteht aus David Bergmüller (Chitarrone, Chitarra Spagnuola), Tobias Steinberger (Schlagzeug, Melodica) sowie der Sopranistin Tehila Nini Goldstein. Bergmüller hat bei den berühmten Lautenisten Hopkinson Smith und Rolf Lislevand studiert. Von beiden Lehrern ist mir die Musik Kapsbergers bestens vertraut. Deren Aufnahmen des Libro Primo d‘Involatura de Lauto und des Libro Quarto d‘Involatura de Chitarone (beide Astrée Auvidis) bilden seit jeher einen Grundstein meiner Diskothek Alter  Musik.

Das Gelingen der konkreten Umsetzung dieser delikaten, stillen, ganz eigen rhythmisierten und eher melancholischen Musik hängt extrem von Stilempfinden der Ausführenden ab. Bei den grandiosen Lehrern ist es daher nicht verwunderlich, dass auch die vorliegenden Aufnahmen als sehr gelungen und eigenständig inspiriert beschrieben werden können. Tehila Nini Goldstein bringt genau den richtigen Ton und das passende Temperament mit, um den Songs Vitalität, Lebensfreude, mystische Kraft und den entscheidenden improvisatorischen Funken einzuhauchen. Besonders gelungen sind auch die Eigenkompositionen „Sieben“ und „Mizhar“, die eine schöne Brücke zwischen dem Gestern und Heute spannen. 

Eine CD abseits des Mainstreams, der jeder Erfolg zu wünschen ist, schon alleine um der hinreißenden Musik Kapsbergers willen, die noch immer ein unverdientes Schattendasein fristet. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

granada kl GRANADA: HESPERION XXI, La Capella Reial de Catalunya, Yordi Savall – AliaVox SACD

Der katalanische Musikwissenschaftler und Gambist Yordi Savall ist seit Jahrzehnten bekannt dafür, insbesondere die Bedeutung des regen Austausches und des Nebeneinander zwischen christlicher, jüdischer und islamischer Tradition für die Musik Spaniens „der drei Kulturen“ zu erforschen und in Klänge zu gießen. Das vorliegende Projekt wurde inspiriert von der Gründung des Königreichs Granada im Jahr 1013, eben an der Stelle, wo sich das alte Garnata a-Yahud, das Granada der Juden, erhob. Dabei soll das Leben dieser Stadt unter dem Islam historisch und musikalisch evoziert werden. Das Programm wurde im Auftrag des Festival Internacional de Música y Danza Granada entwickelt, und zwar aus Anlass der Tausendjahrfeiern zum Gedenken der Gründung Granadas. Die auf der CD gesammelten Musikstücke wurden zum größten Teil live bei dem Konzert am 1. Juli 2013 im Palast Karl V. in der Alhambra aufgenommen.

Das Hauptproblem der mozarabischen Musik und des größten Teils der frühmittelalterlichen Kompositionen besteht darin, dass sie in heute schwer zu entziffernden Neumen geschrieben sind. Bestenfalls erlauben es diese, sich annähernd die Höhe der Töne vorzustellen, aber nicht deren exakte Dauer. Was die Musikstücke unterschiedlicher Herkunft und Überlieferung anlangt, so will ich Yordi Savall selbst zu Wort kommen lassen: „Was die jüdische Tradition betrifft, hören wir alte Kompositionen und Improvisationen zu mittelalterlichen Texten sowie Zitate aus den Schriften des Maimonides. Es erklingt die Musik des Hohen Lieds, interpretiert vom Kantor Lior Elmaleh. Der anrührende Gesang El pan de la aflicción wird auf Ladino, dem jüdischen Spanisch, im Dialog der Solisten von La Capella Reial de Catalunya mit den Improvisationen des Kantors Lior Elmaleh wiedergegeben. Aus der christlichen Überlieferung haben wir Werke der mozarabischen Tradition sowie aus Codices und mittelalterlichen Handschriften gewählt. Hinzu kommen die Cantigas de Santa Maria von Alfons X., die Romanzen von der Auseinandersetzung mit den Mauren und dem Krieg von Granada sowie die volkstümlichen Villacicos von Juan del Enzina, Gabriel aus der Liedersammlung Cancioneri Musical de Palacio. Es sind schließlich die Moaxahas, die Lieder zu Texten und Gedichten von Ibn Zuhr und Ibn Zamrak sowie die mündlich überlieferten Instrumentalmusik, Evokationen und Tänze aus Städten, in die Andalusier während und nach dem Krieg massenweise emigrierten. Der letzte Teil endet mit der Erinnerung an die Zwangsbekehrung aller Muslims im Königreich Granada 1502 in einem Dialog zwischen der syrischen Sängerin Waed Bouhassoun und dem Kantor, dem Klagelied  Maqam Hizaj. Die vorliegende Aufnahme bezeugt leidenschaftlich,welche Macht die Musik bei der Förderung des interkulturellen Dialogs besitzt. Zugleich ist die CD eine Hommage an alle Musiker, die an der Einspielung beteiligt waren.“ Da darf freilich der unvergleichliche Meister der arabischen Laute Oud, Driss El Maloumi, nicht vergessen werden. 

Die musikalische Qualität, das tiefe Empfinden und die atmosphärische Dichte sind bei diesem musikalischen Geschichtsporträt über die 500 Jahre von 1013 bis 1526 wie bei allen Aufnahmen Savalls beispielhaft. 

Ein 280 Seiten dickes Booklet informiert ausführlich über die Historie von der Gründung des Königreichs Granada bis zur Übergabe an die Krone von Kastilien und Léon sowie einen interessanten Aufsatz von Dorlos Bramon, Universität Barcelona, mit dem Titel: „Von der trügerischen Annahme eines wunderbaren Zusammenlebens der „Drei Kulturen“. 

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

 

 

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