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ALTE MUSIK: Gesang/ANNA PROHASKA; Laute/ELIZABETH KENNY

26.07.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

3760014192500 ANNA PROHASKA: Serpent & Fire – Arien für Dido und Cleopatra  – Alpha Classics CD

Anna Prohaska, eine  der absoluten Favoritinnen der Berliner Opernszene, hat sich in ihrem Album „Schlange und Feuer“ der Königinnen aus Afrika – Dido und Cleopatra -angenommen. Dabei servieren Anna Prohaska gemeinsam mit dem kundigen Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini nicht nur Altbekanntes, wie die berühmten Vertonungen von Henry Purcell („Ah Belinda, I am press‘d with torment“; „When I am laid in earth“) oder Georg Friedrich Händel („“Se pieta di me non senti“), sondern widmen sich großteils unbekanntem Terrain. So kann der Musikfreund hörenswerte und teils in ihrer kompositorischen Qualität den berühmteren Stücken in nichts nachstehende Arien von Christoph Graupner („Dido, Königin von Karthago), Antonio Sartorio(„Giulio Cesare in Egitto“) oder besonders Daniele da Castrovillari entdecken. Dessen elegische meisterhafte Vertonung „A Dio regni, a dio scettri“ mit Flöte solo setzt die Seelenqualen der Protagonistin in edle und ergreifende Töne. Aber auch Johann  Adolf Hasse („Didone Abbandonata“) und Francesco Cavalli(„Didone“) haben Wesentliches zu den beiden großen geschichtlichen Opernfiguren Dido (erfunden) und Cleopatra (real) zu sagen gehabt. Zwischen den vokalen Perlen barocker Opernkunst darf das Ensemble Il Giardino Armonico zeigen, dass es bei rein instrumentalen Kostproben von Henry Purcell(Ouvertüre zu „Dido“, Chaconne aus „The Fariy Queen“), Matthew Locke („The Tempest“), Dario Castello (Sonata decimaquinta a quarto) oder Luigi Rossi(Passacaille del Seig-R.Louigi) ebenso brilliert wie als Begleiter der Berliner Diva.  

Der Zeitabschnitt, den Anna Prohaska mit ihren Königinnen musikalisch durchschreitet, reicht von 1640 bis 1740. Ob die schlichte Zurücknahme der Purcell‘schen Dido, die hochdramatische, virtuose, an Verzierungen überreiche Vertonung von Christoph Graupner („Agitato da Tempeste“), oder die herzergreifende Arie aus Händels Giulio Cesare („Se pieta di me non senti“), alle Pole an musikalischem Ausdruck versteht Anna Prohaska mit großer Finesse, Farbenreichtum und technisch meisterhaft in beseelten Gesang zu übertragen. Unterstützt durch eine vorzügliche Textverständlichkeit scheinen die Figuren musikalisch rein aus dem Wort und ihren klanglichen Deutungsrahmen Kontur zu gewinnen. Dem besonders in der Mittellage prächtig leuchtenden Sopran scheinen keine Grenzen an Differenzierung und klanglichen Valeurs gesetzt zu sein, in den Höhen klingt die Stimme monochromer. Alle Verzierungen und Läufe, Koloraturen und Triller gelingen wie am Schnürl und tragen zum großen Hörvergnügen bei.

Insgesamt ein hoch erfreuliches Programmalbum, das dank des vitalen Einsatzes des Dirigenten Giovanni Antonini auch eine  Sternstunde barocker Klangkultur geworden ist.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

0691062052726 JOHN DOWLAND: Lachrimae or Seven Tears – Phantasm, Elizabeth Kenny – SA-CD LINN – Semper Dowland semper Dolens – VÖ: 29.7.

Geschrieben für Laute und Streichinstrumente (Violas) finden diese Tänze wie Pavanes, Galliardes und Almands nachempfundenen in ihrem Grundduktus zutiefst melancholischen Gesänge für ein Kammermusikensemble ihre Wurzeln in Bußpsalmen Orlando di Lassos  bzw. Madrigalen von Luca Marenzio. Was frappiert und berührt ist der stete musikalische Fluss, der Kummer und Trauer in fließenden Tränen apostrophiert, in höchster Feinheit und ziseliert in zahllosen Varianten. Die Sprache des Schmerzes ist so vielfältig wie jede emotionale Lebensäußerung. Neben den sieben kunstvollen Lachrimaes sind auf der CD noch 14 weitere Tänze (vornehmlich Galliards) zu hören, die quasi als Selbstporträt des Komponisten Widmungen an ihn nahestehende Personen enthalten: Da gibt es den zweiten Earl of Essex (Opernfreunden auch bekannt  als Roberto Devereux, der wegen Hochverrats gegen Elizabeth I 1601 hingerichtet wurde), Sir Henry Umpton, ein aristokratischer Musiker oder Captain Digorie Piper, ein überführter letztlich total verarmter Pirat, der zu hohen Entschädigungszahlungen an die Opfer verurteilt worden ist. Das ihm gewidmete „If My Complaints Could Passions Move“  ist besonders berührend. Weitere illustre Namen sind in diesen Stücken verewigt: Mr. Bucton, Sir John Souch, Henry Noell, John Langton. Gewidmet sind die 1604 entstandenen Lachrimae Anna von Dänemark, Königin von England und Schottland, der Dowland alle guten Eigenschaften der Göttinnen Juno, Pallas Athene und Venus zuschreibt.

Ein Film läuft vor des Hörers Auge ab, den sieben langsamen Stücken zu Beginn weichen nach und nach durchaus auch dynamisch und rhythmisch abwechslungsreiche Kompositionen, der wahre Tanzcharakter der Piècen kommt nach und nach zu seinem Recht: Dudelsackimitationen und aufblitzender Frohsinn signalisieren die andere Seite der Medaille: Tränen können ja auch Ausdruck von Freude und Glück sein. Dowlands Musik sind aber in erster Linie Reflexionen über ein poetisches Thema; in seinem Leben begründet, aber weit darüber an Aktualität und Universalität gewinnend. Die darin in Form gegossene polyphone Harmonie spiegelt repetitive Motive,  abgewandelt in neue Kombinationen, und führt über das Anhören zu Trost und Ruhe. Der Musik wohnt ein meditativer Charakter inne, der in seiner „semistatischen Unruhe“ magisch wirkt.

Die Lautenistin Elizabeth Kenny und ihr grandioses Ensemble (Laurence Dreyfus, Jonathan Manson, Mikko Perkola, Emilia Benjamin, Markku Luolajan-Mikkola) verliehen der Musik all ihre Tiefe, Unaufgeregtheit und einen natürlichen Fluss, der den Hörer mit sich hinwegträgt. An manchen Tagen ist dies wohl das Größte, was Kunst zu leisten vermag. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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