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ALEXANDER SCRIABIN: SYMPHONIEN Nr. 1 und 2 / Valery Gergiev, LSO

11.07.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

0822231177029  ALEXANDER SCRIABIN: SYMPHONIEN Nr. 1 und 2 / Valery Gergiev, LSO Live 2 SA-CDs – „Glory, eternal glory to art“

Dem als Pianisten mit Zwirbelschnauzer, Farb-Synästheten und adeligen Komponisten von Klavier- und Orchesterwerken bekannt gewordenen russischen Exzentriker war das Genie nicht direkt in die Wiege gelegt. Nach einer Vielzahl an Preludes, Ètudes, Nocturnes und Mazurken wandte sich Scriabin der Komposition von Orchesterwerken zu. In den beide ersten Versuchen, die Valery Gergiev hier mit seinem London Symphony Orchestra live 2014 im Barbican London aufgenommen hat, sind das Suchen nach kreativer Eigenständigkeit und das Ringen mit der Form auffällig. Offenbar hat Scriabin seinen Fähigkeiten zu großen Durchführugnen nicht ganz getraut, so konstruierte er seine erste Symphonie sechssätzig mit eher kurzen Teilen ( der vierte dauert nur drei einhalb Minuten). Im Schlusssatz, der mit einer Apotheose auf die Kunst endet, versucht sich Scriabin an einer Erweiterung über das Symphonische hinaus mit Mezzo, Tenor (Ekaterina Sergeeva, Alexander Timchenko) und einem großen Chor (London Symphony Chorus). Das klingt zuweilen banal und aufgeblasen nach einfach gestrickter Filmmusik. Noch weit von seiner späteren „Klangzentrumstechnik“ entfernt, mäandern die thematischen Einfälle und chromatischen Versuchsanordnungen noch etwas wirr und ungeordnet durch die Partitur. Man wähnt sich auf einer Wiese, wo einer den Blumen nachläuft und sich nicht entscheiden kann, an welcher er riechen soll. Es wagnert hörbar durch die Gänge, wobei impressionistisches Jonglieren mit Instrumentalfarben und dynamische Zurücknahme ins Lyrische den Charakter der Musik prägen. Russische Folklore wird man bei Scriabin ohnedies vergebens suchen. Prägnante Einfälle und große melodische Bögen sind ebenfalls Scriabins Sache nicht, bisweilen plätschert es nach Art des Siegfried-Idylls (ohne dessen Intensität nur annähernd zu erreichen) dahin.

Die fünfsätzige zweite Symphonie ist trotz der nur mäßigen Aufnahme der ersten Symphonie kurz nach der ersten entstanden. Die fünf Sätze sind in einer dreisätzigen Form gruppiert: Der erste und zweite sowie der vierte und fünfte Satz werden ohne Pause hintereinander gespielt. Ähnliche Tugenden und Untugenden prägen auch dieses symphonische Werk. Blitze an Inspiration kommen und gehen, verlieren sich des öfteren eher in einem Klangbrei (Andante) als sich dramatisch zu entwickeln und hinterlassen wenig greifbare Spuren im akustischen Gedächtnis. Der Hörer hat auch die Möglichkeit, diesen Klangstudien zuzuhören und sich einfach mit dieser Musik treiben zu lassen. Andrew Huth schreibt, dass Scriabins Musik häufig auf einem Kontrast zwischen aktiven und passiven Themen beruht, die Energie und Trägheit symbolisieren. Der Mystiker Scriabin hat hier wohl programmatisch zugeschlagen. Der monströse Egoman („Ich bin die Apotheose der Schöpfung – Ich bin das Ziel aller Ziele – Ich bin das Ende aller Enden“) hatte zur Jahrhundertwende seinen Weg zu einer spezifischen Atonalität und sinnlichen Klangsprache à la „Prométhée, Le Poème du feu“ noch nicht gefunden.

Valery Gergiev holt mit dem London Symphony Orchestra bei einem etwas pauschalen Ansatz wohl das Beste aus dieser Musik heraus. Die Aufnahmequalität ist gut, ein mehr an Transparenz und Tiefenstaffelung im Klang hätten dennoch gut getan.

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

 

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