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ALEXANDER ALYABYEV: Klaviertrios, Klavierquintett – Beethoven Trio Bonn

25.10.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

alyabiev ALEXANDER ALYABYEV: Klaviertrios, Klavierquintett – Beethoven Trio Bonn – Avi CD – Kammermusik vom Feinsten: Entdecken Sie den russischen Schubert!

Man könnte meinen, das wilde Leben dieses sibirischen „Kindes“ in diesen auf der neuen CD prächtig gespielten Kammermusikwerken heraushören zu können. In seinem Geburtsort Tobolsk, „dem zentralen Tor zum rauhen Land der Verbannung und Deportation“ war häusliches Musizieren eine weit verbreitete Tugend. So auch im Haus des Gouverneurs Alyabyev. Später wohnte unser junger Held in St. Petersburg und Moskau, bevor er an den Kriegen gegen Napoleon teilnahm. Als Oberstleutnant setzte er sich mit 36 Jahren zur Ruhe, um sich ganz der Musik und Komposition zu widmen. Bekannt geworden ist Alyabyev vor allem durch sein Lied „Die Nachtigall“, von dem Transkriotuone von Liszt und Variatioenn von Glinka fpür Klavier existieren. Die Primadonnen Adelina Patti, Henriette Sonntag, Polina Viardot und Marcella Sembrich verwendeten es in ihrer Gesangsstunde in Rossinis Barbier von Sevilla. Alyabyev hat auch eine Opera buffa „Die Mondnacht“ und das Ballett „Die Zaubertrommel oder Ein Nachspiel zur Zauberflöte“ geschrieben.

Hier interessiert uns aber seine Kammermusik, die ganz der Tradition der Wiener Klassik und der Frühromantik verhaftet ist. Das junge, 2005 gegründete Beethoven Trio Bonn nimmt sich mit seinem neuesten Album vier (eher frühen?) Werken des Komponisten an. Dem jugendlich ungestümen einteiligen Klaviertrio in Es-Dur (1815) folgt die Violinsonate in e-moll. Rinko Hama (Klavier) und Mikhail Ovrutsky (Violine) legen hier ein impulsives Temperament an den Tag, das den volksliedhaften, tänzerischen Themen in expressiv, verspielter Weise besonders gerecht wird. Ein wie wilder lebenshungriger „Hund“ Alyabyev gewesen sein muss, lässt sich anhand des einsätzigen Klavierquintetts gut erahnen. Sein Kompositionsstil erinnert mich hier eher an Beethoven. Da kocht es in der Seele bei allem Ebenmaß in der Form. Der sehr lebensbejahende vitale Grundduktus der Komposition wird vom Beethoven Trio, verstärkt durch die fomidablen Musiker Artur Chermonov (Violne) und Vladimir Babeshko (Viola, Stipendiat der Anne Sophie Mutter Stiftung) ebenso voller Elan, Hingabe und Verve interpretiert. Die folgenden Stichworte zur dunklen Seite in Alyabyevs Leben sind sprichwörtlich russisch literarisch: Spielleidenschaft, Schlägerei, Mordanklage, Verbannung in seinen Geburtsort (!), Auftrittsverbot und Polizeiaufsicht bis zum Lebensende…

Es wäre ja kein Künstler, würde sich all das, ob als Prädisposition oder als schon Erlebtes nicht in der Musik niederschlagen. So kann das abschließende Große Trio in a-moll mit einem weitaus „romantischeren“ Duktus als die anderen auf der CD präsentierten Werke aufwarten. Da wühlt und brennt es und der passionierte Zuhörer leidet im ersten Satz gehörig mit, bevor ein Adagio und ein final virtuoses Allegretto dem Hörer endgültig die Begegnung mit einem großen Meister klar werden lassen. Das Klavier nimmt wie bei fast allen hier dankenswerterweise vorgestellten Preziosen eine Sonderstellung ein. Alyabyev hat offenbar sein Können am Klavier auf die Kompositionen übertragen und gleichzeitig viel von seiner Seele, seinen Sehnsüchten und Capricen in den Klavierpart gesteckt. Da kommen neben aller Vielseitigkeit in Bezug auf technische Brillanz und Satzfertigkeit auch interessante innovative Beziehungen zur Violine und Cello zum Tragen, die Musik hört sich stellenweise wie eine launige Improvisation an. 

Im Ergebnis eine voll gelungene Rehabilitation dieser trotz allen Bezügen zur Wiener Klassik genuin russischen Werke, die erst Ende der 1940-er Jahre in Archiven wieder entdeckt wurden. Und wie Iosif Rajskin im Booklet anmerkt, illustrieren sie „in hervorragender Weise das Heranreifen und Werden der russischen Kompositionsschule.“

Auch für Aufnahmetechnik und Repertoirewert erhält diese CD von mir 5 Sterne.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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