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AACHEN: KING ARTHUR – Premiere

02.04.2012 | KRITIKEN, Oper

Das große Abracadabra oder King Arthur und Merlin das Purcellical – Henry Purcell / John Dryden: King Arthur – Theater Aachen, Premiere 1.4.2012


Foto: Wil van Iersel

 Vom Orpheus Britannicus Henry Purcell findet sich auf hiesigen Spielplänen vereinzelt seine einzige „komplette“ Oper „Dido and Aeneas“ ein, seine sog. Semi-Opern haben es seit jeher schwer, jenseits des Kanals Fuß zu fassen. Umso dankbarer ist man, wenn man einmal solch einer Trouvaille ansichtig wird. Das rührige Theater Aachen, dass über ein großes Schauspiel- und Opernensemble verfügt, wagte nun gestern den Spagat mit der Semi-Oper „King Arthur“. Reizvoll und problematisch zugleich ist dieses Genre, das Schauspiel und Oper zu verschmelzen sucht. Liebevoll nahm sich Bühnenbildner Albrecht Hirche der Aufgabe an, Höhepunkt der poetischen Einfallskraft der köstliche Schafregen und -reigen aus dem Schnürboden im zweiten Akt. Das überdimensionierte, gespaltene Tortenstück mit seinen großen Lettern, das Zauberwort „ABACADABRA“ kryptisch aufteilend, entführt die Phantasie des Zuschauers in einen verwunschenen Zauberwald, die ausgeklügelte Farblichtregie von Eduard Joebges half dabei den Zauber effektvoll zu unterstreichen. Die frech bunten, teilweise kühn gewagten Kostüme von Franziska Grau atmeten etwas vom Charme der Ritter der Kokosnuss der britischen Monty Python Group. Regisseur Albrecht Hirche hätte gut daran getan, „seinem“ Ausstattungsteam dabei zu folgen. Der Running-Gag, Drydens britisches Original und die deutsche Übersetzung parallel oder synchron sprechen zu lassen nutzte sich (zu) rasch ab und wirkte nunmehr fad und geschmäcklerisch, zumal das offene Rund, akustisch nicht sehr glücklich, einiges beim Sprechen zur Hinterbühne schluckte. Der Schauspielregisseur tat sich im übrigen sichtbar schwer mit der Umsetzung der Musikpassagen, die fast wie eingeschobene Fremdkörper im dichten Raum des Schauspiels wirkten. Ein besonderes Ärgernis war dabei des Regisseurs Verweigerung des Finales in dem es zur ersten großen erkennenden Begegnung der beiden Liebenden Emmeline und King Arthur kommt. Für Regisseur Hirsche war das aber bereits „The End“, wie die Übertitelanlage unmißverständlich in leuchtenden Lettern erklärte. King Arthur nicht nur als Herrscher Albions zu zeigen, sondern als König der Herzen der gesamten Welt, war ein netter Gag, hat mit Stück und Handlung aber ebensowenig zu tun, wie das große Picknick zu dem die finalen Chöre und Arien untermalend erklangen. Da wurde eine große Chance vertan, zumal der Durchschnittsabonnent, bei dem man die Kenntnis dieses selten gespielten Werks wohl kaum voraussetzen darf, nicht unbedingt versteht, was dieser luxuriöse musikalische Appendix nun noch soll. Dabei war Studienleiter Volker Hiemeyer mit dem im hochgefahrenen Orchestergraben süperb aufspielenden Sinfonieorchester Aachen hörbar bemüht,  Purcells Partitur würdevoll auszubreiten. Das gelang ihm vor allem in den exzellentern Instrumentalpassagen und den vom Opern- und Extrachor Aachen (Einstudierung: Andreas Klippert) fulminant vorgetragenen Chorpassagen. In manchen Arien wäre Hiemeyer gut beraten gewesen, seinen Protagonisten zügigere Tempi angedeihen zu lassen, taten sich vor allem Kathariana Hagopian (Sopran) und Pawel Lawreszuk (Baß), der im übrigen den musikalischen Höhepunkt, die Arie des Frostgeistes verschenkte, schwer mit der Tessitura der für sie wohl ungewohnten Literatur.

Wie Purcell auch klingen kann bewiesen im Wohllaut Katrin Stösel (Sopran), Astrid Pyttlik (Mezzosopran), die auch als quirlig emsiger Luftgeist Philidel gefiel, der Sänger des St. Georgs Hymnus Patricio Arroyo (Tenor) und der wohltimbrierte Bariton Jorge Escobar. Recht uneinheitlich präsentierte sich leider auch das Schauspielensemble. Während sich Thomas Hamm in schwarzer Rittermontur als Sachsenkönig Oswald mit überbordendem Humor als köstliche Macho-Schlagetotparodie schnell in die Herzen der Zuschauer spielte, blieb Karsten Meyer als King Arthur doch seltsam blaß und steif. Auch Julia Brettschneider als Emmeline blieb hinter den Erwartungen zurück, sie lieferte brav ihren Text ab und war vor allem Opfer der fatalen retardierenden Momente, die der Regisseur großzügig über den Abend bleiern verstreute. Im gewagten Kostüm des janusköpfigen Sachsenmagiers Osmond, der seine Männlichkeit nur zu gerne zur Schau stellte, konnte Elke Borkenstein reüssieren. Mit überbordender Spiellaune und atemberaubender Kodderschnauze quollen des Magiers Unverschämtheiten nur so aus ihr heraus, das Aufzählen weiblicher Genitalreize hätte allerdings etwas gestraffter von statten gehen können. Das aberwitzigste Kostüm ließ Franziska Grau dem Erdgeist Grimbald als wandelnden Fäkalhaufen angedeihen, Robert Seiler füllte es mit Würde und überzeugte auch mit derber Komik. Niedlich in seiner Schrulligkeit und sich wie dereinst Catweazle ständig in seinem überlangen Bart verheddernden Merlin gefiel mit leisem Kammerton Joey Zimmermann.

Ein zwiespältiger Abend, der zwar durch einige poetische Einfälle gefiel, aber mit fast drei Stunden leicht ermüdend wirkt. Nun stehen bis Anfang Juli noch elf Aufführungen dieser Semi-Oper auf dem Spielplan des Theaters Aachen, bleibt zu hoffen, dass mit den Zauberkünsten Merlins und Osmonds sich die bleiernen Nebel der Premiere noch lösen lassen und die Aufführung an Fahrt gewinnt, dann hätte sie das Zeug für einen vergnüglichen Theaterabend für die ganze Familie, wir wünschen von hieraus das beste.

Dirk Altenaer

 

 

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