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AACHEN: DON CARLO. Premiere

10.02.2014 | KRITIKEN, Oper

AACHEN: DON CARLO          Premiere am 9. Februar

 Auch nach dem Jubiläumsjahr 2013 wird kein Opernhaus ohne Wagner und Verdi auskommen wollen. Wenn Aachen „Don Carlo“ gibt, so hat dieses “Encore“ eine zusätzliche lokale Legitimation, begeht man hierorts doch das Karls-Jahr. Und da wollte man wohl mit etwas Besonderem aufwarten. Gespielt wird die Oper in der 5aktigen „Modena“-Version, welche auf die Scala-Fassung (1884) zurückgreift und zusätzlich das Fontainebleau-Bild berücksichtigt. Das bedeutet eine Aufführungsdauer von 3 ¾ Stunden, aber die ist bei Verdis inspirierter Musik nicht nur zumutbar, sondern auch willkommen. Dass die Länge des Abends das szenische Defizit der Aachener Produktion unterstreicht, steht auf einem anderen Blatt. Aber dieses sei erst zuletzt aufgeschlagen, drängt es doch, die Karätigkeit der musikalischen Präsentation hervorzuheben.

  KAZEM ABDULLAH setzt mit dem SINFONIEORCHESTER AACHEN die Musik unter Dampf, wobei die Akustik des Hauses mitunter etwas vergröbernd wirkt. Aber man wird dramatisch aufgewühlt. Doch auch Verdis Melos kommt optimal zur Geltung.

 Das Aachener Ensemble besteht ausschließlich aus nicht-deutschen Sängern (Ausnahmen bei den flämischen Deputierten). Dieser Hinweis sei wohlgemerkt lediglich statistisch verstanden und als Hinweis auf eine typische Situation an deutschen Bühnen. Die Aachener Besetzungsliste würde sich fast für ein Gastspiel in Korea anbieten. Dieses Land liefert Sängernachwuchs mittlerweile en masse. Da wäre in Aachen zum einem WOONG-JO CHOI als Filippo, ein Bassist, der drei Jahre zum Ensemble gehörte, um dann wieder in sein Heimatland zurückzukehren. Als Marke stand er aber gastweise zur Verfügung und wird Aachen nun erneut zu seiner Heimstätte machen. Choi verfügt über einen ausladenden, ausdrucksstarken und doch sensibel nuancierenden Bass (leichte Intonationstrübungen am Premierenabend in „Ella giammai m’amò“); und er agiert sehr markant. Das tut auch ANDREA SHIN in der Titelpartie. Bei ihm fasziniert jedoch vor allem eine von der Tiefe bis hin zur Extremhöhe hinein in punkto Timbre und Dynamik perfekt ausgeglichene Stimme, die emphatisch zu glühen und doch lyrisch zu schmeicheln versteht. Koreaner darf man auch in TAEJUN SUN (kerniger Lerma), EUI HYUN PARK (ein vokal ansprechender Mönch) und Maria-Eunju Park (sphärische Himmelsstimme) vermuten. SANJA RADISIC, eine Serbin, ergänzt als mezzoflammende Eboli das Ensemble ausgesprochen positiv.

 Der Isländer HRÓLFUR SAEMUNDSSON interpretiert mit dem Posa ein Fachpartie, und das respektabel. Doch fehlt seiner Stimme Italianità-Färbung, und darstellerisch wirkt er wie ein deutscher Beamter. Die Bulgarin IRINA POPOVA hat sich seit 2005 als vielseitige Rollengestalterin erwiesen. Ihre Elisabetta lässt allerdings (zumal neben Andrea Shin) ein schon immer beobachtetes Flackern der Stimme über Gebühr hervortreten; die Belcanto-Intensität imponiert gleichwohl. Respekt auch für den Großinquisitor von JACEK JANISZEWSKI, der als Wassermann in „Rusalka“ aber einen noch stärkeren Eindruck hinterließ. Die Belgierin SOETKIN ELBERS wird mit ihrer Stimme sicherlich noch fertig. Den (weiblichen) Tebaldo muss sie als nervige Zicke geben.

 Womit das Szenische des Aachener „Carlo“ anzusprechen wäre. MICHAEL HELLE kommt vom Schauspiel her und war in dieser Sparte zeitweilig als Oberspielleiter in Aachen engagiert. Mit d’Alberts „Die toten Augen“ erprobte er (wohl erstmals, und sehr glücklich) seine Operneignung und präsentierte in der Folge u.a. hochintelligent durchleuchtet und spielerisch flüssig „Nozze di Figaro“. Sein „Don Carlo“ ist – ohne Umschweife gesagt – eine Katastrophe. Nur in ganz seltenen Momenten spürt man eine gestaltende Regiehand (Vorspiel Filippo-Arie). Meist werden auf der Bühne lediglich Auf- und Abtritte geordnet: eine hausbackene Schreit-Choreografie nicht zuletzt beim Chor. Die nun wirklich spannende Psychologie bei den Figuren der Oper verdorrt kläglich unter einer blühenden Musik. Die stupendeste Negativ-Idee Helles ist, sich den toten Posa wieder erheben zu lassen, denn es muss ja vorhanglos zum letzten Bild gewechselt werden. Rodrigo zeiht Schuhe und Socken aus, ordnet sie sorgsam. Eine Putzfrau erscheint, verstaut die Klamotten in einem Müllsack und reinigt mit einem Mopp den blutigen Boden. Weitere Nachweise für inszenatorisches Unglück gerne auf Anfrage. Das Einheitsbühnenbild von DIETER KLAß blässelt vor sich hin, die Kostüme langweilen mit ihrer öden Modernität, die an Einsichten nichts bringt. Im Schlussbeifall ein einsames Buh. Es hätte per Mikro verstärkt werden sollen.

 Christoph Zimmermann

 

 

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