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AACHEN: DER FREISCHÜTZ. Neuinszenierung

07.02.2015 | Oper

Aachen: Der Freischütz   Premiere am 1. Februar, 2. Vorstellung am 6. Februar

  „Und ob die Wolke sie verhülle“. Fromme Worte Agathes. Für den hier zeichnenden Rezensenten verdichteten sie sich zu einem immer brennender werdenden Wunsch in Bezug auf die Neuinszenierung von Webers Oper am Aachener Theater. Er wurde nicht erfüllt. In der felsenfesten Überzeugung, nach dem dümmlichen Bilderbuchspiel der ersten drei Bilder könne von Regisseur Martin Philipp nichts Aufmunterndes oder gar interpretatorisch Vertiefendes mehr kommen, verließ der Berichterstatter genervt die Aufführung. Hätte er vielleicht doch aushalten sollen? Der Besuch der zweiten Vorstellung gab Gelegenheit, die maßgebliche Lokalkritik der Premiere im Internet nachzuprüfen. Eine Zwischenüberschrift lautet hier „Nach der Pause wird es besser“. Vielleicht also hat der Flüchtling Schuld auf sich geladen. Aber der personale Verschiebebahnhof der Aachener Inszenierung ließ Stimulierendes einfach nicht mehr erwarten, und das Gesehene war einfach zum Grausen.

 Martin Philipp ist dem Aachener Publikum vertraut. Von 2005 bis 2008 war er künstlerischer Produktionsleiter und Regieassistent für Musiktheater und Schauspiel am Theater Aachen, wo er eine Vielzahl von Theaterstücken inszenierte, unter anderem Eine Nacht in Venedig von Strauß,  Orpheus und Eurydike von Gluck, die Kinderoper Das Traumfresserchen von Wilfried Hiller sowie die Familienstücke Tom Sawyer und Robin Hood. Danach arbeitete er als freier Regisseur im Bereich Musiktheater und Schauspiel. Seine letzte Produktion in Aachen war in der vergangenen Spielzeit das Projekt Kennen lernen im Studio Mörgens. Doch was hilft diese Andeutung einer Erfolgssträhne beim aktuellen Regiedefizit?

 Für seine Inszenierung hat sich Martin Philipp von Detlev Beaujean eine Art Soffittenbühne bauen lassen. Hier grünt es so grün, und die Kostüme von Kristopher Kempf führen so richtig schön ins Biedermeier. Das mag erquicklicher sein, als wenn Max in Unterhosen oder Agathe in durchsichtigem Chiffon auftreten würden. Aber historische Stichhaltigkeit ist noch keine Interpretation, und hier fehlt es an allen Ecken und Enden. In der Wolfsschlucht deuten sich weiterführende Gedanken zumindest an. Samiel erscheint nicht in persona, sondern lediglich als stilisiert diabolisches Konterfei auf Drehwände. Seine Worte werden von Kaspar gesprochen: Andeutung einer Persönlichkeitsspaltung. Ansonsten aber gibt es in der Wolfsschlucht nur Donner, Blitz und Dampf. Banal, banal – und ohne Aussicht auf Verbesserung.

 Immerhin vermittelte der Vorpausen-Besuch musikalisch verbindliche Eindrücke, freilich nicht nur günstige. Justus Thorau war bislang in Karlsruhe tätig und ist seit November 2014 erster Kapellmeister am Theater Aachen. Aus dem Orchester des Hauses vermag er (noch) keine Philharmoniker zu formen, aber die Musiker legen sich mächtig ins Zeug und erreichen in der Wolfsschlucht eine dramatische Klangdichte, welche dem Bühnengeschehen unschwer den Rang abläuft.

 Die Sänger von Ottokar und Eremit konnten nicht gehört werden. Ansonsten ist die Aachener Sängerriege solide, freilich nicht mehr. Der von Camille Schmoor engagiert porträtierten Agathe fehlt beispielsweise der innige Grümmer-Ton, um auf die ideale Vertreterin dieser Partie anzuspielen, welche in ihren frühen Jahren in Aachen engagiert war. Wie früher ihre Kollegin ist jetzt auch Rosemarie Weissgerber Stipendiatin der Theater Initiative Aachen, als Ännchen einstweilen mehr robust als charmant. Der schwedische Tenor Johan Weigel  hat eine erfolgreiche lyrische Karriere hinter sich. Als Max zeigt er sich stimmphysisch verlässlich, intonatorisch schon weniger und verfügt nicht über sonderlich viele Zwischentöne für die komplexe Figur. Mit seinem fundamentreichen Bass kommt Woong-jo Choi bei schnellen Tempi etwas in Bedrängnis, aber der figürlich attraktive Koreaner erweist sich auch als Kaspar als Persönlichkeit. Als Kilian ist Jorge Escobar o.k.

 Christoph Zimmermann

 

 

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