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„A. IST MANCHMAL WIE EIN KLEINES KIND“

28.03.2012 | buch

Stefan Kurz / Michael Rohrwasser / Daniel Schopper
„A. IST MANCHMAL WIE EIN KLEINES KIND“
Clara Katharina Pollaczek und Arthur Schnitzler gehen ins Kino
400 Seiten. Verlag Böhlau 2012 

Das Leben erfüllt nicht alle Wünsche. Clara Katharina Pollaczek (1875-1951) hätte gerne Arthur Schnitzler geheiratet. Und vermutlich träumte sie auch davon, dass sie als Schriftstellerin weit über ihren Tod hinaus bekannt wäre. Nichts davon ist geschehen. Man kennt diese Clara Loeb, verheiratete Pollaczek, die sich später amtlich die pompöse „Katharina“ in ihren Namen schreiben ließ, im Grunde nur, wenn man genauer mit Arthur Schnitzler befasst war. Dann allerdings galt der „Pollaczek-Nachlass“ in der damals so genannten „Stadtbibliothek“ (heute die Wien Bibliothek im Rathaus) als kostbarer Geheimtipp.

Denn Jahre nach Schnitzlers Tod hat Clara, wie man sie einmal verkürzt nennen darf, ihre Erinnerungen an die gemeinsame Beziehung niedergeschrieben. Das umfangreiche, maschinengeschriebene Manuskript nennt sich „Arthur Schnitzler und ich“ und enthält Tagebuch-Aufzeichnungen Claras, Lamenti über die Beziehung und viele Briefe. Für Einblicke in den Alltag des Dichters sind die Aufzeichnungen unschätzbar. An eine Veröffentlichung des gesamten Konvoluts hat leider noch niemand gedacht.

Es war das wissenschaftliche Interesse an Arthur Schnitzlers Kinobesuchen, das nun auf Umwegen zu Clara Katharina Pollaczek führte. („Arthur Schnitzler und der Film“, über die Verfilmung seiner Werke, die Drehbücher etc. ist in mehreren anderen Publikationen aufgearbeitet, darunter einem hervorragenden Band des Wiener Filmarchivs.) Michael Rohrwasser, seit 2005 Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Wien, veranstaltete dazu ein Seminar, Stephan Kurz, Assistent am Institut für Germanistik, wandte sich in diesem Zusammenhang dem Pollaczek-Nachlass zu, und herausgekommen ist eine Zusammenführung des Schnitzler-Tagebuchs und der Pollaczek-Aufzeichnungen zum Thema Kino. Denn eine Hauptbeschäftigung des von 1923 bis zu Schnitzlers Tod 1931 liierten Paares bestand in Kinobesuchen.

Wobei Michael Rohrwasser, wissenschaftlich fundiert, drei Motive für Schnitzlers geradezu exzessive Kinobesuche in den zwanziger Jahren herausarbeitete: Das Medium interessierte ihn, den Theaterautor, geschäftlich, weil hier durchaus Geld zu holen war (so misstrauisch er der Filmbranche gegenüber stand); er suchte ganz einfach Zerstreuung, Ablenkung, leichte Unterhaltung, was auch die Wahllosigkeit der Filmbesuche erklärt; und er ging lieber ins Kino als ins Theater, einfach um in der Öffentlichkeit nicht erkannt zu werden.

Nur in einem Exkurs erwähnt Michael Rohrwasser, was zweifellos ein Hauptmotiv von Schnitzlers Kinobesuchen war: Seit seinem dritten Lebensjahrzehnt wurde er zunehmend schwerhörig, Theater zu verstehen, bereitete ihm Schwierigkeiten, der Genuss an Musik reduzierte sich durch das dauernde Zwitschern in seinem Ohr – die Filme, die er sah, waren Stummfilme, sie allein ermöglichten ihm ein schrankenloses Genießen (so wie alle anderen Mitmenschen, die nicht hörbehindert waren). Der große Bruch zwischen Stumm- und Tonfilm erfolgte um das Jahr 1930, Schnitzler hat mit seinem Tod 1931 den vollen Siegeszug des Tonfilms nicht mehr erlebt. Er hätte ihm, dem fast Tauben, das Medium auch weniger erstrebenswert gemacht.

Und was die Beziehung zu Clara Katharina Pollaczek betraf, so war diese extrem schwierig, vor allem auf Grund ihrer Totalitätsansprüche auf ihn, die er nie akzeptierte. Clara musste sich abfinden, dass Schnitzlers geschiedene Frau Olga nach wie vor ihren Platz in seinem Leben behauptete, dass Schnitzler durchaus Freundinnen neben ihr hatte (etwa Hedy Kempny), und in seinen letzten Jahren erlebte er mit Suzanne Clauser noch eine große Passion, die ihn weit tiefer berührte als die Beziehung zu Clara je. Wie schwierig es zwischen ihnen lief, zeigte sich oft bei Spaziergängen, wo Schnitzler stundenlang schweigend neben Clara herging, was sie nahezu zur Raserei trieb. Da war es eine sozialpsychologisch relativ einfache Lösung im Beziehungs-Joch, gemeinsam ins Kino zu gehen… Man musste nicht miteinander reden und hatte nachher, beim Essen, etwas, worüber man sich neutral unterhalten konnte.

Diese Kinobesuche stellen nun nach den einleitenden Artikeln (neben Rohrwassers Schnitzler-Artikel zeichnet Kurz den Lebensweg Claras nach) den Hauptteil des Buches. Dabei werden seine und ihre Tagebuchaufzeichnungen zitiert, auch mit den flankierenden Angaben: Wenn etwa Schnitzler am 7. März 1929 verzeichnet, man habe den „Adjutant des Zaren“ gesehen und anfügt, „Linde genachtmahlt“, so nennt Clara den Titel des Films nicht, wohl aber, das man in der „Linde“ Franz Theodor Csokor getroffen habe, was Schnitzler wiederum keinerlei Erwähnung wert war…

Dennoch stellen in diesem zentralen Teil des Buches die Filme selbst den Schwerpunkt dar, denn die Autoren haben sich die Mühe gemacht, jeden einzelnen gesehenen Film aufzustöbern (manchmal nur auf Grund der Erwähnung des besuchten Kinos, wo man dann aus den Zeitungen herausfinden konnte, was gespielt wurde) – und diese Filme mit Datenmaterial, Inhaltsangabe und Kritiken zu versehen, wie man sie aus zeitgenössischer Literatur herausholen konnte. Eine enorme Arbeit, die letztendlich den Filmwissenschaftler, den Filmfreak zum Adressaten dieses Buches macht. Zumal es noch einen interessanten Überblick über die damaligen Lichtspielhäuser Wiens und die Arten, damals „ins Kino zu gehen“, gibt. Große Mühe hat man sich auch mit einem exorbitanten Personenverzeichnis gegeben.

Die für den Titel gewählte Formulierung „A. ist manchmal wie ein kleines Kind“ schrieb Clara am 17. November 1927 nieder, als er offenbar darauf bestanden hatte, direkt zweimal hintereinander ins Kino zu gehen. Endlich ist sie an der Seite Schnitzlers einen kleinen Schritt aus dem Dunkel der Vergessenheit getreten. Was den Dichter selbst betrifft, so bedeutet dieser Band einen Beitrag zu seinem 150. Geburtstag, der sich zwar auf einer biographischen Nebenschiene bewegt, aber für alle Schnitzler-Freunde natürlich von erheblichem Interesse ist.

Renate Wagner

 

 

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