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BADEN-BADEN: VERDI-GALA – ANNA NETREBKO – YUSIF EYVAZOV – DOLORA ZAJICK – ELCHIN AZIZOV“


Anna Netrebko, Yusif Eyvazov, Michelangelo Mazza. Copyright: Michael Gregonowits

Baden-Baden: „ANNA NETREBKO – YUSIF EYVAZOV –

DOLORA ZAJICK – ELCHIN AZIZOV“

Verdi – Gala 29.11.2018

Zu einer „Verdi-Gala“ hatte das Festspielhaus elitäre Künstler der internationalen Opernszene geladen: das berühmte Sänger-Ehepaar Anna Netrebko – Yusif Eyvazov dazu den legendären Met-Star Dolora Zajick sowie den Bariton Elchin Azizov. Instrumental begleitete die Philharmonie Baden-Baden zur Stabführung des italienischen Maestro Michelangelo Mazza.

Das umfangreiche Programm mit ausschließlich Werken aus Giuseppe Verdi´s Feder wurde mit der Ballettmusik zu „Otello“ eröffnet, in unterschiedlichen Qualitäten gestalteten sich die weiteren orchestralen Beiträge solistisch mit den Ouvertüren zu „Nabucco“, „La Forza del Destino“, dem Vorspiel zu „La Traviata“. Trotz manchen temperamentvoll-transparenten Begleitungen der Sänger hatte Maestro Mazza die Philharmonie vermutlich mangels ungenügender Proben nicht immer im Griff.

Nach freudiger Begrüßung der Künstler Anna Netrebko und Yusif Eyvazov eröffneten die beiden Gesangstars den vielversprechenden Konzertabend mit dem Duett Giá nella notte densa. Ein jugendlich-strahlend lyrischer Otello und seine betörend intonierende Desdemona sangen die Sterne vom Himmel und demonstrierten gleich zu Beginn Belcanto in Weltklasse-Formation.

Wie dereinst Garanca, Flórez u. Co. wird es scheinbar zur Manie sich Verstärkung ins Beiboot zu holen? Gewiss ergab sich dadurch eine sehr interessant-imponierende Programm-Gestaltung und so manche Szenerie schäumte über bar so viel expressiver Verdi-Leidenschaft.

Mit kräftig robustem Bariton offerierte Elchin Azizov der Charaktere der Partie entsprechend das Credo des Zynikers Jago. Jahrzehnte galt Dolora Zajick als Koryphäe des Mezzofachs u.a. an der Met, feierte große Erfolge und präsentierte nun im reifen Zenit Azucenas Stride la vampa.

Wohl den optischen Fauxpas vermeidend sang im Quartett aus „Rigoletto“ zum tenoral schmelzreich angestimmten Bella Figlia dell´amore in verführerischem Mezzoton Svetlana Shilova die Maddalena. In der späteren Presse-Information zu den Photos war zu lesen: Die Sängerin sprang für die gesundheitlich angeschlagene Dolora Zajick, die aufgrund ihrer Indisponiertheit mit großem Bedauern auch darauf verzichten musste, die im Programmheft angekündigte Arie der Eboli zu singen. Sie bittet um Verständnis. Anm. meinerseits: aus welchen Gründen auch immer war dafür auch kein Ersatz möglich.

Operndramatik, große Gefühle pur offerierten Anna Netrebko und Dolora Zajick zur Szene Aida-Amneris aus dem ersten Akt „Aida“. Zum Aplomb der kultivierten Vokalkunst sank La Netrebko in natürlich berührender Darstellung auf die Knie, bot unbeschreibliches Sopran-Ambiente auf höchster Ebene und krönte das Finale mit sphärischen Obertönen.


Anna Netrebko. Copyright: Michael Gregonowits

In technischer Versiertheit verband die geniale Sopranistin zu herrlichem Legato, einschmeichelndem Timbre, gleichwohl betörenden Piani wie tempestoso Akzenten zur Gestaltung Leonoras Pace, pace, mio Dio aus „La Forza del Destino“ sowie zur stilistisch absolut elitären Nil-Arie der Aida“ in unvergleichlichen Interpretationen und verteidigte so auf hohem Niveau, ihre unangefochtene Spitzenposition in der Weltrangliste ihres Faches.

Eyvazov und Azizov fochten als Alvaro/Carlo ihr tenoral-baritonales Duell der „La Forza“ mit leidenschaftlicher Furore in bester Stimmqualität aus und boten im Terzett aus „Il Trovatore“ assistiert von Netrebko vokal energiegeladene Verdi-Emotionen.

Kultiviert, legatoreich, strahlend präsentierte Yusif Eyvazov seine attraktiven tenoralen Mittel bei Manricos Romanze und Stretta aus „Il Trovatore“ sowie dem vortrefflichen Rezitavo und der wunderbaren Arie Quando le sere al placido des Rudolfo aus „Luisa Miller“.

Mit dem unverwüstlichen Brindisi aus „La Traviata“ beschlossen die Künstler das offizielle Programm und ließen sich vom begeisterten Publikum feiern. Zugabe erfolgte keine.

Gerhard Hoffmann

 

 

SALZBURG/ Großes Festspielhaus: A DUE VOCI . Anna Netrebko und Yusef Eyvazov


A due voci 2018 · Schlussapplaus: Yusif Eyvazov, Anna Netrebko, Mozarteumorchester Salzburg. Copyright: Salzburger Festspiele/ Marco Borrelli

Großes Festspielhaus

A DUE VOCI: ANNA NETREBKO & YUSIF EYVAZOV(29.8.2018)

Liebhaber großer Stimmen kamen voll auf ihre Rechnung, aber auch die Fans von Anna Netrebko und Yusif Eyvazov mussten zugeben, dass der Gala-Abend im Großen Festspielhaus – mit dem Mozarteum-Orchester unter dem dynamischen Jader Bignamini – eine zwiespältige „Tour de force“ war. Vor allem der erste Teil, der Giuseppe Verdi gewidmet war, stand offenkundig unter der Show- Devise: „Wer verfügt über das meiste Material?“ Schon der Auftritt der „Diva assoluta“ Anna Netrebko mit der Arie und Stretta der Lady aus „Macbeth“ war erstaunlich. Die russische Sopranistin sang voller Dynamik, Mittellage und Tiefe klangen wie ein pastoser Mezzo, die Höhen und Koloraturen loderten wie ein Vulkan. Zumindest die Lautstärke war rekordverdächtig! Das Publikum rast, die Applaus-Fieberkurve ist hoch oben; und das gleiche wiederholt sich bei der Arie und Stretta des Manrico aus „Il trovatore“: Yusiv Eyvazov punktet vor allem mit endlos gehaltenen Forte-Höhen; die Mittellage ist gewöhnungsbedürftig; von Legato ist nicht viel zu bemerken. Doch dann geht es weiter mit eher lyrischen Arien: Anna Netrebko hat einige Mühe mit der „Pace-Arie“ aus „La forza del destino“; hier passt einfach nicht die dunkle Stimmfarbe; die Piani sind sogar mitunter verwackelt; und ähnlich geht es ihrem Ehemann Eyvazov mit der Arie des Alvaro aus der gleichen Oper; das ist nicht seine Rolle und auch bei ihm reagiert das Publikum weniger euphorisch. Zuletzt – im Giuseppe Verdi gewidmeten  1.Teil, der auch die Ouvertüre von „Un giorno di regno“ und ein ansonsten gestrichenes Ballett aus Otello bringt – bleibt der Zwiespalt: das große Liebesduett zwischen Otello und Desdemona liegt dem in Algier geborenen Tenor einfach zu tief; und die dunkle Stimme von Anna Netrebko passt  so gar nicht zu der geforderten „Engelhaftigkeit“. Leichte Enttäuschung also in der Pause; doch dann folgt die Überraschung bei Giacomo Puccini: in „Tosca“ und „Madama Butterfly“ beweist Anna Netrebko ihre einzigartigen Qualitäten. Die Stimme klingt nun – bei der Szene mit Cavaradossi und dem Gebet der „Tosca“ leicht und silbrig, die Höhen „gleißen“ geradezu und auch ihr Partner überrascht das Publikum. Nicht das „höhensichere“ „Nessun dorma“  aus „Turandot“ wird zum Höhepunkt seiner Mitwirkung: ausgerechnet die „Sternen-Arie“ aus „Tosca“ erzielt die größte Wirkung und das abschließende Duett aus „Madama Butterfly“ heizte die Applaus-Fieberkurve  dorthin an, wo sie zweieinhalb Stunden früher begonnen hat.

Bleibt zu erwähnen, dass sich das Mozarteum-Orchester recht wacker unter dem Italiener Jader Bignamini schlug, obwohl Verdi-, Mascagni (Cavalleria-Zwischenspiel) und Puccini kaum zum Kernrepertoire des Klangkörpers gehört. Zuletzt Jubel, Trubel Blumen; für Zugaben war es um 22Uhr30 offenbar zu spät. Zum Gala-Abend gehört doch auch ein kulinarischer „Nachtisch“. Und der ist so spät gar nicht leicht zu finden!

Peter Dusek

WIEN/ Staatsoper: IL TROVATORE – letzte Netrebko-lose Vorstellung der Serie

13.09.2017   Staatsoper Wien:    „Il Trovatore“

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George Petean (Luna). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Auch abseits des Starrummels um die große Diva findet Oper statt. Das ist gut so, denn man wird der vielen Superlative – berechtigte wie unberechtigte – müde, man will sich wieder ganz und gar auf die Musik und alle Protagonisten konzentrieren. Diesfalls in einer Aufführung des „Trovatore“, dem Reißer der Operngeschichte schlechthin.

Die Inszenierung  von Daniele Abbado hat schon viele nicht begeistert, ausgenommen die üblichen Verschiebungen von Zeit und Raum ist ihm nicht wirklich Originelles eingefallen. Das Einheitsbühnenbild von Graziano Gregori, ein Dorfplatz in der Provinz, die Palastfassade eines sehr verarmten Landedelmannes und eine zeitweise abgedeckte Hinterbühne sorgt für trostlose Stimmung. Die Kostüme (Carla Teti) passen zur tristen Stimmung, einzig Leonore darf auch einmal in Weiß erscheinen. Die Personenführung besteht darin, dass die Solisten das Heil in der Rampe suchen, zu sehr hat man den Bühnenraum mit allzu vielen Menschen befüllt, die nicht unbedingt notwendig wären. Manche Szene wirkt unfreiwillig komisch, etwa wenn Luna zu seinen Mannen sagt, sie mögen sich „im Schatten der Buchen verstecken“, wo doch hier nicht einmal der kleinste Grashalm zu sehen war. Für uns alte, konservative Opernfreunde gibt es nun einmal wenig Ersprießliches zu finden.

Über all das könnte man hinwegsehen, wenn der musikalische Teil ansprechendes Niveau gehabt hätte. Den undankbarsten Part hatte Maria José Siri als Leonora. Man merkte vor allem in ihrer ersten Arie die Nervosität an, nur als zweite Wahl zu gelten, was ihre Leistung ziemlich trübte. Ihr kräftiger Sopran hat wohl die erforderliche Sicherheit bei hohen Tönen, in der Mittellage klang ihre Stimme stumpf und farblos. Den Manrico sang Yusif Eyvazov, dessen Vorzüge nicht in der noblen Phrasierung und in großer Stimmschönheit zu suchen sind. Sein kräftiger Tenor sprengt alle Ketten, aber Kraft allein ersetzt nicht Technik, zu unausgewogen klingt seine Stimme selbst innerhalb einer Arie, makellose Intonation ist auch nicht seine Stärke. Bei der Stretta hätte sich ein großer (aber auch umstrittener) Tenor der Vergangenheit im Grab umgedreht, da versöhnten nicht einmal die unsauber gesungenen Cs. George Petean war als Luna keine Luxusbesetzung, sein Kavaliersbariton ist für diese Rolle nicht ideal, er musste allzu stark forcieren, da fehlte es dann am eigentlich bei ihm typischen Wohlklang. Bleibt Luciana d’Intino als Azucena. Hier konnte man eine reife und routinierte Bühnenpersönlichkeit erleben, die in ihrer Rolle alles gab, was man erwarten darf: Lyrische Momenten, kräftige, temperamentvolle Ausbrüche und am Ende die Resignation, die sie stimmlich sehr gut zum klingen brachte.

Jongmin Park war ein sehr guter Ferrando mit markantem Bass. Die kleinen Rollen waren mit Simina Ivan (Ines) und Jinxu Xiahou (Ruiz) gut besetzt.

Marco Armiliato war ein sicherer Leiter des aufmerksam und gut spielenden Orchesters. Die Choreinsätze waren zum Teil etwas schlampig.

Das nicht ganz gefüllte Auditorium spendete viel Applaus, den in diesem Ausmaß eigentlich nur die Direktion für die Installation der neuen Displays verdient hat.

Johannes Marksteiner

BERLIN/ Waldbühne: Selbst der Wettergott liebte ANNA NETREBKO & YUSIF EYVAZOV

Berlin/Waldbühne: Selbst der Wettergott liebt Anna Netrebko und Yusif Eyvazov, 31.08.2017

Anna Netrebko und Yusif Eyvazov im Duett, © DAVIDS
Anna Netrebko und Yusif Eyvazov bei der Zugabe  „Brinidisi“. Copyright: Davids

 Am Morgen noch rund 30 Grad, dann Gewitter und Schauer. Abends ein Temperatursturz und erneut dräuende Wolken. Doch während es im großen Berlin anderenorts schüttet, ziehen weitere angekündigte Schauer haarscharf  an der Waldbühne vorbei. Der Wettergott weiß, was sich gehört, wenn die Anna Netrebko Open Air in Berlin auftritt, nun erstmalig hier mit ihrem Ehemann Yusif Eyvazov.  Beide mit Stimmen, die wohl auch ohne die hier übliche Verstärkung bis in die Wipfel der hohen Bäume reichen würden.

 Für die musikalische Begleitung und Auffüllung des Programms sorgen der eher unauffällige Neue Kammerchor Potsdam sowie das engagiert aufspielende Ungarische Staatsopernorchester unter der Leitung von Michangelo Mazza. Leider lässt die Übertragung einiges zu wünschen übrig, so dass die Stimmung in der nicht ausverkauften Waldbühne bei der anfänglichen Nabucco-Ouvertüre noch recht kühl bleibt. Nach der Pause, beim allseits bekannten Carmen-Vorspiel, klatscht das Publikum begeistert im Takt mit.

 Eines ist jedoch klar – die rd. 15.000 Zuhörerinnen und Zuhörer wollen Anna plus Mann erleben, doch nicht wenige brechen in amüsiertes Lachen aus, als sie mit langem Blondhaar zum schwarzen Glitzerkleid erscheint. Dass sie seit einiger Zeit erblondet ist, hat sich bei vielen Berlinern und den zahlreich angereisten Gästen noch nicht herumgesprochen. Und sie haben nicht ganz unrecht. Das ursprünglich schwarze Haar rahmte ihr schönes Gesicht weit besser.

Natürlich bringen die beiden Stars zu einem solchen Event die Hits mit, was (fast) alle kennen und hören wollen, das „best of“ an Opernarien. Ganz so leicht möchten es aber Anna und Yusif ihren Fans doch nicht machen. 

Bravourös startet sie mit Verdis “Macbeth” und lässt als machtgierige Lady Macbeth mit „Nel di della vittoria…Ambitioso spirto… bereits erkennen, wie sie ihren ebenfalls machtgierigen, aber schwächlichen Mann zum Mord antreiben wird, um die geweissagte Königskrone zu erringen.

Eine „Stimm-Übung“ der Sonderklasse mit dramatischen Höhen und einer vollen gurgelnden Tiefe. Diese stets fein differenzierte und klangreiche Spannbreite, der bruchlose Gang durch die Register ist Anna Netrebkos Markenzeichen. Hätte sie nicht diese stupenden Höhen, läge die Frage nahe, ob sie mal später gänzlich ins Mezzo-Fach wechselt.

Yusif Eyvazov schließt an mit „Ah si, ben mio…Di quella pira“, Verse, die Manrico in „Il Trovatore singt“, was bestens zu Jusifs knackigem Tenor passt. Power pur, effektvolle und sichere Höhen. Man/frau glaubt diesem Manrico (= Eyvazov), dass er alles wagen wird.

Und es bleibt trotz eines zunächst angenehmen Pianos bei dieser gewissen Heldenhaftigkeit, selbst wenn Eyvazov das bekannte „Celeste Aida“ singt. Anna macht das differenzierter und zeigt ihr zerrissenes Herz. Sie wünscht ja ihrem geliebten Radames mit „Ritorno vincitor!“ den Sieg über den eigenen Vater und sein Heer! Bei Anna Netrebkos Premiere als Aida kürzlich in Salzburg ging dieser großartig gesungene und mimisch dargestellte Zwiespalt zu Herzen und war der Höhepunkt der gesamten Aufführung.

So intensiv wie im Opernhaus wirkt nun in der Waldbühne nicht. Doch ihre Stimme leuchtet durch die Beinahe-Nacht. Schließlich noch beide im Duett mit „Pur ti riveggio, mia dolce Aida“.  Insgesamt betrachtet, macht sich also Anna Netrebko die von ihr selbst als schwierig bezeichnete Aida-Partie nun mit ihrem Ehemann noch weiter zu eigen. Ein Genuss für die Zuhörerinnen und Zuhörer.

Danach lautstarke Bewunderung, als Anna Netrebko in rot schillernder Königinnen-Robe als männermordende Turandot die Mitteltreppe hinab schreitet und dort „In questa reggio“ singt, die raffinierten Fragen, die die Begehrte den Herren stellt, die sie heiraten wollen. Sie alle bezahlen das mit ihrem Leben, nur einer ist ihr über, in diesem Fall ihr Gatte.

Der schmettert das „Nessun dorma“ nur so in die Wolken, der Beifall platzt schon in die letzten Noten hinein. Dennoch ist die Waldbühne keine Arena di Verona, und in Berlin schreit leider niemand „bis!“, wie es die Italiener tun, wenn sie eine Wiederholung fordern. Der nach dieser gelungenen Leistung sichtlich erleichterte Eyvazov hätte dafür genügend Reserven und prächtige Spitzentöne.

Das Lyrische ist dagegen nicht so sein Ding, aber er ist mit der darstellerisch so begabten Anna an seiner Seite, die gerade so wunderbar zärtlich „O  mio babbino caro“ aus Gianni Schicchi  gesungen hat, bereits etwas lockerer geworden. Er weiß sichtlich auch, was er singt und mit welchen Problemen die gerade verkörperten Opernfiguren zu kämpfen haben, der Maler Cavaradossi mit der bevorstehenden Hinrichtung und dem Ende allen erträumten Glücks.

Eyvazovs „E lucevan le stelle“ kommt zunächst fast sanft. Mit Pavarotti und Kaufmann lässt sich das allerdings nicht vergleichen, wird aber dennoch bejubelt. Er freut sich merklich darüber und sagt auf Deutsch: „Berlin, ich liebe dich!“ Lacher im Publikum, denn so dick brauchen wir Berlinerinnen und Berliner das eigentlich nicht (und zum Glück kommt nicht à la John F. Kennedy: „Ick bin ein Berliner“). Das Duett „Non ti scordar di me“ von Ernesto de Curtis hören dann alle gerne.

Und nun kommt, was kommen musste, die Werbung für die erste gemeinsame CD der beiden, betitelt „Romanza“. Schon am Konzertabend wird sie angeboten und ist seit 1. September im Handel.

Anna Netrebko und Yusif Eyvazov beim Schlussjubel © DAVIDS
Yusif Eyvazov und Anna Netrebko beim Schlussapplaus. Copyright: Davids

Anna – inzwischen im hellblauen Frühlingskleid, das Blondhaar als Zopf gebunden – wirkt nun wie ein junges Mädchen, und die beiden singen, na klar, Liebeslieder, für sie komponiert von Igor Krutkov. Anna schmiegt sich beim „La Fantasia“ an ihren Mann, macht gar ein paar Tanzdrehungen mit ihm. Melancholie ist bei seinem Solo „Ricominceró“ angesagt, und nach beim Duett „Cantami“ prasselt der Beifall erneut los. Als Belohnung bekommt das applausfreudige Publikum noch eine schmissig-swingende Zugabe: Das Trinklied Brindisi, ein Hit in/aus Verdis „La Traviata“. Erneut heftiger, lang anhaltender Beifall, Blumen en masse für Anna und ein nun übers ganze Gesicht strahlender Yusif. – Das Konzert wird übrigens am 10. September um 22 Uhr im ZDF ausgestrahlt.    

Ursula Wiegand

BERLIN/Waldbühne: OPEN AIR KONZERT ANNA NETREBKO/YUSIF EYVAZOV

BERLIN / Waldbühne: Open-Air Konzert ANNA NETREBKO & YUSIF EYVAZOV, 31.8.2017 

Bildergebnis für Berlin Waldbühne open air netrebko eyvazov

So viel Aufregung und medialen Hype um einen Auftritt der russisch-österreichischen Superdiva wie in Salzburg oder Wien gibt es in Berlin freilich nicht. Ein Netrebko-Konzert in der coolen deutschen Hauptstadt ist hier kein Staatsereignis, sondern gilt der Sparte Kunst/Unterhaltung oder dem Klassikbusiness und damit basta. Ein paar kleine Plakate hier und da, ein bissl was in der Zeitung. Am 29.8. stand in der B.Z. sogar die bei aller möglichen Kritik abstruse Schlagzeile zu lesen: „Warum will kaum ein Berliner Anna Netrebko sehen?“ Das weiß freilich der Veranstalter anders, nämlich dass „schon jetzt feststeht, dieses Konzert wird die Krönung des Sommers: Denn Starsopranistin Anna Netrebko und Tenor Yusif Eyvazov haben ein Programm zusammengestellt, das Klassikfans jubeln lässt. Romantische „Welthits“ der Oper wie „Nessun dorma“ oder „O mio babbino caro“ von Giacomo Puccini sorgen für Gänsehautmomente….Und auch die Stücke mit Chor und dem Orchester der Staatsoper Ungarn unter der Leitung von Michelangelo Mazza werden begeistern.“ Uff! An solchen Sätzen könnte man sich geradezu verschlucken.

So einfach ist die Welt im hohen Norden Deutschlands aber ohnedies nicht. Jeder Waldbühnenabend ist in Wahrheit ein Vabanquespiel zwischen Gelsenplage (norddeutsch=Mücken) und Regenguss. Ausgerechnet heute gab es in Berlin einen Wetterumschwung, zu Mittag schüttete es wie aus Schaffeln. Am Ende hatten die Operngötter Erbarmen mit Publikum, TV und der ganzen Medienmaschinerie. Der Abend konnte schließlich vor mächtig dräuender rotlichternder Wolkenkulisse mit 20 Minuten Verspätung beginnen. 

Freilich hat Mann/Frau vorher schon lange Stunden ausgeharrt, nachdem die elend mühselige Anreise per Auto (kein Parkplatz ) oder überfüllten Öffis überstanden war. Und die völlig idiotischen „Sicherheitsprozeduren“, die streng wie bei einer Einreise in die USA  sind, haben es ja auch in sich. Jedes Taschenfomat größer als A4 ist strikt untersagt (Bei Zuwiderhandeln wird der Konzertbesucher gnadenlos an eine teure überfüllte „Garderobe verwiesen“ oder geht eben wieder.) und es darf maximal 0,5 Liter Getränk pro Person mitgenommen werden, sonst könnte ja das Geschäft leiden:

HINWEISE ZUR EINLASSKONTROLLE

Bitte beschränken Sie die Mitnahme auf folgende Gegenstände:

Tasche oder Rucksack bis max. DIN A4 (21,0 cm x 29,7 cm)

Jutebeutel/Turnbeutel/übliche Einkaufsplastiktüte, keine „Ikea-Größe“ (Ausnahme, da diese Taschenarten nur ein Fach besitzen und das Kontrollieren am Einlass nicht zeitintensiv ist.)

ein alkoholfreies Getränk pro Person bis 0,5-Liter-Gefäßgröße im TetraPak oder Plastikflasche (PET)

Sitzkissen und Decke

 Bitte verzichten Sie auf das Mitbringen von folgenden Gegenständen:

Tasche und Rucksack über DIN A4 (21,0 cm x 29,7 cm)

Sperrige Gegenstände jeglicher Art (Koffer, Körbe, Helme, Kinderwagen, Stockschirme, etc.)

Speisen und Snacks

Technische Geräte (Notebooks, Tablets, professionelles Kamera-Equipment, GoPros, Selfie-Sticks, große Powerbanks, etc.)

Zugegeben, die Szenerie der Waldbühne, die von den Nazis 1936 (Olympische Spiele) nach dem Vorbild des antiken Theaters in Epidauros errichtet wurde, ist imposant. 22.290 Personen finden auf den 69.585m2 Fläche Platz. Ein angemessener Rahmen für die Größten der Großen im musikalischen Showbiz. Und zwei davon sind heute ja schließlich auch da und singen. Yussif Euyvazov ist in Berlin kein Unbekannter in Sachen Absagen, hat er doch bei dem in der Philharmonie angekündigten Duoabend mit der russischen Sopranistin Maria Guleghina am 13.6. 2017 mit der Deutschen Staatsphilhamonie Rheinland Pfalz sich in allerletzter Minute krankheitsbedingt entschuldigen lassen. Das Publikum hat es erst vor Ort erfahren…. 

Nun, wie war also die „Krönung des Sommers“? Wie sich das für solch ein Spektakel, das am 10. September im ZDF ausgestrahlt und höchstwahrscheinlich als DVD bald manches Schaufenster zieren wird, gehört, sieht die erblondete Diva an diesem Abend nicht nur prächtig aus, sondern ist auch in fast ebensolcher stimmlicher Verfassung: In schwarzer Robe mit edlem Collier kann Anna Netrebko nach der „Nabucco“-Ouvertüre mit „Nel di della vittoria…Ambitioso spirto… Vieni t‘affretta“ aus Verdis Macbeth den Beweis antreten, dass sie im italienischen Spinto-Fach derzeit kaum Konkurrenz zu fürchten braucht. Welche Entwicklung diese Stimme zurückgelegt hat, kann nachvollziehen, wer sich zum Vergleich das Album „sempre libera“ aus dem Jahr 2004 mit Abbado anhört. Nichts Mädchenhaft-Unbeschwertes, sondern da steht eine reife Frau auf der Bühne mit allen guten wie schlechten Erfahrungen im irrlichternden Sommer der Karriere. Netrebkos dramatischer Sopran leuchtet nun überwiegend in dunklen Farben, wobei ein sattes Rembrandt-Rot vorherrscht. Die Höhe klingt im Verlauf des Abends leicht angestrengt, die Tiefe hat hingegen beinahe Kontraaltcharakter. Yusif Eyvazov beginnt gleich mit der Stretta aus dem Troubadour. Angst scheint er nicht zu haben. Technisch ist er 1A, aber es fehlen doch ein wenig an Schmelz und Raffinesse, auch bleiben die monochrome Stimmführung und das herbe Timbre letztlich Geschmackssache. Netrebko kann mit ihrem Salzburg-Hit „Ritorno vincitor“ aus Aida überzeugen, ein vokales Schauspiel der Wahrhaftigkeit mitten in diesem eigenartigen Opernzirkus, dessen schlechteste Seite mit einem übel gesungenen Gefangenenchor aus Nabucco schnell überblättert ist. Ein kräftiges Feldherren-Statement gab Eyvazov mit der Radames Arie „Celeste Aida“. Das Duett „Pur ti riveggio, mia dolce Aida“ beschloss den ersten Teil des Programms. 

Da der Veranstalter offenbar die Unbilden des Berliner Wetters kennt und fürchtet, ging es nach kurzen zehn Minuten Pause weiter. Einem unnötigen „Popolo di Pechino“ folgte die rauschhaft metallisch, aber auch mit ausladendem Vibrato gesungene Auftrittsarie der Turandot „In questa reggio“. Netrebko sorgte hier in rot-silbernem Outfit für Ohs und Ahs. „Nessun dorma“ ist Eyvazovs beste Nummer an diesem Abend. Da imponieren schon die unglaubliche Kraft und bombensichere Höhe seines robusten Tenors. Als instrumentaler Zeitschinder läutete der „Tanz der Stunden“ aus Ponchiellis „La Gioconda“ den „Puccini-Teil“ des Abends mit dem unvermeidlichen und für die letztlich in hellblau gewandete Netrebko zu lyrischen „O 
mio babbino caro“ aus Gianni Schicchi und Cavaradossis „E lucevan le stelle“ aus Tosca ein. Der Rest des Wunschkonzerts: Ernesto de Curtis‘ „Non ti scordar di me“ als Duett, das „Carmen-Vorspiel“, und zuletzt als publikumswirksame Promo für das neue Album „Romanza“ die Schmachtfetzen „La Fantasia“ (Netrebko), „Ricominceró“ (Eyvazov) sowie das Duett „Cantami“ von Igor Krutkov. Als Zugabe – schwer zu erraten – das Brindisi aus Verdis „La Traviata“. Am Ende Jubel und Eyvazovs Geständnis: „Berlin, ich liebe Dich!“

TV- Aufzeichnung am 10. September 2017 im ZDF

Wer (noch) nicht genug hat, kann ja nach Tokyo fliegen. Dort nämlich wird am 28. September nach den Wiener Troubadouren das nächste Konzert mit Anna Netrebko und Yusif Eyvazov im Tokyo City Opera Theater stattfinden. Bis Mai 2018 stehen neun weitere solcher Konzerte in aller Welt in deren Terminkalender.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

SALZBURG/ Großes Festspielhaus: AIDA – Sensationsdebüt von Anna Netrebko. Premiere

Salzburg/ Großes Festspielhaus: WENN SICH DER OPERNHIMMEL ÖFFNET: ANNA NETREBKO’S SENSATIONSDEBÜT ALS AIDA (6.8.2017)


Anna Netrebko (Aida). Copyright: Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele

„Liebestod“ à la Giuseppe Verdi: Aida und Radames sterben freiwillig gemeinsam und nehmen vom „Tal der Tränen“ mit den Worten „Si schiude il ciel“ – „Wenn sich der Himmel öffnet“ Abschied. Und dieser emotionale Flow ging diesmal voll auf das Konto von Anna Netrebko: hier öffnete sich wahrlich der Opern-Himmel! Ihr Rollendebüt als Aida war tatsächlich sensationell und man muss in der Chronik der Oper bis in die Goldenen 50er und 60er Jahre zurückblättern, will man Vergleichbares finden. Die russische Diva hat die große, blühende Höhe für den Triumph-Akt, sie besteht mit ihrem dramatischen Sopran gegen den riesigen Chor, das Orchester und alle Kollegen; aber sie verfügt zudem auch über die zartesten Piani in der Nilarie, im großem Duett mit Radames („Fugir“) oder in der Final-Szene. Dazu kommt, dass die Stimme der Netrebko keinerlei Schwierigkeiten mit der tiefen Lage hat: sie will offenbar ihren Mezzo-Kolleginnen zeigen, was Belcanto-Qualität im dunklen „Samt“ der unteren Tessitura bedeutet.

Und Nerven hat die russische Primadonna mit österreichischem Pass offenbar überhaupt nicht. Oder sie sind aus Stahl. Denn das Hauptproblem dieser Premiere war wohl der hohe Erwartungsdruck, der nur teilweise eingelöst wurde. Vor allem die sehr statische Regie der iranischen Foto-und Video-Künstlerin Shirin Neshat polarisierte das Publikum, auch beim Ensemble gab es Schwachstellen. Immerhin stand ein frischer, jugendlicher Radames mit Francesco Meli, der sich seit seinem Manrico enorm gesteigert hat, zur Verfügung.


 Anna Netrebko (Aida), Ekaterina Semenchuk (Amneris), Roberto Tagliavini (Der König), Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor. Copyright: Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele

Und auch Riccardo Muti mit den Wiener Philharmonikern und dem Wiener Staatsopernchor (L: Ernst Raffelsberger) gehört zu der Haben-Seite dieser Premiere. Doch halten wir uns an die Chronologie: im Vorspiel der 1871 in Kairo uraufgeführten Oper von Verdi versucht Riccardo Muti den kammermusikalischen Charakter zu betonen und nicht den pathetischen „Kriegs-Sound“. Dann die erste Szene: Dmitry Belosselskiy als  düsterer Ramphis bleibt auch in der Folge die beste der „tiefen Männer-Stimmen“. Dann eine wahrlich grandiose „Celeste Aida“ von Francesci Meli (aus Genua): mühelos, hell, mit Emphase vorgetragen. Nun Auftritt von Amneris: Ekaterina Semenchuk wirkt den ganzen Abend angestrengt, nicht in Form – entweder rächt sich das permanente „dramatische Fach“ (von Azucena bis Eboli) oder sie hatte einfach keinen guten Abend. Inzwischen wird klar: die Inszenierung von Shirin Neshat (Bühne Christian Schmidt) setzt ganz auf starke Bilder, verzichtet auf jeden Orientalismus.

Endlich Auftritt von Aida: die russische „primadonna assoluta“ bringt  sofort jene Spannung, die alle erhofften. Sie ist keine Sklavin, sondern selbstbewusste „Rivalin“, ihr phantastisches blau-graues Kostüm (Tatyana van Walsum) könnte bei einem internationalen Mode-Event reüssieren. Erster Höhepunkt: „Ritorna vincitor!“ Als Sieger kehre heim. Die Arie der äthiopischen Prinzessin als Wechselbad zwischen Liebe zu Radames und Patriotismus. Die Gefühle wogen wie das wilde Meer. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Anna Netrebko hat bereits zu diesem Zeitpunkt alles gewagt und alles gewonnen. Und so blieb es auch: der König von Robert Tagliavini war zu bieder und den Raum-Dimensionen des Großen Festspielhauses nicht ganz gewachsen.


Benedetta Torre (Oberpriesterin), Franceso Meli (Radamès), Dmitry Belosselskiy (Ramfis), Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor. Copyright: Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele

Das gilt dann auch für den Amonasro von Luca Salsi. Er wirkt wie der jüngere Bruder von Aida. Dazu ein statischer Triumphmarsch – spätestens hier wird klar, dass das Konzept der „großen Bilder“ nicht wirklich aufgeht. Aber was soll’s wenn man einen so herrlichen Nilakt mit mühelosem hohen Piano-C erleben kann. Und auch das Duett mit Radames hat man selten so verführerisch, so hoffnungsfroh gehört wie bei dieser Premiere. Die Gerichtsszene war dann wieder ein kleiner Rückschritt, am Ende wurde der Tenor auch etwas müde. Aber der überirdische Klang von Anna Netrebko entschädigte dann im Finale für alles, was zu einer Sternstunde fehlte. Das Aida-Rollendebüt von Anna Netrebko ist jedenfalls schon jetzt in die Operngeschichte eingegangen! Und der Opernhimmel hat sich geöffnet!

Peter Dusek

ANNA NETREBKO: VERISMO

netrebko kl ANNA NETREBKO: VERISMO – Deutsche Grammophon CD – Neue musikalische Visitenkarte der Superdiva – das richtige Repertoire zum richtigen Zeitpunkt – VÖ: 2.9. (CD), 30.9. (Vinyl) 

Was den Reichtum an Stimmfarben, Expansionsfähighkeit, Volumen, Legatokultur, Homogenität in den Registern, Stilsicherheit und dramatische Glaubwürdigkeit von Anna Netrebko betrifft, fühlt man sich an die bedeutendsten italienischen Verismo-Diven erinnert. Wenngleich die Stimmführung Netrebkos etwa im Vergleich zu Tebaldi nicht so ebenmäßig ist.

Auf der neuen CD singt die russische Sopranistin Anna Netrebko insgesamt 16 Arien und Duette aus Adrianna Lecouvreur, Andrea Chenier, Madama Butterfly, Turandot (Liu-Arie und die Auftrittsarie der Turandot am Ende lautstark unterstützt durch Yusif Eyvazov), Pagliacci, La Wally, Mefistofele, La Gioconda, Tosca und Manon Lescaut. Bei letzterer Oper assistiert in den Duetten, wie schon anlässlich der konzertanten Aufführungen der diesjährigen Salzburger Festspiele, ihr Ehemann Yusif Eyvazov als musikalischer Partner. Er schlägt sich durchaus wacker an Anna Netrebkos Seite, obschon der Unterschied in Stimmqualität, Phrasierung und dynamischem Differenzierungsvermögen auf Tonträger ins Gewicht fällt. Das macht sich vor allem bei Spitzentönen bemerkbar, wo Eyvazovs Tenor enger wird und Netrebkos cremiger Sopran erst so richtig aufblüht..

Der Chor und das Orchester dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Maestro Antonio Pappano liefern nicht nur den instrumentalen Soundtrack, sondern gestalten diese zwischen leidenschaftlicher Emotion und lang gesponnenen Kantilenen gearbeitete Musik von elegisch bis passioniert aufrauschend auf vollendete Art und Weise. Es herrschen die leiseren Töne vor, Pappano verzichtet weitgehend auf effektvoll knalliges Musizieren. Zwei der Arien fallen freilich streng genommen nicht unter die Ägide des Verismo, Boitos „L’altra notte in fondo al mare“ aus Mefistofele und „Suicidio! In questi fieri“ aus Ponchiellis Oper La Gioconda. Da hat man sich bei der Deutschen Grammophon offensichtlich lieber für populäre Nummern entschieden, als eine Lanze für unbekanntere echte Verismo-Titel (Iris, Zaza, etc.) zu schlagen, wie dies etwa Renée Fleming in ihrem gleichnamigen Album getan hat.

Wie dem auch sei, für Anna Netrebko kommt dieses Repertoire grundsätzlich genau zur richtigen Zeit. Ihr nach wie vor lyrisch grundierter Sopran hat sich in Ansätzen zu einem Spinto entwickelt. Aufbauend auf einem tragfähigen Fundament mit voller, leicht rauchiger Tiefe kann sich eine breite Mittellage mit hoher Ausdrucksdichte und eine fulminant abgedunkelte Höhe entfalten. Eine gute Atemkontrolle, die Beherrschung der Technik, eine bewundernswerte Agilität sowie ein somnambuler Klangsinn lassen die Stimme unforciert und frei fließend strömen. Ein spielerisches Crescendo und Diminuendo, ein getragenes messa di voce, geschmackssichere Portamenti und ein Legato sul fiato sind ebenfalls Atouts von Anna Netrebkos Luxus-Sopran. Allerdings kommen – wie bei vielen mächtigen Stimmen – die volle Qualität und der Obertonreichtum in vollem Umfang nur live im Opernhaus oder Konzertsaal zur Geltung. Was die Auswahl anlangt, so kommt die Arie der Nedda für meinen Geschmack schon zu spät. Der absolute Höhepunkt der CD ist das „In questa reggia“ der Turandot. Der Klang der CD ist sehr hallig, was zwar faserschmeichlerisch wirkt, aber auch das Timbre möglicherweise unnötig verkünstelt.

Neben der Standard-CD und einer Doppel-LP wird »Verismo« als Limited-Deluxe-Version sowie als Chopard-Super-Deluxe-Edition erhältlich sein. Beide enthalten neben der CD noch eine Bonus-DVD. Die Chopard-Edition umfasst weiterhin Fotokarten und ein Chopard-Tuch.

Für Afficionados schöner Stimmen, die nicht die Gelegenheit haben,  Netrebko des Öfteren live zu hören, oder als Erinnerung des Gehörten ist diese CD  jedenfalls eine großartige Sache. Lassen Sie sich diese Freude nicht entgehen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

SALZBURG/ Großes Festspielhaus: MANON LESCAUT – konzertant. Ein Hexenkessel der Gefühle. – Anna Netrebko und Yusif Eyvazov triumphierten

Großes Festspielhaus: EIN HEXENKESSEL DER GEFÜHLE – ANNA NETREBKO UND YUSIF EYVAZOV TRIUMPHIERTEN IN  „MANON LESCAUT“ IN SALZBURG (1.8.2016)


Anna Netrebko. Copyright: Monika Rittershaus

Woran erkennt man eine Primadonna? Etwa an der Tatsache, dass für die Diva Programm-Projekte entstehen, die ansonsten nicht geplant worden wären. Die konzertante „Manon Lescaut“ von Giacomo Puccini, die in diesem Sommer in der Salzach-Stadt  3 mal gegeben wird, ist dafür ein typisches Beispiel. Anna Netrebko, die russische Star-Sopranistin, die vor 12 Jahren als Donna Anna in Salzburg international „entdeckt“ wurde, wechselt immer mehr ins dramatische Fach. Lady Macbeth war bereits ein Riesen-Erfolg, nun werden Tosca und Aida folgen. Aus Norina und Mimi wurde nun Troubadour-Leonore und Manon Lescaut. Und außerdem lernte sie bei ihrem  Rollend-Debüt als Manon Lescaut in Rom – unter Riccardo Muti – ihren  jetzigen Ehemann kennen. Yusif Eyvazov –aus Aserbaidschan – heißt er und ist ein wirklicher C-Tenor. Und bei der Wiener Turandot-Premiere, als er für Johan Botha einsprang – konnte man sich überzeugen, was seine Vorzüge sind. Mag sein, dass er in der Mittellage zu wenig Schmelz hat. Dafür entschädigt er mit fulminanten Höhen, seine Stimme ist riesig und die Durchschlagskraft enorm. Dennoch bezweifelten auch Fans von Anna Netrebko, ob er den Ansprüchen seiner eigenen Ehefrau „standhalten“ könnte. Doch sehr rasch wurde klar. Er kann! Am Ende gab es Jubel, Trubel, Blumen und „standing ovations“ und Yusif  Eyvazov kniete vor dem Publikum nieder und wischte sich Tränen der Rührung aus den Augen. Der psychische Druck muss jedenfalls enorm gewesen sein. Doch der gleichwertige Triumph im Vergleich zu Anna Netrebko – im  riesigen Großen Festspielhaus – entschädigte zweifellos für  die seelischen Belastungen. Doch zurück zur konzertanten „Manon Lescaut“.

Am Pult des Münchner Rundfunkorchesters stand Marco Armiliato, der legitime Nachfolger  eines Albert Erede – ein echter italienischer Kapellmeister, bei dem sich die Sänger besonders wohl fühlen. Er leitete  auch die Wiener „Manon Lescaut“-Vorstellungen mit Anna Netrebko (aber ohne Ehemann) und erwies sich ideal für die Klang-Pracht von Puccini, die von der Melancholie des Zwischenspiels (3.Akt) bis zur Dramatik des tödlichen Finales reicht. Apropos Dramatik: die Abgrund-hässliche und unlogische Wiener Inszenierung geht einem in Salzburg in keiner Weise ab: das Spiel von Anna Netrebko mit ihren Partnern ist intensiv und glaubhaft und unterstreicht die emotionale Wirkung dieser Oper, die für Puccini den Durchbruch brachte. Anna Netrebko als Puccini-Manon – das liefert einen Hexenkessel an Emotionen. Die russische Diva hat nicht nur eine der schönsten Stimmen, sie erzeugt geradezu elektrische Spannungen. Dabei sitzen die Piani wie eh und je, die üppige, dunkle Stimme füllt das riesige Festspielhaus. Anna Netrebko verbindet Musikalität und Psycho-Spannungen, wie sie an die Callas oder Rysanek erinnern. Ein Glücksfall, wer zu Karten kommt.

Yusif Eyvazov kann zunächst noch nicht ganz mit seiner Ehefrau konkurrieren. Die beiden ersten Akte sind nicht für einen Otello oder Radames geschrieben. Aber spätestens mit seiner großen Arie im 3. Akt („Udite“), wenn er sich die Mitreise-Erlaubnis erbittet, zieht er mit Anna Netrebko gleich. Das ist große Oper, die einen kollektiven Flow auslöst. Man fühlt sich an die Zeiten eines Franco Corelli erinnert. Der Rest der Besetzung schwankt zwischen vielversprechend ( Benjamin Bernheim als Edmondo) und ordentlich ( Armando Pina als Bruder mit zu wenig Stimmvolumen). Als Chor sind einmal mehr die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Leitung Ernst Raffelsberger) aufgeboten – wie immer in Bestform! Doch man kann es drehen und wenden wie man will. Mit dieser „Manon Lescaut“ wurden Primadonnen-Wünsche befriedigt. Zur Freude aller Beteiligter! Und das Ehepaar Netrebko-Eyavazov werden wir wohl noch öfters gemeinsam erleben. Wunderbar!

Peter Dusek

BERLIN/ Staatsoper: IL TROVATORE mit Anna Netrebko und Yusif Eyvazov am 14.7.2016

Berlin/ Staatsoper: „IL TROVATORE“ mit Anna Netrebko und Yusif Eyvazov, 14.07.16

Anna Netrebko als Leonora, Foto Matthias Baus
Anna Netrebko. Copyright: Matthias Baus

Bravo Yusif Eyvazov! So die hörbar einhellige Publikumsmeinung während und nach dem Comeback der Il-Trovatore-Inszenierung von Philipp Stölzl aus dem Jahr 2013 in der Staatsoper im Schiller Theater.

Wie gut sie ist, und wie kundig der Filmemacher und mehrfache Opernregisseur die Figuren im Raum agieren lässt, und wie er, mitunter schelmisch, die mit langen Lanzen bewaffnete Soldateska (den spielfreudigen Chor, trefflich einstudiert von Martin Wright) bewegt, fällt erst beim erneuten Hinsehen so richtig auf. An Krach und Bum beim Volksfest fehlt es auch nicht.

Diesmal gibt es auf der Staatsopernbühne (eingerichtet von Conrad Moritz Reinhardt und ebenfalls Philipp Stölzl) mit Yusif Eyvazov als Manrico einen Neuling, den Gatten von Anna Netrebko. – Herrje, was rauschte schon alles an gespieltem Erstaunen über Annas Wahl durch den Blätterwald, wie wurden seine gesanglichen Leistungen fast hämisch infrage gestellt, vielleicht von Leuten, die ihn nie live gehört haben. So nach dem Motto, wer Anna haben will, muss jetzt Yusif mitbuchen.

Die Besucher dieser dritten und letzten Il-Trovatore-Vorstellung der Saison haben unvoreingenommen hingehört. Im zweiten Teil, als er seine Mitstreiter temperamentvoll zum Kampf gegen seinen Nebenbuhler Graf Luna auffordert, lodert es förmlich aus ihm heraus. Danach gibt es in diesem Abend die ersten Bravos überhaupt, und bald nicht nur für ihn. Welch ein knackiger, durchschlagkräftiger Tenor ohne Schärfen und mit strahlenden Höhen.

Ganz selbstverständlich kommt ihm das hohe C aus der Kehle. Der hat das Zeug für einen Heldentenor! Belcanto-Schmelz ist nicht so sein Metier, hohe Schauspielkunst auch nicht. Er äußert seine Gefühle mit Mimik und vor allem mit dem Blick seiner dunklen Augen.

Dennoch gelingen ihm die Liebesszenen mit Leonora (Anna Netrebko) und die Zärtlichkeit gegenüber seiner angeblichen Mutter, der Zigeunerin Azuena (Dolora Zajick), durchaus überzeugend. Sein Wutausbruch, als er Leonora der Untreue bezichtigt, kommt knallig. Ein glaubwürdiger Kämpfer und Liebender. Offenkundig weiß er, was er singt.

Staatsopernchor in der Inszenierung von Philipp Stölzl, Foto Matthias Baus
Staatsopernchor in der Inszenierung von Philip Stölzl. Copyright: Matthias Baus

Das weiß Simone Piazzola als Graf Luna sicherlich auch. Der singt mit mittlerem Stimmvolumen technisch einwandfrei und wohltönend, doch die verzehrende Liebe zu Leonora, die brennende Eifersucht gegenüber Manrico, der tiefe Hass auf die Zigeunerin – all’ das kann ich ihm nicht abnehmen. Dabei hat er doch als Italiener einen Riesenvorteil in dieser auf Italienisch gesungenen Aufführung. Der aber bleibt kühl bis ans Herz hinan und bekommt als Einziger beim Schlussapplaus ein Buh und reduzierten Beifall.

Singen als Job, das ist zuwenig, denn viele, die in dieser Vorstellung sind, haben vor knapp 3 Jahren den damals 72-jährigen Domingo als Graf Luna in dieser Baritonrolle erlebt. Richtig, in den schnellen Passagen war er mitunter kurzarmig, doch mit welch inniger Begeisterung hat er seine Liebe geäußert, mit welcher Kraft Zorn und Kampfgeist beschworen. Schmelz und Timbre sind vermutlich Gottesgaben, doch Gefühle sollte jeder Graf Luna hören lassen. Adrian Sâmpetrean, erneut als Kommandeur Ferrando, kann mit prächtigem, ausdrucksstarkem Bass und Körpersprache weit mehr überzeugen. Einen positiven Eindruck machen auch Anna Lapkovskaja als Inez und Florian Hoffmann als Ruiz.

Herausragend jedoch Anna Netrebko und Dolora Zajick, die beiden Sterne am Abendhimmel, zwei mit einer satten, – pardon – fast vulgären Tiefe, Dolora (Mezzo) auch mit schönen Höhen und beide mit fabelhaften Aufschwüngen.

Klar, dass wohl alle wegen Anna gekommen sind, und sie ist einfach hinreißend und noch Rollen ausfüllender als 2013. In ihrem weißen Reifrock, erneut mit blonder Perücke, bewegt sie sich, hübsch im Kreis schwingend wie eine Spieluhrpuppe über die karge Bühne, die spitz in den Zuschauerreihen hineinragt. Wenn ich mich nicht ganz täusche, hat Kostümbildnerin Ursula Kudrna diesmal den untersten Reifen entfernt, der wirklich sehr hinderlich war.  

Anna, anfangs verliebt zwitschernd wie eine Amsel, gibt dann die, die das wahre Leben lernen muss, aber es in der Hand behält. Vor allem ab dem differenzierteren zweiten Teil erhalten die beiden „Hauptdarstellerin“ die Möglichkeit, all’ ihr immenses Können zu herzuzeigen, zumal sie Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Berlin auf Händen trägt, sie umschmeichelt, einen gelungenen Verdi-Sound liefert und so auch die robusten Szenen prächtig zum Klingen bringt.

Zum ersten Höhepunkt wird das Klostergeschehen mit Anna als angehender Nonne, dann das plötzliche Treffen mit Manrico mitsamt den Liebeschwüren, danach sein plötzlicher Abschied, ihre Angst um ihn als Eingekerkerter, ihr Selbstmord (hier mit dem Dolch), das letzte Wiedersehen. Wie da jeder Ton eingefärbt ist, alle Ängste und Glücksmomente superfein phrasiert und abschattiert werden – wer kann das ebenso ans Herz gehend wie Anna Netrebko? Ganz still wird es, bis auf die wenigen, die wohl gar nichts mitempfinden und weiter laut ungeniert husten.

Als indirekte Gegenspielerin Dolora Zajick als Zigeunerin, die voller Liebe den aus dem Palast geraubten Sohn großgezogen hat und sich ständig um ihn sorgt. Auch sie in jeder Phase glaubhaft. Eine, die den Feuertod ihrer Mutter nie verwunden hat und beim Gedanken daran die Selbstkontrolle verliert. Hier ist es, das „Emotionsgewitter“, wie Stölzl sich seinerzeit äußerte.

Die grausliche Geschichte, die sie Manrico fast fiebrig erzählt, lässt Sensiblen wahre Schauer über den Rücken laufen. Sie soll und will den Feuertod der Mutter rächen, und wider Willen erfüllt sich dieser Wunsch. Graf Luna ersticht Manrico, der ihn einst verschont hat, und tötet so, ohne es zu wissen, den eigenen Bruder.

Eigentlich bricht er nach dieser Nachricht verzweifelt zusammen. Domingo ist förmlich vor Schmerz zusammengebrochen, doch Simone Piazzola ist keine Erschütterung anzumerken. Die Zerstörung der eigenen Brudersuche, die Reue über seine Untat – bei ihm bleibt auch das nur eine tönerne Behauptung.

Riesiger Beifall zuletzt, jede Menge Bravos für Anna Netrebko, aber fast ebenso für Dolora Zajick. Schließlich „standing ovations“, auch für Barenboim und die Seinen. Großartiger hätte die Staatsoper-Saison 2015-2016 nicht enden können.    Ursula Wiegand

WIEN/ Staatsoper: MANON LESCAUT – Saisonabschluss mit Anna Netrebko

Wien/ Staatsoper: MANON LESCAUT am 30.6.2016 – Saisonabschluss mit Anna Netrebko“


Anna Netrebko. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

http://www.operinwien.at/werkverz/puccini/amanonl5.htm

Dominik Troger